Die Behauptung

Das Konzept der 15-Minuten-Stadt schränkt die Bewegungsfreiheit ein, verbietet Benzin- und Dieselautos, führt ein Kalorienkontrollsystem ein und friert Bankkonten bei Regelverstößen ein.

Unser Fazit

Das Konzept der 15-Minuten-Stadt beinhaltet keine der genannten Verbote oder Kontrollmechanismen. Es handelt sich lediglich um Empfehlungen und Vorschläge zur Verbesserung der Lebensqualität in den Städten.

Mit dem städtebaulichen Konzept der 15-Minuten-Stadt soll der Verkehr klimafreundlicher und angenehmer gestaltet werden. Seit geraumer Zeit wird die Idee jedoch mit Falschinformationen überzogen.

Gerüchte/Behauptungen

Der Londoner Bürgermeisterkandidat Shyam Batra hat sich in einem Interview zum Konzept der 15-Minuten-Stadt geäußert. In einer großen österreichischen Facebook-Gruppe werden Ausschnitte aus dem Interview in einem Reel verbreitet. Im Text des Reels heißt es zusammenfassend:

«Wir werden für den Rest unseres Lebens in einem offenen Gefängnis sitzen. Man darf kein Benzin- oder Dieselauto mehr fahren. Wenn man essen will, bekommt man eine SMS mit einem Kalorienkontrollsystem, was man heute essen darf. Wenn man gegen eine dieser Regeln verstößt, wird das Bankkonto eingefroren».

Screenshot des fraglichen Reels (hier archiviert)
Screenshot des fraglichen Reels (hier archiviert)

Screenshot der Behauptung auf Facebook (hier archiviert)
Screenshot der Behauptung auf Facebook (hier archiviert)

Bewertung

Das Konzept der 15-Minuten-Stadt beinhaltet Anregungen und Ratschläge, aber keine Verbote. Von einem Kalorienkontrollsystem ist ebenso wenig die Rede wie von eingefrorenen Bankkonten.

Die Fakten

Es gibt Konzepte zur 15-Minuten-Stadt von verschiedenen Institutionen, die meist auf Forschungen des Wissenschaftlers Carlos Moreno von der Pariser Universität Pantheon Sorbonne basieren. Shyam Batra bezieht sich im Video auf das Konzept der „C40 Cities“ des World Economic Forum (WEF).

Vorweg: Bei „C40“ geht es nicht um Verbote, sondern um „Ideen und Ratschläge“, wie eine 15-Minuten-Stadt umgesetzt werden könnte. „C40“ ist ein Netzwerk von Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen aus aller Welt, die zusammenarbeiten, um „dringend notwendige Maßnahmen“ gegen die Klimakrise umzusetzen. Für London ist der amtierende Bürgermeister Sadiq Khan dabei.

Mobilität in der 15-Minuten-Stadt
Ziel der 15-Minuten-Stadt ist es, das Zufußgehen und Radfahren zum Hauptverkehrsmittel zu machen und die Menschen zum Verzicht auf das Auto zu ermuntern. „In einer 15-Minuten-Stadt kann jeder die meisten, wenn nicht alle seiner Bedürfnisse innerhalb eines kurzen Spaziergangs oder einer kurzen Fahrradfahrt von seinem Wohnort aus befriedigen“, heißt es.

Lesen Sie auch >   Digitale Gesundheit und Wohlbefinden: Balance finden

Anders als bisher sollen Wohngebiete nicht mehr von Gebieten getrennt sein, in denen überwiegend gearbeitet wird. Von einer Pflicht zur Nutzung von Elektroautos ist nicht die Rede.

Von einem angeblichen Kalorienkontrollsystem oder eingefrorenen Bankkonten ist in den Informationsbroschüren nichts zu finden. Lediglich von regional produzierten Lebensmitteln ist die Rede. Für so gravierende Maßnahmen wie das Einfrieren von Bankkonten wäre ein Netzwerk von Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen auch gar nicht zuständig.

Bekannte Verschwörungstheorien über die 15-Minuten-Stadt

Shyam Batras Behauptungen, die 15-Minuten-Stadt sei ein „offenes Gefängnis“, ähneln bekannten Verschwörungserzählungen, über die bereits die britische BBC und die Tageszeitung „Der Standard“ berichtet haben. So wird das Bild einer dystopischen Stadt gezeichnet, die von Kontrolle, Restriktionen, Isolation und Verboten geprägt ist.

Dass niemand über das Stadtkonzept spreche und Informationen vor der Öffentlichkeit geheim gehalten würden, wie Batra in dem Video weiter behauptet, ist ebenfalls falsch. Alle im Faktencheck zitierten Quellen sind öffentlich zugänglich, viele weitere Medien haben über die 15-Minuten-Stadt berichtet. In der britischen Stadt Oxford gab es sogar Demonstrationen gegen das Konzept, was zeigt, dass es in der Öffentlichkeit bekannt ist.

Auch mehrere dpa-Faktenchecks zeigen, dass bereits ähnliche Falschbehauptungen über die 15-Minuten-Stadt kursierten.

Fazit

Das Konzept der 15-Minuten-Stadt zielt darauf ab, urbane Lebensräume lebenswerter und klimafreundlicher zu gestalten. Die im Video verbreiteten Behauptungen über weitreichende Kontrollen und Verbote sind unbegründet und entbehren jeder Grundlage. Es handelt sich um Empfehlungen und nicht um strikte Vorschriften. Es ist wichtig, solche Fehlinformationen zu entlarven, um eine konstruktive Diskussion über Stadtplanung und Nachhaltigkeit zu fördern.

Mimikama-Tipp

Lesen Sie auch >   Kein Zusammenhang zwischen Wahlergebnis und Müllcontainerbrand in Bobigny

Abonnieren Sie unseren Newsletter für aktuelle Informationen und nehmen Sie an unseren Online-Vorträgen und Workshops teil, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Quelle: dpa-factchecking

Hinweise: 1) Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.
2) Einzelne Beiträge entstanden durch den Einsatz von maschineller Hilfe und wurde vor der Publikation gewissenhaft von der Mimikama-Redaktion kontrolliert. (Begründung)