Die Behauptung
In sozialen Netzwerken wird verbreitet, die neu veröffentlichten „Epstein-Files“ würden Kannibalismus, rituelle Opfer oder satanistische Praktiken im Umfeld von Jeffrey Epstein belegen. Als Beweis dienen Screenshots aus FBI-Unterlagen, ein Event-Foto mit Lady Gaga und Marina Abramović sowie ein Video aus dem Jahr 2009. Die Kombination dieser Elemente soll einen Zusammenhang herstellen.
Aufgestellt von: Unbekannt
Faktencheck: Falsch
Die FBI-Dokumente enthalten unbestätigte Aussagen einer einzelnen Person. Sie liefern keine Beweise für Kannibalismus oder rituelle Opfer. Das Event-Foto zeigt eine öffentliche Kunstveranstaltung. Das Video von 2009 steht in keinem belegten Zusammenhang mit Epstein. Die Behauptung konstruiert aus echten, aber unterschiedlich einzuordnenden Inhalten eine Verbindung, für die es keine Belege gibt.
Epstein-Files, Lady Gaga, „They eat humans!“ > Kurz erklärt
In veröffentlichten FBI-Dokumenten wird eine Person zitiert, die schwere Anschuldigungen gegen Jeffrey Epstein erhebt, darunter Kannibalismus und „rituelle Opfer“. Diese Aussagen sind Teil eines Interviews. Laut den vorliegenden Informationen wurden sie nicht durch Beweise gestützt. Die Akten zeigen also, dass jemand diese Behauptungen äußerte – nicht, dass sie wahr sind.
Die Fakten dahinter – MIMIKAMA-ANALYSE
Millionen Dokumente – und selektive Empörung
Im Jänner 2026 veröffentlichte das US-Justizministerium mehr als drei Millionen Dokumente aus der sogenannten „Epstein Library“. Seither durchforsten Journalistinnen, Journalisten und Online-Aktivisten die Akten. In diesem riesigen Datenberg fanden sich auch Begriffe wie „ritualistic sacrifice“ und „cannibalism“. Genau diese Schlagworte verbreiteten sich viral. Hier beginnt die Manipulation durch Kontextverlust. Einzelne Wörter werden herausgegriffen. Der Zusammenhang fehlt. Zurück bleibt Schockwirkung.
Die Quelle der Ritual-Vorwürfe
Die schwerwiegendsten Behauptungen stammen aus einer Zusammenfassung eines angeblichen FBI-Interviews aus dem Jahr 2019. Der Mann, in den Akten als „mutmaßliches Opfer“ bezeichnet, behauptete, auf einer Yacht Epsteins im Jahr 2000 Zeuge grausamer Handlungen geworden zu sein. Er sprach von „ritualistic sacrifice“, von verstümmelten Babys und davon, dass Personen aus deren Eingeweiden Fäkalien konsumiert hätten. Das sind extreme, verstörende Vorwürfe. Doch die Dokumente halten klar fest: keine Belege, keine Bestätigung, keine Unterstützung durch Beweise. Ein FBI-Agent vermerkte ausdrücklich, dass es nicht empfohlen werde, weitere Ermittlungsressourcen für diese Behauptungen einzusetzen. Das ist entscheidend.
Kein Kannibalismus-Vorwurf im Interview
Auffällig: In der Interview-Zusammenfassung fällt das Wort „Kannibalismus“ nicht. Der Mann sprach von Fäkalienkonsum, nicht vom Verzehr von Menschenfleisch. Die Begriffe „cannibal“ oder „cannibalism“ tauchen an anderen Stellen der Akten auf. Laut Durchsicht der Dokumente beziehen sich diese Nennungen unter anderem auf:
- Medienzusammenfassungen
- ein akademisches Lehrprogramm
- eine Gesprächsabschrift
- eine E-Mail Epsteins über Trockenfleisch („jerky“) und ein Restaurant namens „Cannibal“
Keiner dieser Treffer bezieht sich auf nachgewiesene Straftaten Epsteins. Hier zeigt sich ein klassischer Framing-Trick: Begriffe werden kombiniert, obwohl sie sachlich nichts miteinander zu tun haben.
