Steuert Bertelsmann die Facebook-Zensur? Arvato, Carmack und die Vorwürfe.

Wer entscheidet, was auf Facebook gelöscht wird? Eine kritische Untersuchung.

Die Behauptung

Der Medienkonzern Bertelsmann steuert über seine Tochtergesellschaft Arvato seit 2016 die Moderation und Löschung von Inhalten auf Facebook. Arvato soll eigenständig entscheiden, welche Beiträge – vor allem Hasskommentare – entfernt werden. Zudem gibt es Vorwürfe, dass die Zusammenarbeit von Meta mit dem ehemaligen Trump-Mitarbeiter Dustin Carmack dazu führt, dass rechte Hasskommentare durchgewunken werden, während linke Inhalte strenger zensiert werden.

Falsch

Die Behauptungen, dass Bertelsmann über Arvato die Moderation von Inhalten auf Facebook steuert und die Zusammenarbeit mit Dustin Carmack dazu führt, dass rechte Hasskommentare bevorzugt werden, sind unbelegt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Arvato oder Carmack eigenständig Einfluss auf die Moderation von Facebook-Inhalten nehmen. Die Moderation erfolgt nach den Facebook-Community-Standards und den gesetzlichen Vorgaben, wie dem NetzDG. Die Vorwürfe einer politisch motivierten Moderation oder Bevorzugung bestimmter politischer Positionen konnten bisher nicht belegt werden.

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Der Vorwurf: Facebook bevorzugt rechte Hasskommentare

In sozialen Medien gibt es immer wieder Vorwürfe, dass Facebook rechte Hasskommentare toleriert und linke Inhalte strenger bestraft. Diese Behauptungen konzentrieren sich oft auf Personen wie Dustin Carmack, einen ehemaligen Mitarbeiter der Trump-Administration, dem eine Rolle bei der Moderation von Facebook-Inhalten zugeschrieben wird. Diese Vorwürfe stammen jedoch meist aus inoffiziellen Quellen ohne konkrete Beweise, und Screenshots, die angeblich Carmacks Einfluss zeigen, wurden von seriösen Nachrichtenquellen nicht bestätigt.

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Herkunft und Kontext des Beitrags: Die Behauptung, dass Bertelsmann über seine Tochtergesellschaft Arvato die Löschung von Facebook-Inhalten steuere, stammt aus einem Zeitungsausschnitt der Expresszeitung, einer Publikation, die in der Vergangenheit häufig für die Verbreitung von verschwörungstheoretischen und tendenziösen Inhalten bekannt ist (Quelle). Dieser spezielle Artikel erschien in einer der frühen Ausgaben der Expresszeitung, nämlich in Ausgabe Nr. 4, die unter dem Titel „Manipuliertes Weltbild – Wie unsere Ansichten geformt werden“ veröffentlicht wurde.

Screenshot mit "arvato-Bertelsmann" und "Internationaler Medienkonzern Bertelsmann hinter Facebook-Löschteam"
Screenshot mit „arvato-Bertelsmann“ und „Internationaler Medienkonzern Bertelsmann hinter Facebook-Löschteam“

Der Zeitungsausschnitt im Wortlaut:


„Internationaler Medienkonzern Bertelsmann hinter Facebook-Löschteam
Der Grosskonzern Bertelsmann ist ein Medienimperium, das die Fernsehsender RTL, VOX und NTV, die Zeitschriften Fokus, Geo, Capital und Stern, sowie Onlineportale und Radiosender umfasst. Seine neuere Tochtergesellschaft, die Arvato AG, zensiert seit Januar 2016 Facebook-Einträge. Die Kriterien, nach denen Kommentare und Postings gelöscht werden, obliegen allein Arvato. Sie werden nicht öffentlich gemacht. Durch die Arvato trägt die Bertelsmann AG entscheidend zur Meinungsbildung bei. Es stellen sich einige Fragen: Warum bereinigt ausgerechnet eine 100%-ige Tochtergesellschaft eines der weltweit grössten meinungsbildenden Medienunternehmen Facebook von «Hasskommentaren»?“


Die Realität der Facebook-Moderation: Gleiche Regeln für alle

Facebooks Moderation basiert auf den Community-Standards, die öffentlich einsehbar sind und für alle Nutzer gleichermaßen gelten. Diese Standards umfassen unter anderem:

  • Hassrede: Jede Form von Gewaltandrohung oder Hass basierend auf Rasse, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder anderen geschützten Merkmalen ist verboten.
  • Aufrufe zu Gewalt: Inhalte, die zu Gewalt oder Terrorismus aufrufen, werden umgehend entfernt.
  • Falschinformationen: Facebook entfernt auch Falschinformationen, die Schaden anrichten können, wie z.B. Gesundheits- oder Wahlinformationen.

