Die Behauptung
Die Veranstaltung „Decolonizing Christmas“ in Berlin wollte Weihnachten abschaffen und christliche Traditionen durch muslimische Einflüsse verdrängen – finanziert mit Steuergeldern.
Aufgestellt von: Unbekannt
Falsch
Diese Behauptung ist falsch. Es handelte sich um eine kirchlich getragene, interreligiöse Bildungsführung mit theologischer Einordnung, nicht um eine Abschaffung von Weihnachten.
Die verbreitete Behauptung
In sozialen Netzwerken und bestimmten Medien wurde behauptet, eine Veranstaltung namens „Decolonizing Christmas“ habe zum Ziel, Weihnachten abzuschaffen oder christliche Symbole zu entwerten. Dabei wurde suggeriert, dass muslimische Akteure das Christentum „deinstallieren“ wollten – und das unter Verwendung öffentlicher Gelder. Solche Aussagen lösten eine breite Empörungswelle aus, die sich schnell von der Realität entfernte.
Was war „Decolonizing Christmas“ wirklich?
„Decolonizing Christmas“ war eine interreligiöse und rassismuskritische Führung durch den Weihnachtsgarten der Friedenskirche Charlottenburg in Berlin. Organisiert wurde sie vom Berliner Forum der Religionen in Kooperation mit der Friedenskirche sowie Dozentinnen des Berliner Instituts für Islamische Theologie der Humboldt-Universität.
Der Ort ist entscheidend:
Der Weihnachtsgarten ist ein christliches Bildungsangebot, das die Friedenskirche seit 16 Jahren selbst aufbaut, um Kindern, Schulklassen und Besucher:innen die biblische Weihnachtsgeschichte nahezubringen. Die Kirche ist kein Gegner der Veranstaltung, sondern Gastgeber.
Ziel der Führung war laut offizieller Einladung:
- die Weihnachtsgeschichte historisch und theologisch einzuordnen
- kolonial geprägte Bildtraditionen zu reflektieren
- stereotype Darstellungen zu hinterfragen
- christliche und islamische Perspektiven auf Maria und die Geburt Jesu ins Gespräch zu bringen
Nirgends wurde gefordert, Weihnachten abzuschaffen. Im Gegenteil: Einer der Referenten erklärte ausdrücklich, Traditionen müssten nicht abgeschafft, sondern verstanden werden.
Wer hat teilgenommen?
Die Referierenden waren:
- Prof. Dr. Tuba Işik, Professorin für Islamische Religionspädagogik und Praktische Theologie (HU Berlin)
- Gökce Aydin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Islamische Theologie (HU Berlin)
- Bastian Schmidt, Theologiestudent und Referent für Kirche und Gesellschaft
Die Veranstaltung richtete sich ausdrücklich an alle, unabhängig von Religion oder Weltanschauung.
Die entscheidende Klarstellung der Kirche
Nach der medialen Eskalation veröffentlichte die Friedenskirche Charlottenburg eine offizielle Stellungnahme. Darin stellt sie unmissverständlich klar:
- Der Satz, Weihnachten solle „abgeschafft“ werden, ist in der Veranstaltung niemals gefallen.
- Entsprechende Aussagen bezogen sich ausschließlich auf zugespitzte Überschriften und Moderationen, nicht auf Inhalte.
- Die Kirche bekennt sich ausdrücklich zum theologischen Kern der Weihnachtsbotschaft.
- Falsche Zuschreibungen wie die Bezeichnung der Magoi als „Betrüger“ oder die Umdeutung Marias werden theologisch zurückgewiesen.
- Politische Zuspitzungen, etwa Vergleiche mit Parteien oder Stadtteilen, werden kritisiert.
Gleichzeitig hält die Kirche fest:
Das grundsätzliche Anliegen der Veranstaltung, nämlich die kritische Reflexion von Bildtraditionen und die interreligiöse Perspektive, wird weiterhin geteilt.
Warum wurde die Veranstaltung abgesagt?