Keine glaubwürdigen Belege
Die Dokumente selbst sagen klar: Die Vorwürfe des anonymen Mannes sind nicht belegt. Auch auf Nachfrage kommentierte das FBI die Entscheidung nicht weiter. Wichtig ist: Dass eine Behauptung in Ermittlungsakten auftaucht, bedeutet nicht, dass sie wahr ist. Ermittlungsbehörden dokumentieren Hinweise – auch unbestätigte. Wer aus einer dokumentierten Anschuldigung eine bewiesene Tatsache macht, betreibt Irreführung.
Warum solche Behauptungen gefährlich sind
Begriffe wie „ritueller Opferkult“, „Babymord“ oder „Kannibalismus“ sind emotional aufgeladen. Sie lösen Ekel, Wut und Angst aus. Genau das macht sie so wirksam. In verschwörungsideologischen Kreisen werden solche Motive seit Jahren verwendet. Sie erzeugen das Bild einer dämonischen Elite. Sie schüren Misstrauen gegenüber Institutionen. Sie verstärken Polarisierung.
Das Muster ist bekannt:
- Ein unbestätigter Hinweis.
- Ein extremer Vorwurf.
- Die Behauptung, „die Medien verschweigen alles“.
So entsteht eine Erzählung. Und sie wirkt.
„They eat humans!”
Im Netz wird zudem ein Beitrag verbreitet. Er kombiniert mehrere Bilder und ein Video, um einen Zusammenhang zwischen den Epstein-Akten, angeblichen Ritualen und einem Vorfall aus dem Jahr 2009 herzustellen.
Doch was sieht man hier wirklich?
Links unten:
Das häufig geteilte Foto mit Lady Gaga und Marina Abramović stammt tatsächlich vom 20. „Watermill Center Summer Benefit“ am 27. Juli 2013. Mit auf dem Bild ist auch der Theaterregisseur Robert Wilson, Gründer des Watermill Center. Das angeblich „vermiste Opfer“, das auf manchen Versionen des Bildes behauptet wird, ist kein verschwundener Mensch, sondern der Schauspieler Phillip J. Lewis. Er hat die Behauptungen öffentlich als haltlos zurückgewiesen.
Zu „Spirit Cooking“: „Spirit Cooking“ ist eine Performance-Arbeit von Marina Abramović aus 1996. Dabei schrieb sie poetische, symbolische Texte mit Schweineblut an Wände. Das war Kunstperformance, kein Ritual, kein Satanismus, kein Kannibalismus. Die „Rezepte“ sind metaphorisch gemeint – Teil ihrer konzeptuellen Body-Art. Ursprung der Satanismus-Vorwürfe: Die Erzählung entstand 2016 im Zuge der Wikileaks-E-Mails im US-Wahlkampf. Der Begriff „Spirit Cooking“ wurde dort erwähnt – und anschließend in verschwörungsideologischen Kreisen als „Beweis“ für Okkultismus umgedeutet. Abramović hat die Vorwürfe mehrfach zurückgewiesen. Ihre Werke wie „Balkan Baroque“ oder „Rhythm 0“ sind provokante Performancekunst – aber keine okkulten Rituale.
Zusatzinformation: Das Foto mit Lady Gaga – was zeigen die Bilddaten?
Das verbreitete Bild mit Lady Gaga stammt vom 20. Watermill Center Summer Benefit in Water Mill, New York. Laut Bilddaten auf der Plattform „alamy„
- Aufnahmedatum: 27. Juli 2013
- Ort: Water Mill, NY, USA
- Bildanbieter: WENN Rights Ltd
- Fotograf: WENN
- Quelle: Alamy-Bildarchiv
Es handelt sich um ein Pressefoto einer öffentlichen Benefiz- und Kunstveranstaltung. Das Bild ist kommerziell lizenziert und in mehreren Bildarchiven dokumentiert. Es zeigt keinen geheimen Anlass, sondern ein bekanntes Society-Event. Die Bezeichnung „Teufels-Himmel“, (DEVIL’S HEAVEN : The 20th Annual Watermill Center Summer Benefit Featuring: Lady Gaga Where: Watermill, NY, United States When: 27 Jul 2013) die in der deutschen Archivübersetzung auftaucht, ist keine Beschreibung eines Rituals, sondern eine freie oder maschinelle Übersetzung des Eventtitels. Das Originalevent heißt „Watermill Center Summer Benefit“. Hier wird ein reguläres Kunst-Event nachträglich in eine okkulte Erzählung umgedeutet.
