Likes statt Menschlichkeit – der Tod von Jeanpormanove und das digitale Versagen

Ein Mensch stirbt vor laufender Kamera – und das Internet zahlt Geld dafür. Der Tod von Jeanpormanove ist kein tragischer Unfall. Er ist das Ergebnis eines Systems, das Gewalt belohnt.

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Ein Stream, zehn Tage, ein Todesfall – und Millionen Zuschauer

Am 18. August 2025 wird in einem unscheinbaren Dorf bei Nizza ein 46-jähriger Mann tot aufgefunden: Raphaël Graven, im Netz bekannt als Jeanpormanove. Es ist das Ende eines zehntägigen Livestream-Marathons auf der Plattform Kick, die sich selbst als Alternative zu Twitch positioniert, in Wirklichkeit aber zu einem Refugium für unregulierte, häufig extreme Inhalte geworden ist.

Raphaël Graven, bekannt als Jeanpormanove. Der französische Streamer starb nach einem zehntägigen Livestream unter ungeklärten Umständen.
(Quelle: öffentliches Profil / Twitter @Jeanpormanove /
Raphaël Graven, bekannt als Jeanpormanove. Der französische Streamer starb nach einem zehntägigen Livestream unter ungeklärten Umständen.
(Quelle: öffentliches Profil / Twitter @Jeanpormanove /

Was während dieser zehn Tage geschah, ist gut dokumentiert – von Usern, Beobachtern, Archiven, Journalist:innen. Graven wurde gedemütigt, geschlagen, am Schlafen gehindert, mit „Challenges“ unter Druck gesetzt. In einem Clip bittet er verzweifelt um seine Medikamente. In einem anderen schreit er: „Lass mich los, ich kann nicht mehr atmen.“

Als seine Mitstreamer ihn am Morgen des 18. August in „seltsamer Position“ vorfanden, war er bereits tot. Man warf eine Plastikflasche auf ihn. Der Stream wurde beendet. Die Plattform lief weiter.

Hinweis zur Bild- und Videodokumentation: Uns liegen zahlreiche Bilder, Screenshots und Videosequenzen vor, die systematische Misshandlung zeigen – über Jahre hinweg. Sie sind dokumentiert, öffentlich verbreitet, kommentiert mit Sätzen wie „JP pleure 😂“ oder „crie de malade mental“. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, diese Inhalte in diesem Artikel zu zeigen oder zu verlinken. Nicht aus Sensibilität, sondern aus Verantwortung. Jeanpormanove wurde in der Öffentlichkeit gebrochen. Ihn nun posthum zum Klickobjekt zu machen, hieße, diesen Kreislauf fortzuführen.

Was war das eigentlich – eine Show oder ein Verbrechen?

Jeanpormanove war kein Unbekannter. Über eine Million Follower zählte er auf verschiedenen Plattformen. Doch Ruhm schützt nicht – im Gegenteil: Die Abhängigkeit vom nächsten viralen Moment, vom nächsten Spendenziel, vom nächsten Clip wurde sein Gefängnis.

Was als Show begann, wurde zum Geschäftsmodell. Laut STANDARD, BBC, Le Monde und weiteren Quellen bestand das Konzept seiner Mitstreamer – Owen Cenazandotti alias „Naruto“ und Safine Hamadi – darin, ihn unter dem Deckmantel des Entertainments zu quälen. Sie inszenierten „Mock Strangulations“, beschossen ihn mit Paintball-Waffen, hielten ihn tagelang wach und spielten mit seiner psychischen und physischen Belastbarkeit – und das live, mit Spendenfunktion, Kommentarfeld, Applaus.

Die Plattform Kick erklärte gegenüber der BBC, man sei „zutiefst betrübt“ über den Tod. Eine umfassende Prüfung laufe. Bis dahin bleibt es bei Worthülsen.

Folter als Geschäftsmodell – dokumentiert, archiviert, bejubelt

Ein Thread des französischen Aktivistenkontos @AlertesPed0 rekonstruiert über Jahre hinweg, wie Graven systematisch in eine Abhängigkeit gedrängt wurde: emotional, finanziell, psychisch. Die Täter bezeichneten sich selbst als seine Freunde, boten ihm Wohnung, Reichweite, Kameradschaft – und entzogen sie, wann immer er sich widersetzen wollte.

In einem von Usern kuratierten Google-Drive-Archiv mit über 1.700 Clips sind Szenen dokumentiert, in denen Graven gewürgt, beschimpft, angeschrien oder „zum Spaß“ verletzt wird. Wir verlinken dieses Archiv nicht – auch das wäre Teil des Spektakels.

Likes statt Menschlichkeit – wie tief sind wir gesunken? – mimikama.org
⚠️ Warnhinweis: Der folgende Screenshot dokumentiert ein privates Archiv mit Videodateien, die Szenen systematischer Gewalt enthalten. Die Inhalte selbst werden von uns nicht gezeigt oder verlinkt. Wir distanzieren uns ausdrücklich von deren Verbreitung und verweisen ausschließlich zu Dokumentationszwecken auf deren Existenz.

Laut Thread brachte allein der letzte zehntägige Stream mehr als 50.000 Euro an Spenden ein – zusätzlich zu einem Plattformvertrag mit Kick, der angeblich bis zu 2.000 Euro pro Streaming-Stunde umfasste.