Die zweite geplante Führung am 15. Dezember wurde nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern aus Sicherheitsgründen abgesagt.
Nach Angaben der Veranstalter:
- gingen zahlreiche aggressive und diffamierende E-Mails ein
- enthielten viele davon bedrohliche Inhalte
- richteten sich diese Bedrohungen vor allem gegen die muslimischen Referentinnen
Die Sicherheitslage sei nicht mehr verantwortbar gewesen.
Das ist kein Meinungsurteil, sondern die offizielle Begründung der Absage.
Wie kam es zur Eskalation?
Die Eskalation entstand nicht aus der Veranstaltung, sondern nachgelagert durch ein mediales Framing.
In Nachrichtenausschnitten, Moderationen und Schlagzeilen tauchten plötzlich Begriffe auf wie:
- „Weihnachten abschaffen“
- „Weihnachtshasser“
- „Christentum deinstallieren“
Diese Aussagen:
- stammen nicht aus der Einladung
- stammen nicht aus Zitaten der Beteiligten
- stammen nicht aus der kirchlichen Stellungnahme
Sie sind redaktionelle Zuspitzungen, die aus einer theologischen Bildungsführung einen angeblichen Angriff auf das Christentum konstruierten.
Dieses Narrativ wurde anschließend von weiteren Medien, Plattformen und politischen Akteuren aufgegriffen und verstärkt. Aus einer lokalen Veranstaltung mit rund zehn Teilnehmenden wurde so eine bundesweite Kulturkampf-Debatte.
Warum traf es besonders die muslimischen Referentinnen?
Das ist kein Zufall.
Durch die Zuspitzung entstand der Eindruck, Muslime würden Weihnachten angreifen oder verdrängen. Ein klassisches Wir-gegen-sie-Narrativ, obwohl die Veranstaltung ausdrücklich dialogisch angelegt war und in einer christlichen Kirche stattfand.
In aufgeheizten Debatten werden muslimische Beteiligte schnell zu Projektionsflächen. Fachliche Rollen, akademische Qualifikationen und kirchliche Kontexte verschwinden. Übrig bleibt ein Feindbild. Genau dieses Muster ist hier sichtbar.
Was bedeutet „Decolonizing“ überhaupt?
„Decolonizing“ bedeutet in Wissenschaft, Theologie und Kulturarbeit nicht Abschaffung, sondern Einordnung. Es geht darum:
- historische Machtverhältnisse sichtbar zu machen
- eurozentrische Darstellungen zu hinterfragen
- verdrängte Perspektiven einzubeziehen
Auch Kirchen, Museen und die UNESCO verwenden den Begriff genau in diesem Sinn. Er steht für Kontextualisierung, nicht für Zerstörung von Traditionen.
Das Fazit
„Decolonizing Christmas“ war:
- eine kirchlich verortete Bildungsführung
- mit klarem Bekenntnis zur Weihnachtsbotschaft
- mit interreligiösem Dialoganspruch
- ohne Forderung nach Abschaffung von Weihnachten
Die Behauptung, Weihnachten solle abgeschafft oder das Christentum „deinstalliert“ werden, ist falsch. Sie ist nicht durch Inhalte gedeckt, sondern durch mediale Zuspitzung entstanden.
Die Folgen waren real: Bedrohungen, Angst und die Absage einer Veranstaltung.
Dieser Fall zeigt, wie schnell aus einem komplexen Thema ein Kulturkampf gemacht werden kann, wenn Schlagworte wichtiger werden als Fakten.
Kurz gesagt
Nicht Weihnachten war in Gefahr.
In Gefahr war die sachliche Debatte.
Quellen:
Shitstorm gegen „Decolonizing Christmas“: Weihnachtliche Hetze | taz.de
Decolonizing Christmas ABGESAGT | Friedenskirche Berlin-Charlottenburg (Baptisten)
Wir lieben Weihnachten und bauen deshalb seit 16 Jahren den Weihnachtsgarten. | Friedenskirche Berlin-Charlottenburg (Baptisten)
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