Facebook hält unsere Recherche für Betrug

Über 9.000 Rückmeldungen aus unserem Linktest zeigen ein klares Muster: Die Betrugswarnung trifft fast nur die Facebook-App. Wo der Link gepostet wird, entscheidet mit, ob man den Artikel überhaupt noch lesen kann.

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Seit Donnerstag zeigt Facebook vielen Menschen eine Betrugswarnung, wenn sie unseren Rechercheartikel über antisemitische Kommentare auf Facebook und Instagram öffnen wollen. Wir haben euch gebeten, das zu testen – und ihr habt über 9.000 Mal geantwortet. Das Ergebnis: Am Computer taucht die Warnung praktisch nie auf, in der Facebook-App am Smartphone bei mehr als jedem Dritten. Am Android-Handy kommen danach viele gar nicht mehr zum Artikel, im Privatprofil und in der Gruppe sogar rund drei Viertel der Gewarnten. Auf unserer offiziellen Seite waren es nur 4 %.

36 %

bekamen in der Facebook-App eine Warnung

am PC nur 1,5 %, am Mac 1 %

42 %

der gewarnten Android-Nutzer kamen nicht zum Artikel

am iPhone nur 2 %

73 % : 4 %

blockiert im Privatprofil gegenüber der offiziellen Seite

Android-Handy, Facebook-App

Was passiert ist

Wer den Link zu unserer Recherche über antisemitische Kommentarmuster in Facebook antippte, bekam oft diesen Hinweis: „Vorsicht vor Betrug. Links sind möglicherweise darauf ausgelegt, Geld, Passwörter oder andere Informationen zu stehlen.“ Darunter folgen Sicherheitstipps und zwei Knöpfe: ein blau hervorgehobenes „Zurück“ und ein unauffälliges „Link öffnen“. Bei manchen ließ sich der Artikel über „Link öffnen“ trotzdem aufrufen, bei anderen sprang die App einfach zurück zu Facebook.

Facebook-Hinweis „Vorsicht vor Betrug“ mit den Knöpfen „Zurück“ und „Link öffnen“
Diese Warnung zeigt Facebook vor unserem Rechercheartikel. Screenshot: Mimikama

Technisch ist an dem Artikel nichts auffällig. Der offizielle Prüfdienst von Facebook, der Sharing Debugger, ruft ihn ohne Fehler ab und zeigt die Linkvorschau korrekt an.

Wir sind in diesem Fall selbst betroffen, das wollen wir offen sagen. Wir unterstellen Meta keine Absicht und keine gezielte Benachteiligung. Wir wollen aber wissen, warum ein journalistischer Artikel als möglicher Betrug markiert wird – und haben deshalb nachgemessen, statt zu vermuten.

Was der Test zeigt

Die Warnung ist ein Problem der Facebook-App

In der App meldeten 36 % eine Warnung, im Browser nur 5,5 %. Am Windows-PC waren es 1,5 %, am Mac 1 %. Am iPhone (39 %) und am Android-Handy (38 %) dagegen bekam mehr als jeder Dritte die Warnung zu sehen.

Balkendiagramm: Anteil der Rückmeldungen mit Betrugswarnung nach Gerät – iPhone 38,5 %, Android-Handy 37,8 %, iPad 20,7 %, Android-Tablet 11,9 %, Windows-PC 1,5 %, Mac 1,0 %
Anteil der Rückmeldungen mit Betrugswarnung, nach Gerät. Grafik: Mimikama

Am Android-Handy endet die Warnung oft im Leeren

iPhone und Android werden etwa gleich oft gewarnt, danach trennen sich die Wege. Am iPhone ließ sich der Artikel fast immer trotzdem öffnen, nur 2 % kamen nicht weiter. Am Android-Handy waren es 42 %.

