Fake News: Aus Russland importiert, in Washington verkauft

Fake News über angebliche Korruption in der Ukraine wurde von russischen Propagandakanälen konstruiert, von Microsofts MSN weiterverbreitet – und schließlich von einer US-Abgeordneten als „Beweis“ geteilt.

Die Behauptung

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj oder sein „innerer Kreis“ überweisen monatlich 50 Millionen US-Dollar an dubiose Firmen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, angeblich aus unterschlagenen westlichen Hilfsgeldern.

Aufgestellt von: Unbekannt

Faktencheck: Falsch

Diese Geschichte ist frei erfunden. Es gibt keine Belege, keine Dokumente, keine Zeugen, keine seriöse Quelle. Sie stammt aus einem pro-russischen Randmedium in der Türkei, wurde von russischen Staatsmedien aufgegriffen, von MSN versehentlich weiterverbreitet und schließlich von einer US-Kongressabgeordneten zitiert. Das ist ein klassischer Fall von Desinformationswäsche: Eine Lüge wandert durch glaubwürdige Zwischenstationen und kommt „gereinigt“ wieder zurück.

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Die Geburt einer Lüge: So wird Propaganda salonfähig gemacht

Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Eine kleine, russlandfreundliche Zeitung in der Türkei veröffentlicht eine angebliche Enthüllung. Keine Beweise, keine namentlichen Quellen, keine offiziellen Dokumente – nur vage Behauptungen, ein paar Fantasiezahlen und ein verlockendes Narrativ: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und seine „inneren Kreise“ stecken jeden Monat 50 Millionen US-Dollar an westlicher Hilfe in die eigene Tasche und verschieben das Geld über Firmen in Dubai.

Klingt absurd? Ist es auch. Aber genau diese Geschichte hat es geschafft, sich ihren Weg durch russische Staatsmedien, eine afrikanische Website, Microsofts MSN, eine republikanische US-Kongressabgeordnete und wieder zurück in russische Schlagzeilen zu bahnen. Eine perfekte Runde im Desinformations-Karussell. Willkommen im Propagandazirkus 2025.

Die Fakten dahinter – MIMIKAMA-ANALYSE

1. Ursprung: Ein Propaganda-Konstrukt aus Ankara und Moskau

Der Ausgangspunkt war das türkische Medium Aydınlık, das dem prorussischen Lager zuzurechnen ist. Autor Yiğit Saner arbeitete zuvor für Plattformen, die von der US-Finanzbehörde mit der russischen Trollfabrik „Internet Research Agency“ in Verbindung gebracht wurden.

Beleg: Auszug aus der US-Sanktionsliste (OFAC), die „United World International“ wegen Verbindungen zu Prigoschins Propagandanetzwerk führt:

Quelle: US Department of the Treasury, Office of Foreign Assets Control (Stand: 14. Oktober 2025); Fake News: Aus Russland importiert, in Washington verkauft
Quelle: US Department of the Treasury, Office of Foreign Assets Control (Stand: 14. Oktober 2025)

Der Ausgangspunkt war das türkische Medium Aydınlık, das dem prorussischen Lager zuzurechnen ist. Am 11. August 2025 erschien dort ein Artikel mit der Überschrift:

„Aydınlık entgeht nichts… Wir decken geheime Konten auf: Das Ende von Selenskyjs Schlauch führt in die VAE!“

Screenshot: Aydınlık, 11. August 2025
Screenshot: Aydınlık, 11. August 2025

Der Beitrag enthielt keinerlei Belege, aber detailliert erfundene Kontodaten und Firmennamen – ein typisches Merkmal von Propagandatexten, die Glaubwürdigkeit durch Scheinpräzision vortäuschen.

2. Verstärkung durch russische Staatsmedien

Innerhalb eines Tages griffen TASS, Sputnik und RIA Nowosti die Geschichte auf. Ihre Überschriften lauteten fast identisch: „Zelenskys Innerer Kreis überweist monatlich 50 Millionen Dollar an Konten in den VAE“. Damit war die Fiktion zur „Nachricht“ geworden – in einem Netzwerk, das regelmäßig Lügen über den Ukrainekrieg streut.

3. Unfreiwillige Veredelung durch westliche Plattformen

Die englischsprachige Version erschien auf einer kleinen Seite namens SAT World News – und gelangte über Microsofts MSN-Newsaggregator in den westlichen Informationsraum.

Beispiel: Der Artikel auf „SAT World News“ vom 12. August 2025
veröffentlichte die Falschmeldung mit dem Hinweis „ANKARA (Sputnik)“ – ein klarer Beleg dafür, dass die Quelle direkt aus russischer Staatspropaganda stammt.

Screenshot: SAT World News, 12. August 2025
Screenshot: SAT World News, 12. August 2025

MSN veröffentlichte die Meldung automatisch, ohne Redaktion oder Faktenprüfung. Damit erhielt die russische Propaganda den Anschein seriöser Berichterstattung.

Über den MSN-Newsaggregator gelangte die erfundene Geschichte schließlich auf eine der größten Nachrichtenplattformen der Welt.

