Nicht nur wer du bist, sondern wo du klickst: Was Facebook-Umfelder über Desinformation verraten

Haustiere, Wohnideen, Alltag – ausgerechnet solche Facebook-Umfelder hängen laut einer Studie aus Ungarn mit Kontakt zu Fake-News-Seiten zusammen. Bildung und Einkommen sagen darüber weniger.

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Haustiere, Wohnideen, Tipps für den Alltag – so sieht für viele der Facebook-Feed aus. Harmloser geht es kaum, könnte man meinen. Eine neue Studie aus Ungarn zeigt aber: Wer viel in solchen Umfeldern unterwegs war, hatte eher auch mit Fake-News-Seiten zu tun. Dasselbe gilt für Boulevard- und Massenmedien.

Bildung und Einkommen sagten darüber deutlich weniger als die Seiten, die jemand sonst nutzt. Die bequeme Antwort „Das sind halt die Ungebildeten“ trägt also nicht weit. Die Studie ist im September 2026 in einer Fachzeitschrift erschienen. Zwei der drei Autorinnen forschen an der Central European University in Wien.

Was haben die Forscherinnen gemacht?

Meistens fragen Studien die Menschen einfach, was sie online tun. Doch viele erinnern sich nicht genau, und manches gibt man ungern zu. Diese Studie hat deshalb nachgeschaut. 738 Menschen aus Ungarn haben ihr Facebook-Archiv freiwillig zur Verfügung gestellt. Darin steht, was sie gepostet, kommentiert und geliked haben und welchen Seiten sie folgen. Dazu kam ein Fragebogen zu Alter, Bildung, Einkommen und mehr. Beides von denselben Menschen zu haben, ist selten. Fachleute hatten genau diese Kombination schon 2018 gefordert, weil sich nur so zeigen lässt, wer tatsächlich was tut.

Als Fake-News-Seiten galten Websites und Facebook-Seiten, die auf mindestens zwei ungarischen Warnlisten stehen. Solche Listen führen dort Journalisten, eine Faktencheck-Seite und Wikipedia. Gezählt wurde, wer mit diesen Seiten zu tun hatte. Ob einzelne Beiträge wirklich falsch waren, wurde nicht geprüft.

Wie viele hatten mit Fake-News-Seiten zu tun?
Jedes Kästchen steht für 1 Prozent der 738 Menschen in der Studie. Zeitraum: 2019 bis 2023.
323mindestens einmal (rund 44 %)
415kein einziges Mal
Die meisten der 323 hatten in diesen vier Jahren nur ein paar Mal damit zu tun. Nur wenige deutlich öfter.
Das wurde gezählt
Einen Link zu so einer Seite teilen
So einer Seite folgen
Beiträge liken oder mit Herz markieren
Unter Beiträgen kommentieren
Das nicht
Beiträge nur ansehen
Im Messenger weiterschicken
„Haha“, „Wow“ oder „Wütend“ klicken
Ob jemand etwas geglaubt hat
Die Studie zeigt, wer mit Fake-News-Seiten zu tun hatte – nicht, wer eine Lüge geglaubt hat.
Quelle: Számely, Koltai, Omodei (2026), Humanities and Social Sciences Communications. Facebook-Daten aus Ungarn.

Also doch die Älteren?

Zum Teil. Das Alter war das einzige persönliche Merkmal, das immer wieder eine Rolle spielte: Ältere hatten eher mit Fake-News-Seiten zu tun, und dann auch öfter. Warum, verrät die Studie nicht. Vielleicht sehen Ältere andere Inhalte, vielleicht prüfen sie anders.

Das passt zu einer bekannten US-Studie aus dem Jahr 2019. Auch dort fiel unter den Bevölkerungsmerkmalen vor allem das Alter auf: Über 65-Jährige teilten im Schnitt fast siebenmal so viele Artikel von Fake-News-Seiten wie die jüngste Gruppe. Die ungarische Studie bestätigt das Alter für Europa. Neu ist der Blick auf die Seiten, die jemand sonst nutzt.

Beim Geschlecht zeigt sich, wie leicht man sich täuschen kann. Auf den ersten Blick hatten Frauen öfter mit solchen Seiten zu tun. Doch der Unterschied verschwand, als die Forscherinnen mitrechneten, welche Seiten jemand sonst nutzt. Nicht das Geschlecht machte den Unterschied, sondern offenbar die Seiten. Frauen waren im Schnitt öfter auf Boulevard- und Promi-Seiten, Männer öfter auf Seiten zu Opposition und Satire.

Welche Seiten sind es genau?

Die Forscherinnen haben alle Facebook-Seiten in Gruppen sortiert: Seiten, die oft von denselben Menschen genutzt werden, kamen in eine Gruppe. So entstanden 42 Themenwelten – von Politik über Rezepte bis K-Pop. Dann haben sie geschaut, welche Themenwelten mit Fake-News-Seiten zusammenhängen.

