Junge in Decke bei Kiew: Was über das Foto bekannt ist

Ein Jugendlicher in einer Decke wird als Opfer eines Folterkellers bei Kiew gezeigt. Was über seine Vorgeschichte bekannt ist und was offenbleibt.

Die Behauptung

Beiträge in sozialen Netzwerken behaupten, der Jugendliche in der Decke sei der jüngste Gefangene eines Folterkellers der ukrainischen Nationalgarde bei Kiew gewesen. Dort seien rund 40 Menschen festgehalten und misshandelt worden.

Aufgestellt von: Nutzerübermittelte Beiträge und Bildausschnitte von X und Facebook. Geprüft wird die Behauptung, der abgebildete 14-Jährige sei ein Gefangener eines Folterkellers gewesen. Recherchestand: 3. November 2026.

Irreführend

Irreführend. Das Foto belegt die behauptete Befreiung aus einem Folterkeller nicht. Laut Slidstvo.Info gelangte der 14-Jährige erst während der Unruhen auf das Gelände und wurde nicht mit den Mobilisierten festgehalten. Ob und wie er dort verletzt wurde, bleibt ungeklärt. Auch die Misshandlungsvorwürfe gegen die Einrichtung sind nicht abschließend aufgeklärt.

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Laut der Vor-Ort-Recherche von Slidstvo.Info gelangte der 14-Jährige erst während der Auseinandersetzungen auf das Grundstück bei Kiew. Er wurde demnach nicht gemeinsam mit den dort untergebrachten Mobilisierten festgehalten. Was ihm nach seiner Ankunft auf dem Gelände passiert ist, wird dadurch noch nicht geklärt.

Anonymisierter Ausschnitt der verbreiteten Aufnahme eines Jugendlichen in einer Decke.
Die Aufnahme zeigt einen Jugendlichen in einer Decke. Sie erklärt nicht, was ihm zuvor passiert ist. Gesichter wurden dauerhaft abgedeckt.

Welche Geschichte wird zu dem Foto verbreitet?

Ein Jugendlicher, eingehüllt in eine Decke und umringt von Menschen: Diese Aufnahme wird mit der Behauptung geteilt, bei Kiew seien 40 Ukrainer in einem Keller gefangen gehalten und gefoltert worden. Der jüngste Gefangene sei erst 14 Jahre alt. Sein Gesichtsausdruck kann auf Betrachter verstört wirken. Die Aufnahme selbst erklärt jedoch weder seinen Zustand noch, weshalb er eine Decke trägt.

Die Bildunterschriften liefern damit eine Erklärung, die das Foto allein nicht belegt. Warum einzelne Menschen die Geschichte weiterverbreiten und ob sie dabei bewusst täuschen, können wir aus den vorliegenden Beiträgen nicht feststellen.

Anonymisierter X-Beitrag mit Vorwürfen über ein Geheimgefängnis bei Kiew.
Ein Beispiel für die verbreiteten Vorwürfe. Der Ausschnitt dokumentiert den Beitrag, nicht die Richtigkeit seiner Anschuldigungen. Accountangaben wurden entfernt.

Was über den Jungen bekannt ist

Am Abend des 2. November 2026 wurde der Jugendliche aus dem Gebäude in Petropawliwska Borschtschahiwka bei Kiew herausgeführt. Wie der Sender My-Ukraine berichtet, sagte er im Gespräch mit Kyrylo Budanow, dem Leiter des ukrainischen Präsidialamts, er sei mit Freunden gekommen. Budanow nahm Kontakt zu seinen Angehörigen auf. Slidstvo.Info berichtet, der Jugendliche sei erst nach Beginn der Unruhen über den Zaun auf das Gelände geklettert.

My-Ukraine erwähnt auch die im Netz verbreitete Anschuldigung, der Junge sei mit einer Schaufel geschlagen worden. In den geprüften Quellen fanden wir keinen unabhängig bestätigten Nachweis dieses Schlags und keinen veröffentlichten medizinischen Befund zum Jugendlichen. Eine Misshandlung ist damit nicht ausgeschlossen. Ebenso wenig ist bewiesen, dass er nur gestürzt sei oder seinen Zustand vorgespielt habe.

Was hat die Frau im Rettungsdienst-Outfit damit zu tun?

Die Frau trug dazu bei, dass die Vorwürfe bekannt wurden. Laut einem von Slidstvo.Info befragten Polizeivertreter erklärte sie, im Haus würden Menschen rechtswidrig festgehalten und benötigten dringend medizinische Hilfe. Sie trat als Ärztin auf und bezeichnete sich als Eigentümerin des privaten Dienstes „Med-Prestige“. Medien griffen ihre Aussagen auf.

Slidstvo.Info identifizierte sie als Walentyna Moloda, Eigentümerin einer Klinik für plastische und ästhetische Chirurgie. Der tatsächliche Eigentümer von „Med-Prestige“ widersprach ihrer Darstellung: Sein Betrieb habe die Arbeit 2023 eingestellt; den betreffenden Krankenwagen habe er 2024 verkauft. Die Gesellschaft selbst bestehe weiter. Diese Widersprüche betreffen ihr Auftreten als Vertreterin des Dienstes. Sie beweisen weder eine fehlende medizinische Qualifikation noch, dass sämtliche Misshandlungsvorwürfe erfunden sind.

Vier verletzte Soldaten und laufende Ermittlungen

Nach Angaben der Nationalgarde war das Haus eine vorübergehende Unterkunft einer Einheit des 1. Korps „Azov“. Dort befanden sich mobilisierte Männer und Soldaten, die ihre Einheit unerlaubt verlassen hatten und zurückgebracht worden waren. Nach den Vorwürfen versammelten sich Menschen vor dem Gebäude, darunter nach eigenen Angaben Angehörige. Suspilne berichtete vor Ort über gewaltsame Auseinandersetzungen. Fahrzeuge wurden beschädigt, Schüsse fielen.

Die Nationalgarde bestätigte Verletzungen bei vier Soldaten und deren Überstellung zur medizinischen Untersuchung. Woher die Verletzungen stammten, war im geprüften Stand nicht abschließend geklärt. Laut Ukrainska Pravda eröffnete das Staatliche Ermittlungsbüro DBR ein Strafverfahren wegen möglicher Überschreitung militärischer Befugnisse. Geprüft werden sollen auch die Unterbringungsbedingungen und Berichte über möglichen Zwang. Ein Ermittlungsverfahren ist noch kein Nachweis einer Straftat.

Die Zahl von 40 Gefangenen bleibt eine Anschuldigung. Auch Äußerungen ukrainischer Verantwortlicher über eine Provokation oder den Nutzen der Geschichte für Russland belegen keine russische Steuerung dieses konkreten Vorfalls. Der Stand der Recherche vom 3. November 2026 erlaubt weder eine pauschale Entwarnung noch die Feststellung, sämtliche Vorwürfe seien inszeniert.

MIMIKAMA · FAKTENCHECK

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