Der Vorwurf, dass Facebook rechte Hasskommentare bewusst duldet, während linke oder progressive Inhalte härter moderiert werden, lässt sich anhand der vorliegenden Fakten nicht stützen. Mehrere unabhängige Untersuchungen, darunter Berichte von The Guardian und Süddeutsche Zeitung, zeigen, dass die Moderation auf Basis der gemeldeten Inhalte und nicht auf politischer Orientierung erfolgt.

Kritik an Facebook: Rechte Postings oft trotz Meldungen nicht gelöscht?

Ein oft geäußerter Kritikpunkt an der Moderation von Facebook ist die Wahrnehmung, dass rechte Postings oder Hasskommentare trotz Meldungen nicht gelöscht werden. Viele Nutzer berichten, dass sie nach der Meldung die Rückmeldung erhalten, dass der gemeldete Inhalt „nicht gegen die Gemeinschaftsstandards verstoße“. Dies führt zu der Annahme, dass Facebook in der Moderation von rechten Inhalten nachlässiger vorgeht als bei anderen Themen.

Dieser Eindruck könnte jedoch auf mehrere systemische Probleme zurückzuführen sein. Facebook nutzt eine Mischung aus Algorithmen und menschlichen Moderatoren, um Inhalte zu überprüfen. Diese Algorithmen sind jedoch oft nicht in der Lage, den Kontext eines Beitrags vollständig zu erfassen, insbesondere bei der Bewertung von Sprachen, die kulturelle oder regionale Unterschiede aufweisen. Auch menschliche Moderatoren sind oft überlastet, was dazu führen kann, dass Meldungen nicht ausreichend überprüft werden. Dies betrifft Inhalte aus allen politischen Lagern, was jedoch bei besonders sensiblen Themen, wie rechter Hassrede, verstärkt auffällt. Das Gefühl, dass rechte Inhalte bestehen bleiben, könnte also weniger auf eine gezielte Bevorzugung rechter Kommentare zurückzuführen sein, sondern vielmehr auf technische Schwächen und überlastete Moderationskapazitäten.

Steuert Bertelsmann die Facebook-Zensur? Arvato, Carmack und die Vorwürfe. – mimikama.org

Warum entsteht der Eindruck, dass rechte Hasskommentare seltener gelöscht werden?

Es gibt mehrere Gründe, darunter algorithmische Fehler und Arbeitsüberlastung der Moderatoren. Algorithmen sind fehleranfällig, und menschliche Moderatoren sind oft überfordert. Zudem haben Menschen unterschiedliche Ansichten zur Meinungsfreiheit – rechte Nutzer beklagen Zensur, während linke Nutzer denken, rechte Hassrede wird zu wenig moderiert. Filterblasen verstärken diese Wahrnehmung, da Nutzer hauptsächlich Inhalte sehen, die ihre Ansichten bestätigen.

Historischer Hintergrund: Bertelsmanns Nazi-Vergangenheit

Bertelsmann hat in der Vergangenheit behauptet, während der Nazi-Zeit geschlossen worden zu sein, weil das Unternehmen NS-Propaganda verweigert hat. Eine Historikerkommission widerlegte dies 2002 und zeigte, dass der Verlag während des Dritten Reichs aktiv antisemitische und kriegsverherrlichende Bücher veröffentlichte und Zwangsarbeiter beschäftigte. Diese Vergangenheit prägt das Bild des Unternehmens bis heute und könnte das Misstrauen gegenüber Bertelsmanns Aktivitäten, wie der Zusammenarbeit mit Facebook durch Arvato, erklären. Allerdings steht diese Geschichte in keinem direkten Zusammenhang mit Arvatos heutiger Rolle als technischer Dienstleister. (Quelle)

Die Rolle von Carmack im Projekt 2025: Einfluss auf Facebooks Moderation?

Die Vermutung: Carmack soll als Co-Autor des konservativen Projekts „Projekt 2025“ und als ehemaliger politischer Berater von Donald Trump dafür gesorgt haben, dass rechte Kommentare, selbst wenn sie Hassrede oder Gewaltaufrufe enthalten, ungestraft bleiben.

Carmack soll als Co-Autor des konservativen Projekts "Projekt 2025" und als ehemaliger politischer Berater von Donald Trump dafür gesorgt haben, dass rechte Kommentare, selbst wenn sie Hassrede oder Gewaltaufrufe enthalten, ungestraft bleiben.

Wer ist Dustin Carmack und was hat er mit Facebook zu tun?