Welche Themenwelten mit Fake-News-Seiten zusammenhängen
Jeder Kreis ist eine Themenwelt auf Facebook. Je größer der Kreis, desto größer die Themenwelt. Die Namen haben wir aus dem Englischen übersetzt.
Hier öfter
Regierungsnahe Politik & Sport*
Boulevard & allgemeine Nachrichten
Haustiere, Zuhause & Alltag
Hier seltener
Marken & Konsum
Ungarischer Handel & Einkauf*
Promis, TV & Popkultur
Bücher & Kultur
Unterhaltung, Fans & Humor
Opposition, Kommentar & Satire*
Zum Vergleich
Supermärkte & Handelsketten
Eine der größten Themenwelten. Mit Fake-News-Seiten hing sie nicht erkennbar zusammen. Groß heißt also nicht automatisch problematisch.
Das ist ein Zusammenhang, keine Ursache. Ob eine Themenwelt zu Fake-News-Seiten führt oder ob solche Leser sich eher dort aufhalten, zeigt die Studie nicht.
* Hier betrifft der Zusammenhang nur, wie oft jemand mit Fake-News-Seiten zu tun hatte – nicht, ob überhaupt. Nicht gezeigt: eine Kleinstgruppe aus nur zwei Seiten („Nostalgie & Lifestyle“). Quelle: Számely, Koltai, Omodei (2026), Humanities and Social Sciences Communications, Abb. 1, 3 und 4. Facebook-Daten von 738 Menschen aus Ungarn, 2019 bis 2023.

Dass Boulevard-Seiten dabei sind, überrascht kaum. Die Forscherinnen vermuten: Wo Nachrichten wie Unterhaltung wirken, schaut man weniger genau hin. Zur Themenwelt „Haustiere, Zuhause & Alltag“ zählt die Studie etwa Seiten für Tierfreunde, Hundefans, Rezepte und ländliches Leben. Warum gerade sie auffällt, erklärt die Studie nicht.

Für Kultur-, Promi- und Humorseiten haben die Forscherinnen zwei mögliche Erklärungen. Entweder werden dort eher Rezepte und Witze geteilt als Streitthemen. Oder die Menschen dort sehen einfach weniger Politik.

Bei der Politik wird es heikel. Die Forscherinnen deuten ihre Ergebnisse so, dass in Ungarn eine Trennlinie zwischen Anhängern und Gegnern der Regierungspartei Fidesz verläuft. Das ist ihre Deutung, nicht gemessen. Und es hängt davon ab, welche Seiten auf den Warnlisten stehen.

Wo hat die Studie Schwächen?

Mitgemacht haben nur Freiwillige, und das Hochladen des Facebook-Archivs ist kompliziert. Von 6.832 Menschen, die die Studienseite öffneten, blieben 738. Wer das schafft, kennt sich wahrscheinlich besser im Internet aus als der Durchschnitt. Menschen mit wenig Erfahrung könnten deshalb fehlen.

Außerdem wurden ganze Websites bewertet, nicht einzelne Artikel. Auch gute Medien machen Fehler, und auch dubiose Seiten schreiben manchmal Richtiges. Untersucht wurde nur Facebook, nicht TikTok oder YouTube. Die Daten sind von 2023. Und Ungarn ist ein Sonderfall: Dort prägen laut den Forscherinnen Regierungskampagnen und staatlich kontrollierte Medien stark, was Menschen zu sehen bekommen.

Was heißt das für uns?

Wie es in Österreich oder Deutschland aussieht, sagt die Studie nicht. Hier gibt es andere Medien und andere Seiten. Eines trägt aber über Ungarn hinaus: Wer Fake News nur bei „den Alten“ oder „den Ungebildeten“ sucht, schaut an der falschen Stelle. Aufklärung muss dorthin, wo Menschen ohnehin unterwegs sind – auch in Haustier- und Alltagsgruppen.

Und für jeden selbst: Einer Seite zu folgen hat Folgen. Wer folgt, bekommt künftig mehr von ihr zu sehen. Ein Like hier, ein Follow dort – so entsteht nach und nach der eigene Feed.

