Lorenz Lorenz-Meyer, ein deutscher Online-Journalist und Hochschullehrer, hat in diesem prägnanten Beitrag ein zentrales Dilemma einer in den letzten Jahren und auch aktuell häufig zu sehenden politischen Strategie offengelegt: Wenn etablierte Parteien die Positionen extremistischer Gruppierungen wie der AfD kopieren, erleiden sie langfristig einen doppelten Schaden. Dieses Phänomen lässt sich durch einen sozialpsychologischen Mechanismus erklären, der als Authentizitätseffekt bekannt ist.
Was bedeutet der Authentizitätseffekt?
Der Authentizitätseffekt beschreibt eine Grundregel der menschlichen Wahrnehmung: Menschen bevorzugen das Original gegenüber der Kopie. Das gilt insbesondere bei ideologischen Überzeugungen. Wenn moderate Parteien versuchen, radikale oder populistische Positionen zu übernehmen (egal in welche Richtung), erscheinen sie in den Augen der Wählerschaft nicht glaubwürdig. Das Original – die extreme Partei – wird als authentischer wahrgenommen, da sie diese Positionen konsequent und ohne Anpassung an gesellschaftliche Konventionen vertritt.
Authentizität wird in diesem Zusammenhang nicht als moralische oder inhaltliche Richtigkeit verstanden, sondern als die Fähigkeit, kohärent und unverfälscht aufzutreten. Parteien, die ihre Ausrichtung ändern oder extreme Positionen adaptieren, vermitteln den Eindruck von Opportunismus und verlieren dadurch ihre Integrität. Dazu gibt es auch entsprechende Studien.
Die Verschiebung des Diskurses
Meyer beschreibt in seinem Posting auf BlueSky an dieser Stelle die Idee, Menschen durch kopierte Extremismen „zurückzugewinnen“ als Teufelskreis. Besonders gefährlich wird dieser Mechanismus, wenn moderate Parteien nicht nur ihre eigene Glaubwürdigkeit untergraben, sondern den gesamten politischen Diskurs verschieben. Meyer bezeichnet diesen Effekt als Radikalisierungsspirale.
Das Muster des Authentizitätseffekts ist klar: Wenn moderate Parteien extremere Positionen übernehmen, werden die extremen Parteien noch radikaler. Sie müssen sich schließlich abgrenzen, um ihren ideologischen Vorsprung zu wahren. Gleichzeitig verschiebt sich das gesellschaftliche „Normalmaß“ weiter nach rechts. Themen, die zuvor als radikal galten, werden plötzlich salonfähig, und die Schwelle für extremistische Äußerungen sinkt.
Konkretes Beispiel: Die bayerische Landtagswahl 2018
Ein anschauliches Beispiel nennt Meyer in seinem Posting die bayerische Landtagswahl 2018. Die CSU führte einen stark einwanderungskritischen Wahlkampf und versuchte damit, AfD-Wähler „zurückzugewinnen“. Das Ergebnis war ernüchternd: Mit nur 37 % erzielte die CSU ihr schlechtestes Wahlergebnis seit 1950. Gleichzeitig zog die AfD mit 10 % der Stimmen erstmals in den Landtag ein.
Dieses Beispiel steht laut Meyer stellvertretend dafür, wie kontraproduktiv es ist, extreme Positionen zu übernehmen. Anstatt Wähler von der AfD zurückzuholen, stärkte die CSU die Konkurrenz, indem sie deren Themen legitimierte und in den Mittelpunkt rückte.
Der doppelte Schaden
Die Forschung (siehe hier) untermauert diese Beobachtung: Parteien, die radikale Positionen übernehmen, verlieren nicht nur ihre Stammwähler, sondern stärken gleichzeitig die extremistischen Kräfte. Dies geschieht, weil sie ihre eigene Identität und ihre Kernbotschaften verwässern. Stammwähler, die sich eine klare Haltung wünschen, fühlen sich verraten, während Anhänger extremistischer Parteien das Original bevorzugen. So und nicht anders funktioniert der Authentizitätseffekt.
Die richtige Strategie: Haltung zeigen
Was können moderate Parteien tun, um diesem Teufelskreis zu entkommen? Lorenz Meyer verweist auf drei wesentliche Ansätze:
- Klare Haltung gegen Extremismus: Parteien müssen sich unmissverständlich von menschenfeindlichen und extremistischen Positionen abgrenzen. Eine klare Positionierung schafft Vertrauen und zeigt Standfestigkeit.
- Echte Lösungen statt Symbolpolitik: Statt populistischen Forderungen nachzugeben, sollten Parteien glaubwürdige und durchdachte Lösungen für gesellschaftliche Probleme entwickeln.
- Vertrauensaufbau durch Authentizität: Authentizität bedeutet, dass Parteien bei ihren Werten bleiben und sich nicht opportunistisch an die Tagespolitik anpassen. Glaubwürdigkeit entsteht durch Beständigkeit und Integrität.
Der Authentizitätseffekt ist ein Problem, ein reales Problem! Er zeigt mehr als deutlich, warum das Kopieren radikaler Positionen weder moralisch noch strategisch sinnvoll ist. Es untergräbt die Glaubwürdigkeit moderater Parteien, verschiebt den politischen Diskurs und stärkt die Extremisten. Haltung zu zeigen ist nicht nur moralisch geboten, sondern auch strategisch klug. Die Wählerschaft schätzt Parteien, die bei ihren Prinzipien bleiben und mit klaren Lösungen überzeugen. Vielleicht sollten alle nicht-extremen Parteien diesen Grundsatz vor sich festhalten und den Authentizitätseffekt für sich nutzen: stärker die eigene Politik in den Vordergrund stellen, anstatt eine schlechte Kopie von Extremismen zu sein.
Quellen:
BlueSky Beitrag Lorenz Meyer
Cambridge University Press
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