Du kennst das vielleicht. Seit Monaten liest du, dass der Strom bald weg ist. Dass die Impfung den Körper kaputt macht. Dass der Krieg nächste Woche bei uns ist. Du schläfst schlechter. Du schaust öfter aufs Handy. Und wenn jemand sagt, das sei alles Unsinn, hilft das nicht, weil die Angst ja da ist.
Oder du kennst es von jemandem, der dir nahesteht: Dein Vater schickt jeden Tag Videos vom Untergang, und du weißt nicht, was du damit machen sollst.
Dieser Text ist für dich. Und er sagt dir nicht, dass alles gut ist. Der Krieg in der Ukraine ist echt. Dass ein großer Stromausfall passieren kann, ist echt. Der Klimawandel ist echt. Impfungen haben Nebenwirkungen. Wer dir das ausreden will, lügt auch.
Aber auf jede echte Krise wird etwas draufgesetzt, das nicht echt ist: ein Termin, ein Plan, ein Schuldiger, der sichere Untergang. Aus „Krieg in Europa“ wird „nächste Woche werden alle Männer eingezogen“. Aus „Stromnetz unter Druck“ wird „der Blackout ist geplant“. Aus „Nebenwirkung“ wird „Genozid“.
Die Krise ist echt. Die Panik wird verkauft. Und deine Angst gehört dann nicht mehr dir, sondern dem, der sie verkauft.
Kurz gesagt
Das solltest du mitnehmen
- Die Krise ist echt. Der angekündigte Untergang nicht. Krieg, Stromnetz, Klima, Nebenwirkungen: alles real. Der Termin, der Plan und der Schuldige werden draufgesetzt. Dein Körper reagiert trotzdem auf beides gleich.
- Die Panik wird verkauft. Du erkennst den Verkäufer an drei Dingen: Der Untergang hat kein Ablaufdatum, es gibt immer einen Schuldigen, und darunter steht ein Shop oder ein Spendenlink.
- Du kommst raus, indem du die Dosis änderst, nicht die Meinung. Wer dir jeden Tag den Weltuntergang schickt, dem musst du nicht jeden Tag zuhören.
Warum die Panik wirkt, auch wenn der Untergang ausbleibt
Dein Körper fragt nicht, ob eine Gefahr echt ist. Er fragt nur, ob du sie erwartest. Das zeigt ausgerechnet die Impfforschung.
Bevor ein Impfstoff zugelassen wird, bekommt die Hälfte der Testpersonen den Impfstoff, die andere Hälfte eine Spritze mit Kochsalzlösung, also nichts. Niemand weiß, in welcher Gruppe er ist. Ein Team der Harvard Medical School und der Universität Marburg hat 2022 zwölf solcher Studien ausgewertet, mit 45.380 Menschen.
Von denen, die nur Kochsalz bekommen hatten, meldete jeder Dritte danach Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Ähnliches. Die Impfstoff-Gruppe meldete mehr, und über seltene schwere Nebenwirkungen sagt die Studie nichts. Aber ein Drittel der Menschen hat auf die Erwartung reagiert. Nicht, weil sie schwach wären. Weil Menschen so sind.
Und wie stark die Angst wird, hängt weniger von der Gefahr ab als von der Menge. Die Charité in Berlin hat im Frühjahr 2020 über 6.000 Menschen in Deutschland gefragt, wie oft sie Nachrichten über Corona schauen und wie es ihnen geht. Je öfter, desto mehr Angst. Ab sieben Mal am Tag oder ab zweieinhalb Stunden lagen die Werte im Schnitt nicht mehr bei „leicht“, sondern bei „mittel“. Bei sozialen Medien war der Zusammenhang am stärksten.
Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keine bewiesene Ursache, und die Pandemie war echt. Für dich heißt das trotzdem: Wenn du 20 Mal am Tag in einen Kanal schaust, der den Untergang ankündigt, geht es dir schlecht. Egal, ob der Untergang kommt. Und egal, wie echt die Krise dahinter ist.
Daran erkennst du verkaufte Panik
Nicht jede Warnung ist ein Geschäft. Das Bundesheer warnt vor dem Blackout, Ärztinnen klären über Nebenwirkungen auf, und wer sagt, dass der Krieg gefährlich ist, hat recht. Der Unterschied liegt nicht darin, wie laut jemand warnt. Er liegt darin, was auf die Warnung draufgesetzt wird.
Drei Merkmale von verkaufter Panik
Die Krise dahinter kann echt sein. Das Muster ist trotzdem erkennbar. Eines allein beweist nichts – alle drei zusammen sind ein Muster.
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1
Der Untergang hat kein Ablaufdatum.
Der Blackout kommt „bald“. Der Krieg kommt „nächste Woche“. Wenn er nicht kommt, wird der Termin verschoben – und niemand sagt: Ich habe mich geirrt. Eine echte Warnung kann sich irren. Verkaufte Panik nie.
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2
Es gibt immer einen Schuldigen.
Nicht ein komplizierter Zusammenhang, nicht viele Ursachen. Sondern „die da oben“, die es geplant haben. Das fühlt sich nach Durchblick an. Es ist aber nur eine einfachere Geschichte.
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3
Darunter steht ein Shop.
Notstromgerät, „Ausleitungskur“, Vorratspaket, Seminar, Buch, Spendenlink. Die Panik hört nie auf, weil das Geschäft sonst aufhören würde.
Dass jemand etwas verkauft, beweist noch keine Absicht. Aber du darfst es wissen, bevor du Angst bekommst.
