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Alltagsmythos: Wir nutzen nur 10% unseres Gehirns!

Ralf Nowotny, 20. Dezember 2018
Artikelbild: Shutterstock / Von Lia Koltyrina
Artikelbild: Shutterstock / Von Lia Koltyrina

Albert Einstein werden diese Worte gerne untergeschoben, auch Motivationstrainer nutzen diese Behauptung oft. Doch ist da denn was dran?

Für alle Leser, die eine schnelle Aufklärung bevorzugen: Nein, das stimmt nicht!

Warum wird das immer wieder behauptet?

„Wenn so viele das behaupten, muss es doch wahr sein“, denkt sich so Mancher vielleicht. Und der Grund, warum es so oft behauptet wird, ist einfach: Geld.
Menschen und Institutionen wollen damit hauptsächlich nur ihre Methoden schmackhaft machen: „Sie nutzen nur 10% Ihres Gehirns! Aber mit UNSERER Methodik schaffen Sie es, wahre Glanzleistungen zu vollbringen!“
Ob das nun Scientology ist, die das auf ihren Flyern behaupteten oder diverse Karriere- und Motivationscoaches in ihren Büchern:
Nur weil eine Behauptung oft genug niedergebetet wird, ist sie noch lange nicht richtig!

Bildquelle: AGPF.de
Bildquelle: AGPF.de

Einstein sagte das übrigens niemals, es gibt keinerlei Quellen dafür. Es wäre aber auch sehr verwunderlich, da Einsteins Fachgebiet die Physik war, nicht die Neurowissenschaft.

Woher stammt diese Behauptung?

Es geschah im Jahre 1870, als die beiden Physiologen Gustav Fritsch und Eduard Hitzig die Gehirne lebendiger Hunde untersuchten. Dabei stellten sie fest, dass die Hunde die rechte Vorderpfote bewegten, wenn sie ein bestimmtes Hirnareal stimulierten. Wurde dieses Hirnareal entfernt, konnten die Hunde diese Pfote nicht nur nicht mehr bewegen, sie nahmen sie auch gar nicht mehr wahr.

Im Laufe der nächsten 50 Jahre experimentierten viele Forscher auf diese Weise sowohl mit tierischen als auch mit menschlichen Gehirnen. Eine Erkenntnis daraus hallt bis heute noch in der obigen Behauptung nach:

Bei der Stimulation des Gehirns konnten nur durch 10% des Gehirns Muskelbewegungen hervorgerufen werden.

Die anderen 90% des Gehirns wurden „stiller Kortex“ genannt, da dessen Funktion unbekannt war. Heute wissen wir, dass die restlichen 90% beispielsweise für die Sprache und das abstrakte Denken zuständig sind. Damals jedoch war man jedoch unter Nichtwissenschaftlern der Ansicht „unbekannt = keine Funktion“, was sich in den Köpfen festsetzte.

Im Laufe der Jahre wurde jene „Weisheit“ dann leider auch noch durch namhafte Personen gefördert.
So schrieb William James, Psychologe und Philosoph 1906 in einem Essay, dass „wir nur einen kleinen Teil unserer möglichen mentalen und physischen Ressourcen nutzen“.
Der Journalist Lowell Thomas griff diese Worte auf, um das Buch „How to Win Friends and Influence Everybody“ zu vermarkten, und schrieb im Vorwort, dass „der Durchschnittsmensch nur 10 Prozent seiner latenten geistigen Fähigkeiten entwickelt“, als Quelle nannte er den oben genannten William James.

Schock: Wir nutzen 100% unseres Gehirns!

Das mag jetzt überraschend für Manche kommen, aber tatsächlich nutzen wir unsere volle Gehirnkapazität! Dies erklärte der Neurologe der Johns Hopkins Universität, Barry Gordon, gegenüber der Seite „Scientific American„:

„Es stellt sich jedoch heraus, dass wir praktisch jeden Teil des Gehirns verwenden und dass der größte Teil des Gehirns fast immer aktiv ist.“

Rein logisch macht es auch überhaupt keinen Sinn, dass wir nur 10% nutzen:
Unser Gehirn macht nur 5% unserer Körpermasse aus, verbraucht aber 20% unseres Sauerstoff- und Glukosevorrats, was eine ziemliche Verschwendung für so einen kleinen Teil des Gehirns wäre.
Zudem würden wir unempfindlich gegenüber diversen Hirnerkrankungen sein, Kopfverletzungen dürften uns kaum etwas ausmachen.

In Wahrheit ist es jedoch so, dass es tatsächlich leider genug Menschen gibt, deren Gehirn zu 90% nicht mehr funktioniert: Diese liegen allerdings im Koma.

100%, aber nicht alles gleichzeitig

Es ist allerdings nicht so, dass wir zu jedem Zeitpunkt 100% unseres Gehirns nutzen, genausowenig, wie wir zu jedem Zeitpunkt 100% aller Muskeln benutzen. Jedoch haben die unterschiedlichen Regionen des Gehirns unterschiedliche Funktionen, und alle werden innerhalb des Tages genutzt. Auch über Nacht ist das Gehirn recht aktiv, beispielsweise der Frontalkortex, der das Denken steuert sowie die somatosensorischen Bereiche, die für das Erkennen der Umgebung erforderlich sind, während die Muskelsteuerung ausgeschaltet ist, damit wir nicht wild durch die Gegend zappeln, während wir träumen.

Fazit

Seit knapp 150 Jahren hält sich nun also jene falsche Behauptung.
Leider spielt auch Hollywood mit, in dem sie in Filmen wie „Lucy“, „Phenomenon“ und „Limitless“ jenen Irrtum sogar teilweise als Basisgrundlage ihrer Filme nehmen. Bei „Phenomenon“ noch verhängnisvoller, da jener Film von John Travolta produziert wurde, ein bekennender Scientologe, der durch den Film auch noch die verquere Philosophie der Sekte transportierte.

Im Endeffekt aber beruht diese Behauptung nur auf einer Fehlinterpretation der Wirkungsweise unseres Gehirns. Wir nutzen also alle 100% unseres Gehirns. Auch wenn manchmal nicht die besten Ideen dabei herauskommen.


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