Ein Fall für die Justiz – oder eine gesamte Gesellschaft?

Die französische Staatsanwaltschaft hat inzwischen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Eine Autopsie wurde angeordnet, um die genaue Todesursache zu klären. Die Staatssekretärin für digitale Technologien, Clara Chappaz, sprach von einem „absoluten Horror“ und übergab den Fall an ARCOM, die französische Medienaufsicht, sowie PHAROS, die Meldestelle für Onlinekriminalität.

Die Hohe Kommissarin für Kinder, Sarah El Haïry, warnte öffentlich vor den Risiken unregulierter Plattformen.

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Doch was bleibt von diesen Appellen, wenn Plattformen weiterhin Gewinne mit Inhalten machen, die Menschen psychisch und physisch zerstören?

Wir alle haben zugesehen. Und das ist das eigentliche Problem.

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Dieser Fall zeigt: Das Problem ist nicht nur Kick. Nicht nur die Täter. Es ist auch das Publikum. Tausende Menschen haben zugesehen. Gespendet. Kommentiert. Geteilt. Die einen aus Voyeurismus, die anderen aus Sensationslust – wenige aus echter Sorge.

In einem System, das den Zusammenbruch als „Content“ versteht, sind moralische Grenzen nur dann relevant, wenn sie klickbar sind. Die Frage ist nicht, wie sowas geschehen konnte. Die Frage ist: Warum haben wir es zugelassen?

Raphaël Graven ist tot. Nicht, weil er gefallen ist. Sondern, weil wir gefallen sind.
Wir haben zugelassen, dass Plattformen wie Kick ein Geschäftsmodell daraus machen, Menschen öffentlich zu brechen.
Wir haben zugesehen, wie sich digitale Entmenschlichung als Unterhaltung verkleidet.
Wir haben geschwiegen, wo wir schreien müssten. Dieser Tod darf nicht verpuffen.
Er muss der Weckruf sein – für Gesetzgeber, Plattformen, Zuschauer.
Denn wenn Likes mehr zählen als Leben, dann hat das Netz seinen moralischen Kompass verloren.

Tom Wannenmacher, Gründer von mimikama.org

Fazit: Wenn ein Mensch stirbt, weil das Netz mehr sehen will, stirbt auch unsere Würde

Raphaël Graven ist nicht einfach gestorben. Er wurde über Monate öffentlich gebrochen. Und das Netz hat applaudiert. Er war kein Schauspieler. Kein Performer. Kein Charakter. Er war ein Mensch. Und wenn Plattformen, Zuschauer und Medien nicht mehr erkennen, wann Unterhaltung aufhört und Entmenschlichung beginnt, dann ist der digitale Raum nicht einfach gefährlich – dann ist er entkoppelt von jedem moralischen Kompass.

📚 Quellenverzeichnis (Stand: 20. August 2025)

Presse & Medienberichte

  1. BBC News
       “Investigation into ‚horrifying‘ death of French streamer”
       https://www.bbc.com/news/articles/c1mpjplk4pxo
  2. Le Parisien
       “Décès du streamer français Jean Pormanove : une enquête ouverte”
       https://www.leparisien.fr/societe/deces-du-streamer-francais-jean-pormanove-une-enquete-ouverte-18-08-2025-LIPXVP2I6VAEHKSOIDNNN6OVGY.php
  3. Le Monde (englische Ausgabe)
       “French streamer dies live on air after months of humiliation and abuse”
       https://www.lemonde.fr/en/france/article/2025/08/20/french-streamer-dies-live-on-air-after-months-of-humiliation-and-abuse_6744540_7.html
  4. DER STANDARD (Österreich)
       “Französischer Streamer nach jahrelanger Misshandlung in Liveübertragung gestorben”
       https://www.derstandard.de/story/3000000213974/franzoesischer-streamer-nach-jahrelanger-misshandlung-in-liveuebertragung-gestorben

Soziale Netzwerke & öffentliche Statements

  1. Sarah El Haïry (Hohe Kommissarin für Kinderrechte, Frankreich)
       https://x.com/sarahelhairy/status/1957711531799367903
  2. @GueshCtrl auf X (französischer Analyst, Hinweise auf Gewalt & Medikamentenverweigerung)
       https://x.com/GueshCtrl/status/1957456609526833354
       https://x.com/GueshCtrl/status/1957486356650991802

Aktivistische Aufarbeitung

  1. @AlertesPed0 auf X – Thread zur systematischen Gewalt gegen Jeanpormanove
       https://twitter.com/AlertesPed0/status/1957421799815139353
       Archivierte Lesefassung:
       https://threadreaderapp.com/thread/1957438458961576169.html

Community-Recherchen

  1. Google-Drive-Archiv mit 1.700 Clips (User-Dokumentation mutmaßlicher Misshandlungen)
       ⚠️ Achtung: Archiv enthält explizites Material, das psychisch belastend wirken kann.
       Wir verlinken das Archiv aus ethischen Gründen nicht.
  2. Reddit-Diskussion (r/europe): Sammlung und Kontext zum Todesfall
       https://www.reddit.com/r/europe/comments/1mud5cv/french_streamer_dies_in_his_sleep_after_being/

Lesen Sie auch: Ein Meta-Chatbot versprach Liebe und führte einen Menschen in den Tod


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