Dustin Carmack, ein ehemaliger politischer Berater und Stabschef von Ron DeSantis, wurde 2024 als Director of Public Policy bei Meta eingestellt. In dieser Position vertritt er die politischen Interessen des Unternehmens in den südlichen USA, hat jedoch keinen direkten Einfluss auf die Moderationsrichtlinien. Seine Ernennung hat insbesondere in der LGBTQ+-Community Kritik ausgelöst, da befürchtet wird, dass dies zu einer lockereren Moderation von Anti-LGBTQ+-Inhalten führen könnte, während LGBTQ+-Accounts strenger behandelt werden.

Darüber hinaus gibt es Bedenken seitens Kritiker, die Carmacks Mitwirkung am konservativen Projekt 2025 und seine Vergangenheit als Mitarbeiter der Trump-Administration als mögliche Einflüsse auf seine politische Haltung sehen. Einige Nutzer äußern die Sorge, dass seine Rolle bei Meta möglicherweise die politische Ausrichtung des Unternehmens beeinflussen könnte, insbesondere bei Themen wie Meinungsfreiheit und Inhaltsmoderation. Diese Vorwürfe basieren auf seiner früheren politischen Arbeit, obwohl es bisher keine Hinweise gibt, dass er direkt in die Moderation von Inhalten auf Meta-Plattformen involviert ist. (LegiStorm – Dustin J. Carmack)

Project 2025 ist eine Initiative der konservativen Heritage Foundation, die darauf abzielt, die politische und administrative Ausrichtung der USA unter einer möglichen zukünftigen konservativen Regierung zu gestalten. Es handelt sich um einen umfassenden Policy-Blueprint, der Hunderte von Vorschlägen für Änderungen in der US-Regierung enthält, insbesondere in den Bereichen Einwanderung, Bildung, Sozialprogramme und nationale Sicherheit ​(FactCheck.org)​(American Civil Liberties Union).

Zu den wichtigsten Zielen des Projekts gehören:

  • Einschränkung der Einwanderung: Rückkehr zu Trump-Ära-Politiken, wie z.B. strengeren Asylgesetzen und der Abschaffung der Diversitätsvisaprogramme​(FactCheck.org).
  • Reform des Bildungssystems: Mehr Rechte für Eltern und eine Ablehnung von Inhalten, die sich mit Themen wie Rassismus oder Genderfragen befassen​(Presidential Transition Project).
  • Verstärkte Überwachung: Ausweitung der Befugnisse für Cyberspace-Überwachung und mehr Macht für Exekutivorgane​(American Civil Liberties Union).

Die Heritage Foundation selbst betont, dass Project 2025 eine konservative Antwort auf liberale Politikansätze ist und darauf abzielt, die Regierung „zurückzuerobern“​(Presidential Transition Project)​(The Heritage Foundation). Gleichzeitig gibt es Kritik von Organisationen wie der ACLU, die viele Vorschläge des Projekts als verfassungswidrig und als Bedrohung für Bürgerrechte ansehen​(American Civil Liberties Union).

Fazit: Keine Bevorzugung, aber systemische Herausforderungen

Der Vorwurf, dass Facebook rechte Hasskommentare bewusst toleriert, während linke Inhalte strenger moderiert werden, ist nicht belegbar. Die Moderation steht vor großen Herausforderungen, da sowohl Algorithmen als auch überlastete menschliche Moderatoren oft fehleranfällig sind. Diese Probleme betreffen jedoch alle politischen Richtungen gleichermaßen. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Personen wie Dustin Carmack Einfluss auf Facebooks Moderationsrichtlinien haben.

Quellenverzeichnis:

  1. FAZ– Facebook-Löschteam: Jeden Tag Gewaltexzesse
    https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/facebook-loeschregeln-erschreckende-arbeitsmethoden-14577249.html
  2. Facebooks Community-Standards:
    https://www.facebook.com/communitystandards
  3. Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG):
    https://www.bmj.de/DE/themen/digitales/digitale_kommunikation/netz_dg/netz_dg_artikel.html
  4. Süddeutsche Zeitung Magazin – Inside Facebook: Wie arbeitet das Arvato-Löschteam?:
    https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/exklusive-sz-magazin-recherche-inside-facebook-1.3297138
  5. The Guardian – Facebook’s internal rulebook on sex, terrorism, and violence:
    https://www.theguardian.com/news/2017/may/21/revealed-facebook-internal-rulebook-sex-terrorism-violence
  6. The Verge – The Trauma Floor: The secret lives of Facebook moderators:
    https://www.theverge.com/2019/2/25/18229714/cognizant-facebook-content-moderator-interviews-trauma-working-conditions-arizona
  7. DW – Bertelsmann Admits to Nazi Past:
    https://www.dw.com/en/bertelsmann-admits-to-nazi-past/a-650932

Artikelbild: Canva

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