Wie bekommt man kirchliche Kreise zu einem intensiven Meinungsaustausch? – Ganz einfach: Man bittet sie um Beiträge zum Thema „Gender“ und wartet. Der Rest kommt von allein.
Was wie ein flacher Witz klingt, hat jetzt auch die evangelisch-lutherische Kirche in Schweden erfahren. Dabei ist auf den ersten Blick nicht viel passiert. Die Generalsynode, also das Kirchenparlament, hat sich am 23. November 2017 dazu entschlossen, ein neues Gottesdiensthandbuch in den Dienst zu nehmen. Dieses Handbuch ist so etwas wie das Drehbuch eines Gottesdienstes und hält sowohl den Ablauf als auch die Texte für Gebete und andere Elemente fest. Der Text einer Agende (so eine andere Bezeichnung für dieses Buch) verwendet die Sprache ihrer Zeit – man spricht und empfindet Sprachen im 21. Jahrhundert nun mal ganz anders als im 19. Jahrhundert. Zum Beispiel gibt es von Tag zu Tag mehr Menschen, denen die einengende Wirkung von Sprache auffällt und deshalb etwas ändern möchten, zum Beispiel mit dem Gendersternchen. Vor diesem Hintergrund hat sich die schwedische Kirche dazu entschieden, dass die Pfarrer*innen zukünftig zwischen mehreren Möglichkeiten auswählen können, wenn sie im Gottesdienst von Gott sprechen. Gott muss also nicht mehr nur als „Herr“ angeredet werden.
Herr kein Zwang!
Eigentlich keine große Sache, zumal die Pfarrer*innen sich auch ganz bewusst für traditionelle Formen entscheiden können. Doch wie immer, wenn Kirche etwas neu beziehungsweise anders macht, sind Kritiker und auch Fake News nicht weit. Denn auf einmal hieß es in den unterschiedlichsten internationalen Zeitungen, dass die schwedische Kirche Gott zum Neutrum gemacht hätte – wobei fast alle Meldungen weitestgehend auf störende Details und zeitaufwendige journalistische Arbeit verzichten.
Wie in den meisten Fällen von Fake News ist es schwer, die Spur bis zum Urheber zurückzuverfolgen. Markus Kowalski spricht in der Ausgabe 50/2017 der evangelischen Wochenzeitung „die Kirche“ von einer Meldung in der englischen „Daily Mail“, die das Thema bei der dänischen Zeitung „Politiken“ aufgegriffen habe (¹). Die „Daily Mail“ bezieht sich in einer Meldung vom 24. November 2017 auf eine christliche Zeitung in Dänemark, in der sich der schwedische Theologe Christer Pahlmblad von der Universität Lund gegen diese Neuerungen ausspreche (²), nennt jedoch nicht den Namen dieser Zeitung. Dass es sich bei dieser Zeitung um die dänische „Kristeligt Dagblad“ handelt, meldet hingegen die deutsche evangelikale Nachrichtenagentur „idea“ (³), die sich wie zum Beispiel die „Welt“ (⁴) und andere deutschsprachige Medien auf den „Daily Mail“-Artikel beziehen.
Alle voneinander abgeschrieben!
Das gegenseitige unüberprüfte Abschreiben hat wie früher in der Schule dafür gesorgt, dass nun eine falsche Information unterwegs ist. Deshalb hat die schwedische Kirche am 25. November 2017 eine Erklärung veröffentlicht und darin alle Vorwürfe ausgeräumt (⁵), unter anderem mit dem Hinweis, dass das schwedische Pronomen „hen“ im neuen Text überhaupt nicht vorkomme – obwohl es sich um das offizielle Pronomen für genderneutrale Zusammenhänge handele.
Hier könnte die Geschichte enden – wenn da nicht noch die Besonderheit der Agentur „idea“ wäre. Diese Agentur sieht sich als Speerspitze der evangelikalen (also konservativen) evangelischen Berichterstattung, versteht die Bibel wörtlich und lehnt jede Analyse der Zusammenhänge und Hintergründe biblischer Texte ab. Was im Theologiestudium heutzutage Standard ist und historisch-kritische Methode heißt, ist für „idea“ unvorstellbar. Deshalb findet sich die genannte Erläuterung der schwedischen Kirche zwar ebenfalls auf der „idea“-Seite, die erste und inhaltlich falsche Meldung ist aber unkorrigiert ebenfalls online und bringt so wie bei der entsprechenden Facebook-Meldung einen Kommentar nach dem nächsten. „idea“ scheint also wie viele andere Seiten auch nur an Klicks und Zahlen interessiert zu sein, nicht aber an guter journalistischer Arbeit. Dass „idea“ die Neuregelung der Finanzierung durch das Parlament der Evangelischen Kirche in Deutschland erbittert kritisiert (⁶) und die Tatsache verschweigt, dass man sich auch selbst um eine Förderung aus diesem neuen Fonds bewerben kann (⁷), überrascht dann nicht wirklich.
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