Balkendiagramm: Nach der Warnung blockiert – Android-Handy 42 %, iPhone 1,8 %, iPad 0 %
Gewarnte Nutzer mit klarer Angabe, ob sich der Artikel danach öffnen ließ. Grafik: Mimikama

Viele beschrieben dasselbe: „Link öffnen“ antippen, der Bildschirm blinkt kurz, und man ist wieder auf Facebook. Manchmal klappte es erst beim zweiten Versuch.

Wo der Link steht, macht den größten Unterschied

Wir haben denselben Link an mehreren Orten gepostet. Nimmt man nur Android-Handys mit Facebook-App, sieht das so aus:

Balkendiagramm Android-Handy mit Facebook-App: Warnung angezeigt im Privatprofil 49 %, in der Gruppe 67 %, auf der offiziellen Seite 24 %; davon Artikel nicht erreichbar 73 %, 72 % und 4 %
Nur Android-Handy mit Facebook-App: Privatprofil 626, Gruppe 434, Seite 1.541 Rückmeldungen. Grafik: Mimikama

Eine Testerin hat es selbst bemerkt: „Auf der Seite hatte ich keine Probleme. Hier kommt die Warnung.“ Warum Facebook denselben Link je nach Ort anders behandelt, wissen wir nicht. Die Zahlen zeigen nur, dass es so ist.

Auch unsere Umfragen in den Kanälen bestätigen die Warnung: Im Facebook-Kanal meldeten 14 % eine Warnung, im WhatsApp-Kanal 27 %.

Gestapeltes Balkendiagramm der Kanal-Umfragen: Facebook-Kanal 85 % keine Warnung, 12 % Warnung mit Zugriff; WhatsApp-Kanal 73 % keine Warnung, 12 % Warnung mit Zugriff, 15 % Warnung ohne Zugriff
Facebook-Kanal 1.742 Stimmen, WhatsApp-Kanal 676 Stimmen. Grafik: Mimikama

Was ihr tun könnt, wenn die Warnung kommt

1

Link kopieren und im Browser öffnen. Haltet den Link gedrückt, kopiert ihn und fügt ihn in Chrome, Firefox, Safari oder einen anderen Browser ein. Ein Tester berichtete, dass der Artikel so aufging, obwohl er in der App blockiert war. Achtet darauf, den vollständigen Link zu kopieren.

2

Ein zweites Mal antippen. Bei einem Teil der Android-Nutzer öffnete sich der Artikel beim zweiten Versuch.

3

Direkt auf mimikama.org gehen. Am sichersten ist es, unsere Seite ohne den Umweg über Facebook aufzurufen.

Kein Einzelfall: Gelöscht wurde die Warnung vor dem Betrug

Schon eine Woche vorher, am 2. Oktober, hat Facebook in einem anderen Fall eingegriffen. Eine Kollegin aus unserer Redaktion hatte im August unseren Artikel „Facebook-Konto in Gefahr: PDF ‚Verifizierungsdatei‘ führt zur Kontoübernahme“ auf ihrem Profil geteilt. Darin warnen wir vor Betrügern, die sich als Meta-Support ausgeben und mit einer gefälschten „Verifizierungsdatei“ Facebook-Konten übernehmen wollen.

Facebook entfernte diese Beiträge mit der Begründung, der Inhalt versuche „möglicherweise, sensible Informationen von anderen zu sammeln“. Das verstoße gegen die Gemeinschaftsstandards zu Cybersicherheit. Zusätzlich wurde ihr Konto bis 1. November eingeschränkt: keine Werbeanzeigen, keine Live-Videos, keine Anrufe.

Facebook-Mitteilungen vom 2. Oktober 2026: Kontoeinschränkungen bis 1. November und Entfernung des geteilten Mimikama-Warnartikels wegen angeblichen Sammelns sensibler Informationen
Links die Kontoeinschränkung, rechts die Begründung für die Löschung des geteilten Warnartikels. Screenshots: Mimikama

Das Muster ist bitter. Gelöscht wurde nicht die Betrugsmasche, sondern die Aufklärung darüber. Wer vor einem Phishing-Trick warnt, muss den Trick beschreiben – wir vermuten, dass schon das reicht, damit ein automatisches System die Warnung selbst für Phishing hält.

