Die Behauptung
Ein virales Video zeigt angeblich aktuelle Massenproteste in der Ukraine gegen Präsident Selenskyj – mit Aufnahmen aus Kiew, Lemberg und Odessa.
Faktencheck: Falsch
Falsch. Die meisten Bilder stammen aus den Jahren 2013 und 2014, also aus der Zeit der Maidan-Proteste. Aktuelle Großdemonstrationen gegen Selenskyj sind nicht dokumentiert.
Kurze Faktenübersicht:
- Mehrheit der Bilder: von 2013/2014, Maidan-Proteste.
- Zwei Fotos: von einer kleineren Demonstration im Dezember 2023. Keine Hinweise auf aktuelle landesweite Massenproteste.
- Selenskyj bleibt nach Kriegsrecht legitimer Präsident.
Inszenierte Unruhe: Wie alte Protestbilder für neue Propaganda missbraucht werden
Der Vorfall: Alte Bilder neu verpackt
Ein Zusammenschnitt, der angeblich „Massen Proteste in der Ukraine!“ zeigt, geht viral. In dramatischem Ton zeigt das Video Szenen von aufgebrachten Menschenmengen mit ukrainischen Fahnen, wütenden Gesichtern und Transparenten. Der Clou: Die meisten dieser Aufnahmen sind über ein Jahrzehnt alt. Sie stammen von den historischen Maidan-Protesten 2013/2014 – einer Zeit, in der die Ukraine noch unter der prorussischen Führung Janukowitschs stand.
(hier archiviert)
Trotz der dramatischen Inszenierung ist die Botschaft falsch. Von den aktuellen Massenprotesten gegen Präsident Wolodymyr Selenskyj fehlt in der Realität jede Spur.
Hintergründe: Woher kommt das Märchen?
Die mutmaßliche Absicht hinter dem Clip ist schnell entlarvt: Misstrauen säen. Es soll der Eindruck erweckt werden, Selenskyj sei in der eigenen Bevölkerung höchst umstritten oder gar nicht mehr akzeptiert. Das Video stützt sich dabei auf das Narrativ, Selenskyj sei „nicht legitim“, da es keine Neuwahlen gegeben habe – ein beliebtes Narrativ, das vor allem in russlandnahen Medienkanälen kursiert.
Dabei wird ignoriert: In der Ukraine herrscht seit 2022 Kriegszustand. Nach geltendem Kriegsrecht sind die Wahlen ausgesetzt – ein international akzeptiertes Verfahren, das auch in anderen Demokratien in vergleichbaren Situationen angewandt wurde. Selenskyj bleibt also verfassungsgemäß im Amt.
Kritische Analyse: Die große Täuschung
Bei genauerer Betrachtung des Videos wird deutlich: Es wurde nicht nur mit alten Bildern gearbeitet, sondern auch mit bewusst irreführenden Aussagen. Einige Beispiele:
- Minute 0:18: Die Demonstration stammt vom 13. Dezember 2013 – aus der Ära Janukowitsch. (Quelle)
- Minute 0:38: Das ikonische Bild eines Mannes mit EU-Ukraine-Flagge: Februar 2014. (Quelle)
- Minute 0:53 und 0:58: Zwei aktuelle Fotos – aber von einer kleineren Demonstration im Dezember 2023. Es ging um die Demobilisierung ukrainischer Soldaten, nicht um den Sturz der Regierung. (Quelle)
Der Versuch, diese unterschiedlichen Kontexte zu einem einheitlichen „Volksaufstand“ zusammenzufügen, ist keine Berichterstattung – es ist Desinformation.
Beweise und Quellen: Die Wahrheit in Zahlen und Bildern
Das Kyiv International Institute of Sociology zeigt: Im März 2025 lag das Vertrauen in Präsident Selenskyj wieder bei 67 Prozent, nach einem Tief von 52 Prozent im Dezember 2024. Der Clip enthält kein einziges belegbares Bild aus dem Jahr 2025. Eine umfassende Google-Suche nach aktuellen Protesten liefert keine Ergebnisse – stattdessen finden sich Berichte über Solidaritätskundgebungen für die Ukraine im Ausland.
Die meisten Bilder stammen eindeutig aus älteren, gut dokumentierten Quellen – vor allem von Reuters, der Süddeutschen, ABC News und anderen internationalen Medien.
Fazit zum Thema
Der virale Protestclip ist eine bewusste Fälschung – eine Inszenierung, die mit alten Bildern neue Unruhe schüren will. Wer ihn verbreitet, nutzt Desinformation als politisches Instrument. Fakt ist: Es gibt derzeit keine Massenproteste gegen die ukrainische Regierung. Und Wolodymyr Selenskyj ist nach wie vor rechtmäßig im Amt.
Wer Desinformation betreibt, spielt dem Kreml in die Hände – bewusst oder unbewusst.
Quelle: DPA
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