Screenshot: Die Falschmeldung auf Microsofts MSN, mit klar erkennbarem Sputnik-Logo – dem ursprünglichen russischen Propagandamedium:

Screenshot: MSN, August 2025
Screenshot: MSN, August 2025

Noch gefährlicher: Microsofts Suchmaschine Bing generierte daraufhin eine KI-Zusammenfassung, die die Falschbehauptung als Tatsache wiedergab. So vervielfachte sich die Desinformation algorithmisch.

4. Politische Instrumentalisierung in den USA

Am 16. August 2025 zitierte die US-Abgeordnete Anna Paulina Luna den MSN-Beitrag. Ihre Begründung: „Wenn MSN das berichtet, muss es ja stimmen.“ Später wiederholte sie die Behauptung in einem Podcast mit über einer Million Abonnenten – und verwechselte dabei die Vereinigten Arabischen Emirate mit Saudi-Arabien.

Das Muster ist alt: Wenn ein offizielles Medium die Lüge abdruckt, wird sie politisch nutzbar.

5. Die Rückkopplung – Russische Medien feiern sich selbst

Kurz darauf meldeten russische Staatsportale: „US-Kongressabgeordnete bestätigt Selenskyj-Korruptionsskandal“. Damit schloss sich der Kreis:
Eine russische Lüge, durch westliche Kanäle „gewaschen“, kehrte als „Beweis“ in die russische Öffentlichkeit zurück. Der perfekte Kreislauf der Desinformation.

Wem nützt die Lüge? Spoiler: Sicher nicht der Wahrheit

Schauen wir hin, wem dieses Spiel eigentlich dient. Die Antwort ist eindeutig: Dem Kreml, seinen Trollfabriken und seinen geopolitischen Zielen.

Russland will den Westen spalten, die Unterstützung für die Ukraine untergraben und demokratische Institutionen delegitimieren. Es reicht nicht, Raketen auf Kiew zu schicken. Die Front verläuft längst auch durch unsere Köpfe – durch unsere Timelines, unsere Newsfeeds, unsere Suchmaschinen.

Ein besonderer Coup: Als Luna in einem Podcast erneut die Behauptung wiederholt – und dabei sogar die Emirate mit Saudi-Arabien verwechselt – übernehmen russische Medien erneut die Story, diesmal mit einem neuen Twist: Jetzt beruft sich die russische Propaganda auf die US-Kongressabgeordnete. „Selbst eine amerikanische Politikerin bestätigt den Korruptionsskandal“, titelt etwa Argumenty i Fakti.

Die Lüge ist vollständig gewaschen. Aus einem Märchen in einem türkischen Blättchen wird ein „Fakt“, weil er den Weg über den Westen genommen hat. Das ist nicht nur gefährlich. Das ist eine gezielte Attacke auf unsere Demokratien.

FAQ: Wie russische Propaganda „gewaschen“ wird

Neugierig, wie aus einer erfundenen Geschichte scheinbar „westliche Berichterstattung“ wird? Hier sind die wichtigsten Punkte:

Wie begann die Falschmeldung?

Am 11. August 2025 veröffentlichte das türkische Portal Aydınlık einen Artikel mit der Behauptung, Selenskyjs Umfeld überweise 50 Millionen Dollar pro Monat an Firmen in Dubai. Die Quelle nannte keine Belege, nur einen Autor mit Verbindungen zu russischen Propaganda-Netzwerken.

Warum war das sofort verdächtig?

Aydınlık ist eng mit der russlandfreundlichen Vatan Partisi verbunden und wird von russischen Medien regelmäßig als „ausländische Quelle“ für Desinformation genutzt. Keine unabhängige Redaktion hat den Bericht überprüft.

Wie kam die Geschichte in den Westen?

Russische Staatsmedien wie TASS, Sputnik und RIA Nowosti zitierten den türkischen Artikel, übersetzten ihn ins Englische – und schon erschien er auf kleineren englischsprachigen Webseiten, darunter SAT World News in Südafrika.

Was passierte bei Microsofts MSN?

MSN aggregierte den SAT World News-Artikel automatisch und veröffentlichte ihn unter eigenem Layout. So erhielt die Lüge den Anschein offizieller Berichterstattung. Der Artikel wurde später gelöscht – aber ohne Hinweis oder Korrektur.

Wie nutzte eine US-Abgeordnete die Falschmeldung?

Die republikanische Kongressabgeordnete Anna Paulina Luna teilte am 16. August 2025 einen Screenshot des MSN-Artikels auf X (vormals Twitter) und verbreitete die falsche Geschichte weiter. Russische Medien griffen danach ihre Aussagen auf – und präsentierten sie als Bestätigung „aus den USA“.

Fazit: Wenn Lügen reisen, stirbt die Wahrheit auf Raten

Was wie eine harmlose Einzelmeldung wirkt, entpuppt sich als ausgeklügelte Operation mit globalem Echo. Eine bewusste Lüge wird zur vermeintlichen Wahrheit, weil jeder in der Kette Verantwortung abschiebt. Vom türkischen Blogger bis zur US-Kongressabgeordneten. Vom russischen Propagandamedium bis zum Milliardenkonzern Microsoft.

Wer solche Fakes duldet oder weiterverbreitet, macht sich mitschuldig. Denn diese Art der Desinformation untergräbt Vertrauen, destabilisiert Demokratien und dient am Ende nur einem: Denen, die unser System zerstören wollen.

Quelle: Newsguard

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