Auch andere Redaktionen sind betroffen

Wir sind nicht die Einzigen. Das Magazin The Kaizen Blog berichtete bereits im August von einer ähnlichen Betrugswarnung vor seinen Artikeln. Nach eigenen Angaben fanden dort mehrere Sicherheitsdienste – darunter Google Safe Browsing und VirusTotal – nichts Auffälliges, und das eigene Facebook-Konto zeigte keine Einschränkungen. Ein Mitarbeiter des bezahlten Meta-Supports schrieb der Redaktion demnach, es sei „keine Stelle vorgesehen, an der diese spezifische Situation geprüft werden könnte“. Diese Angaben stammen vom Kaizen Blog selbst, wir konnten sie nicht unabhängig prüfen. Auch in unserem Test erwähnte ein Teilnehmer, der Kaizen Blog habe dasselbe Problem gehabt.

Was wir von Meta wissen wollen

Wir haben das Presseteam von Meta am 9. Oktober informiert und um eine Stellungnahme gebeten. Am 10. Oktober haben wir die Ergebnisse dieses Tests nachgereicht. Die gelöschten Beiträge mit unserer Phishing-Warnung haben wir dabei ebenfalls angesprochen. Eine Antwort liegt bisher nicht vor. Sobald sich Meta äußert, ergänzen wir diesen Artikel.

Unsere wichtigsten Fragen:

  1. Warum stuft Facebook einen Link auf einen journalistischen Artikel als möglichen Betrug ein – und welches System löst die Warnung aus?
  2. Warum wird derselbe Link unterschiedlich behandelt, je nachdem, ob er auf einer Seite, in einem Privatprofil oder in einer Gruppe steht?
  3. Warum führt „Link öffnen“ in der Android-App bei vielen zurück zu Facebook, statt den Artikel zu laden?
  4. Wertet Meta eine solche Warnung als Einschränkung der Sichtbarkeit nach Artikel 17 des Digital Services Act? Dann müsste Meta sie begründen.

Das ist keine Formalität. Eine Betrugswarnung vor einem Faktencheck oder einer Recherche sagt den Menschen: Trau dieser Quelle nicht. Gerade bei Inhalten, die vor Betrug und Hass im Netz schützen sollen, ist das ein Problem – unabhängig davon, ob dahinter ein Fehler im System steckt oder etwas anderes.

So haben wir getestet

Wir haben denselben Link am 9. und 10. Oktober 2026 auf unserer offiziellen Facebook-Seite, im Privatprofil unseres Gründers Tom Wannenmacher und in unserer Facebook-Gruppe gepostet, dazu je eine Umfrage im Facebook- und im WhatsApp-Kanal. Ihr solltet uns vier Dinge sagen: ob eine Warnung kam, welches Gerät ihr nutzt, ob App oder Browser und ob sich der Artikel öffnen ließ.

TestortFormRückmeldungen
Offizielle Mimikama-SeiteKommentare4.088
Privatprofil Tom WannenmacherKommentare1.560
Mimikama-GruppeKommentare903
Facebook-KanalUmfrage1.742
WhatsApp-KanalUmfrage676

Die Kommentare wurden automatisch nach Stichwörtern eingeordnet und stichprobenartig geprüft. Unser roter Hinweis „Aktuelle Betrugswarnungen“ oben auf mimikama.org stammt von uns selbst – Rückmeldungen, die nur ihn meinten, haben wir nicht als Facebook-Warnung gezählt.

Wichtig: Die Zahlen sind nicht repräsentativ. Wer ein Problem hat, meldet sich eher. Sie zeigen aber deutlich, wo die Unterschiede liegen.

Danke an alle, die mitgemacht haben. Ohne euch hätten wir nur eine Vermutung – jetzt haben wir Belege.


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