Zum Mitnehmen
Drei Fragen an den eigenen Feed
Was taucht in meinen „harmlosen“ Gruppen sonst noch auf?
Eine Gruppe, die harmlos wirkt, ist kein Gütesiegel. Auch dort lohnt der Blick, von welcher Seite ein Beitrag stammt.
Nachricht oder Show?
Aufregung und große Buchstaben beweisen nicht, dass etwas stimmt.
Wem folge ich eigentlich – und wer steht dahinter?
Seiten, denen man einmal gefolgt ist, bleiben oft jahrelang im Feed. Ein netter Name sagt wenig. Unter „Seitentransparenz“ zeigt Facebook, wann eine Seite erstellt und ob sie umbenannt wurde.
Dafür braucht es kein Fachwissen. Nur einen Moment, bevor man liked oder folgt.
Für alle, die es genau wissen wollen
Die Studie im Detail
Veröffentlichung
Júlia Számely, Júlia Koltai und Elisa Omodei (Central European University Wien, ELTE-Forschungszentren und Eötvös-Loránd-Universität Budapest), erschienen am 11. September 2026 als begutachteter „Article in Press“; die endgültig redigierte Fassung ersetzt ihn später. Frei zugänglich unter CC BY 4.0, genehmigt von der Ethikkommission des ELTE Centre for Social Sciences.
Daten und Stichprobe
Erhebung Februar bis Juni 2023, ausgewertet wurde Facebook-Aktivität ab Jänner 2019. 4.841 Personen begannen mit Anmeldung und Einwilligung, 2.569 starteten den Upload, 783 schlossen ihn ab, 761 füllten den Abschlussfragebogen aus, für 758 lagen verwertbare Daten vor. Die 738 Personen ab 16 Jahren wurden per Gewichtung an die ungarische Internetbevölkerung nach Geschlecht, Alter, Bildung, Wohnort und Region angepasst. Wer ausstieg, war etwas häufiger jünger, niedriger gebildet und männlich; laut Studie war dieser Effekt gering.
Die Warnlisten
Grundlage waren fünf Verzeichnisse: HVG, Urbanlegends.hu, „Neten a Videóm“, Kelecsényi.info und Wikipedia. Aufgenommen wurde nur, was in mindestens zwei davon stand. Auf Facebook ließen sich 127 Seiten diesen Websites zuordnen. Sie wurden aus der Bildung der Themenwelten herausgenommen, damit sich die Rechnung nicht im Kreis dreht.
Die Rechnung
Zweistufiges Modell: Stufe eins fragt, ob jemand überhaupt Kontakt hatte; Stufe zwei, wie viel Kontakt es bei jenen gab, die welchen hatten (in der Grafik mit * markiert). Gewichtung im Hauptindex: Beitrag oder Kommentar mit Link 1,0, Kommentar unter einem Beitrag 0,7, Folgen 0,6, Reaktion 0,3. Drei andere Gewichtungen bestätigten die Kernergebnisse. Die Themenwelten blieben großteils bedeutsam, auch wenn herausgerechnet wurde, wie aktiv jemand insgesamt auf Facebook ist.
Wie viel besser die Vorhersage wurde
McFadden-R² für „überhaupt Kontakt?“: 0,046 mit persönlichen Merkmalen allein, 0,283 mit Themenwelten und Facebook-Aktivität. Für „wie viel?“: 0,048 und 0,150.
Bildung und Einkommen
Für die Frage, ob überhaupt Kontakt bestand, spielten beide keine erkennbare Rolle. Höhere Bildung ging zunächst mit weniger Kontakt bei jenen einher, die welchen hatten; das verschwand mit dem Online-Verhalten im Modell. Höheres Haushaltseinkommen ging erst in diesem Modell mit weniger Kontakt einher, ebenfalls nur bei der Menge.
Ungereimtheiten in der Beilage
Die Zusatzunterlagen zur Studie sind offenbar noch nicht ganz an die Endfassung angepasst. Der Haupttext nennt 42 Themenwelten, die Tabelle in der Beilage spricht von 46, die Legende der Netzwerkgrafik zeigt 40. Die Zusatzprüfungen mit anderen Gewichtungen verwenden teils andere Namen für die Themenwelten. Die Haustier-Themenwelt wird dort nicht ausdrücklich als bestätigt genannt, der Haupttext spricht aber davon, dass alle Ergebnisse bestätigt wurden. Einzelne Beispielseiten tauchen in zwei Themenwelten zugleich auf. Wir nennen deshalb keine einzelnen Beispielseiten als gesicherte Zuordnung. Die „Nostalgie“-Themenwelt umfasst nur zwei Seiten mit 19 Nutzern und fehlt deshalb in unserer Grafik. Die Stichprobe bestand vor der Gewichtung zu rund 60 Prozent aus Frauen, das Durchschnittsalter lag bei knapp 44 Jahren.
Geteilt aus Zustimmung?
41,5 Prozent der Beiträge mit solchen Links enthielten zusätzlichen Text, keiner davon ablehnend. Bei Kommentaren waren es 42,5 Prozent, davon zwei mit sarkastischem Ton. Psychologische Merkmale und politische Einstellungen zeigten in Zusatzprüfungen keinen deutlichen Zusammenhang.

Quellen


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