Dass das kein Einzelfall ist, zeigt eine Studie der Bundesstelle für Sektenfragen in Wien vom Juli 2025. Sie hat rund 2,3 Millionen Nachrichten aus österreichischen Telegram-Netzwerken ausgewertet, von 2017 bis 2024. Fast jeder zweite Aufruf an die Leser dreht sich inzwischen ums Geld: 31,5 Prozent sind Spendenaufrufe, 16,2 Prozent Werbung für Produkte, Tendenz steigend. Verkauft werden Nahrungsergänzungsmittel, Krisenvorsorge, Bücher, Coachings, Heilangebote.
Die Studie sagt es so: „Das Geschäft mit der Angst floriert.“ Und sie beschreibt, wie: Um die Einnahmen zu sichern, würden „neue Bedrohungsszenarien konstruiert“. Der Studienautor sagte im Ö1-Interview, Angst werde gezielt geschürt, um Spenden und Produkte zu bewerben.
Was dir versprochen wird und was du bekommst
Das Versprechen ist immer dasselbe: Wenn du weißt, wer dahintersteckt, wird es dir besser gehen. Endlich Durchblick, endlich Ruhe.
Ob das stimmt, hat die Universität Osnabrück geprüft. Forscher haben dieselben Menschen über Wochen und Monate mehrmals befragt, einmal 405, einmal über 1.000. Das Ergebnis: Wer stärker an eine Verschwörung zu glauben begann, hatte danach nicht weniger Angst. In einer der beiden Studien hatte er mehr.
Das Versprechen wird also nicht eingelöst. Das ist auch logisch. Wer glaubt, dass jemand heimlich den Zusammenbruch plant, kann sich nicht entspannen. Für den Verkäufer ist das kein Fehler. Es ist der Grund, warum du wiederkommst.
Was du tun kannst
Du musst dafür nicht deine Meinung ändern. Du musst niemandem recht geben. Du musst nur eines ändern: wie viel davon du an dich heranlässt.
Vier Schritte, die du heute machen kannst
Keiner davon verlangt, dass du etwas glaubst oder nicht glaubst.
Termin aufschreiben
Wenn ein Kanal sagt, wann der Untergang kommt, notiere das Datum. Und schau nach, wenn es vorbei ist. Meist wurde inzwischen ein neuer Termin genannt.
Nach unten scrollen
Schau, was unter der Warnung steht. Ein Shop, ein Kurs, ein Spendenlink. Das beweist nichts – aber du weißt jetzt, wer etwas davon hat.
Eine Woche stumm
Den Kanal nicht löschen, nur stummschalten. Eine Woche. Dann prüfen, wie es dir geht – und ob die Welt in der Zwischenzeit untergegangen ist.
Dosis statt Wahrheit
Du musst nicht entscheiden, ob die Krise echt ist. Sie ist es meistens. Du darfst entscheiden, wie oft du den Untergang dazu hören willst.
Das ist keine Kapitulation. Es ist das Einzige, was du selbst in der Hand hast.
Wenn es nicht dich betrifft, sondern deinen Vater
Die häufigste Frage, die uns dazu erreicht, lautet nicht „Stimmt das?“, sondern „Was mache ich mit meinem Vater?“ Oder mit der Schwester, dem Kollegen, dem Freund, der seit zwei Jahren nur noch vom Untergang redet.
Die Bundesstelle für Sektenfragen gibt dazu einen Rat, der ernüchternd, aber ehrlich ist. Am Anfang, solange jemand nur interessiert ist, helfen Informationen noch. Sobald jemand wirklich glaubt, bringen Fakten und Diskussionen wenig. Dann geht es um etwas anderes: in Kontakt bleiben, Fragen stellen, auf Widersprüche hinweisen, Sorge ausdrücken. Und einen langen Atem haben.
Was du dagegen nicht tun musst: jedes Video widerlegen. Wer dir zehn Videos am Tag schickt, will nicht zehn Faktenchecks zurück. Er will, dass du Angst hast wie er.
Du darfst sagen: Ich schaue mir das nicht mehr an, aber ich rede gern mit dir. Das ist keine Ablehnung. Das ist die einzige Form von Kontakt, die nicht dich selbst krank macht.
Fazit
Der Krieg bleibt echt, das Stromnetz bleibt verletzlich, und Blackout, Impfgenozid und Weltkrieg werden trotzdem auch nächstes Jahr für nächste Woche angekündigt. Das ist kein Grund, weniger zu fühlen. Es ist ein Grund, die beiden Dinge zu trennen: die Krise, die es gibt, und den Untergang, der verkauft wird.
Erst schauen, ob die Ankündigung ein Ablaufdatum hat, einen Schuldigen und einen Shop. Dann entscheiden, wie oft du das hören willst.
Deine Angst ist echt. Aber sie gehört dir, nicht dem, der sie verkauft.
Quellen
- Julia W. Haas et al.: Frequency of Adverse Events in the Placebo Arms of COVID-19 Vaccine Trials, JAMA Network Open, Januar 2022
- Antonia Bendau et al. (Charité Berlin): Associations between COVID-19 related media consumption and symptoms of anxiety, depression and COVID-19 related fear in the general population in Germany, European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience, 2021
- Luisa Liekefett, Oliver Christ, Julia C. Becker (Universität Osnabrück): Can Conspiracy Beliefs Be Beneficial?, Personality and Social Psychology Bulletin, 2023
- Felix Lippe, Philipp Pflegerl (Bundesstelle für Sektenfragen): Forschungsbericht zu österreichischen Telegram-Netzwerken (PDF), Juli 2025 · Bericht und Interview auf ORF.at, 15. Juli 2025
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