Rechts unten:
Das ist ein Screenshot aus den veröffentlichten DOJ-/FBI-Unterlagen zur sogenannten „Epstein Library“.
Konkret zeigt dieser:
- Eine E-Mail-Korrespondenz zwischen einem FBI-Mitarbeiter und einem NYPD-Detective
- Betreff: „FW: Interview Of Purported Epstein Victim“
- Datum: 28. August 2019
- Zusammenfassung eines Interviews mit einer anonymen Person
- Markierte Passagen mit den extremen Vorwürfen („ritualistic sacrifice“, Verstümmelung, etc.)
- FBI- und DOJ-Logos (z. B. FBI New York, NYPD Child Exploitation / Human Trafficking Task Force)
- Am Ende die Einschätzung, dass keine weiteren Ermittlungsressourcen empfohlen werden
Das ist also keine Anklageschrift, kein Beweis, kein Ermittlungsabschlussbericht.
Es ist eine interne Zusammenfassung einer unbestätigten Aussage.
Wichtig: In dem Dokument steht ausdrücklich, dass die Person keine Belege geliefert hat. Und ein FBI-Mitarbeiter vermerkt, dass man die Vorwürfe nicht weiterverfolgen sollte. Das erklärt auch, warum diese Screenshots derzeit viral gehen: Sie zeigen extreme Behauptungen – aber nicht deren Bestätigung.
Rechts oben:
Das Video einer Frau. Es handelt sich dabei um Gabriela Rico Jiménez, ein mexikanisches Model, das im August 2009 durch ein virales Video bekannt wurde. Darin ist die damals 21-Jährige barfuß und in offensichtlich stark aufgewühltem Zustand vor dem Fiesta Inn Hotel in Monterrey zu sehen. Sie ruft wiederholt Sätze wie „Sie essen Menschen!“ und behauptet, bei einer exklusiven Veranstaltung Zeugin ritueller Opferungen geworden zu sein. Zudem nennt sie prominente Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik.
Kurz darauf wird sie von der Polizei festgenommen. Behörden führten ihr Verhalten auf eine schwere psychische Krise zurück. Berichten zufolge wurde sie in eine psychiatrische Einrichtung in Nuevo León gebracht. Danach gibt es keine gesicherten öffentlichen Informationen mehr über sie.
Anfang 2026 tauchte das Video erneut in sozialen Netzwerken auf. Grund dafür waren neu veröffentlichte Dokumente im Zusammenhang mit Jeffrey Epstein. In diesen Akten finden sich unbestätigte Zeugenaussagen mit ähnlich drastischen Vorwürfen. In sozialen Medien wurde daraufhin spekuliert, ob es eine Verbindung zwischen den damaligen Aussagen Jiménez’ und den Epstein-Dokumenten gebe.
Für eine solche Verbindung gibt es jedoch keine Belege. Die von Jiménez erhobenen Kannibalismus- und Ritual-Vorwürfe sind bis heute unbestätigt und werden von Behörden nicht als nachgewiesene Tatsachen bewertet.
FAZIT
Die Begriffe stehen in den Akten.
Die Vorwürfe sind unbewiesen.
Es gibt keine glaubwürdigen Belege für „rituellen Opferkult“ oder Kannibalismus im Umfeld von Jeffrey Epstein.
Die Behauptung ist irreführend. Sie nutzt echte Dokumente und Bilder, um unbelegte Aussagen als bewiesene Verbrechen darzustellen.
Faktenbarometer
Falsch– echte Dokumente werden genutzt, um unbelegte Aussagen als bestätigte Tatsachen erscheinen zu lassen.
Quellen
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Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.
