Die Behauptung
Aus ausreichend detaillierten Fotos mit sichtbaren Fingerkuppen lassen sich Fingerabdruckinformationen gewinnen. Unter geeigneten Bedingungen können damit biometrische Sicherheitssysteme angegriffen werden.
Aufgestellt von: https://www.hna.de/verbraucher/haende-auf-fotos-warum-das-gefaehrlicher-sein-kann-als-viele-denken-94361946.html
Wahr
Wahr – unter bestimmten Voraussetzungen. Fingerabdruckinformationen können aus geeigneten Fotos gewonnen werden. Ein erfolgreicher Zugriff auf ein Gerät ist ein weiterer Schritt: Dafür müssen auch dessen Schutzmaßnahmen überwunden werden. Nicht jedes Selfie liefert genug Details. Eine verbreitete Betrugswelle durch gewöhnliche Peace-Fotos belegen die geprüften Quellen nicht.
Warnungen vor Fotos mit Peacezeichen oder Daumen hoch verunsichern Menschen: Können Betrüger daraus wirklich den Fingerabdruck kopieren? Eine solche Frage wurde auch an Mimikama geschickt. Wir haben die Berichte und die Forschung dazu geprüft: Aus einem ausreichend genauen Foto ist das möglich. Ein kopierter Fingerabdruck und ein erfolgreicher Zugriff auf ein Gerät sind aber zwei verschiedene Dinge.
Was hinter den Warnungen steckt
Mehrere Medien berichten über die Gefahr. Die HNA verweist dabei auf TECHBOOK. Mehrere Artikel bedeuten also nicht unbedingt, dass mehrere neue Angriffe entdeckt wurden. Auch das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) warnt: Gute Smartphonekameras und KI können es erleichtern, Fingerabdruckinformationen aus öffentlichen Bildern zu gewinnen.
Die Möglichkeit ist tatsächlich nachgewiesen. In einer 2018 veröffentlichten Facharbeit beschrieben japanische Forschende, wie sie aus Fingerfotos Nachbildungen herstellten. Sie erfassten diese mit Fingerabdrucksensoren und verglichen die Ergebnisse mit den echten Abdrücken. Die Nachbildungen erreichten in der verwendeten Software Werte, die als Übereinstimmung galten. Das war ein Versuch mit Sensoren und Vergleichssoftware im Labor, kein Test aller Schutzfunktionen heutiger Smartphones.
Die Kamera und das Foto sind entscheidend
Bei einer von Reuters dokumentierten Vorführung aus 2017 wurde aus drei Metern Entfernung fotografiert. Die Forschenden verwendeten eine Spiegelreflexkamera mit einem 135-mm-Objektiv. Diese Angabe beschreibt den damaligen Versuch. Sie bedeutet nicht, dass jedes Foto aus weniger als drei Metern einen brauchbaren Fingerabdruck zeigt.
Eine sichtbare Hand reicht nicht aus. Die feinen Hautlinien auf der Innenseite der Fingerkuppe müssen genügend Details liefern. Dafür kommt es unter anderem auf die Schärfe und die Beleuchtung an. Auch die Größe der Fingerkuppe im Bild zählt: Auf einem Gruppenfoto nimmt sie meist viel weniger Platz ein als auf einer Nahaufnahme. Viele Megapixel allein garantieren deshalb keinen verwertbaren Abdruck.
Auch Smartphoneaufnahmen können dafür reichen: Die japanische Facharbeit verwendete für die Nachbildungen Fotos von zwei Spiegelreflexkameras und einem Smartphone. Ob ein konkretes Bild ausreicht, muss am Bild selbst geprüft werden. Werden Fotos beim Hochladen verkleinert oder stärker komprimiert, können Details verloren gehen. Auf diesen zusätzlichen Hinderungsgrund verwies der Forensiker Frank Breitinger gegenüber Euronews. Das Verkleinern ist aber keine Garantie dafür, dass alle verwertbaren Details verschwinden.
Was KI an einem Foto verbessern kann
KI kann vorhandene Fingerabdruckbilder besser auswerten. Das wurde etwa in einer 2020 veröffentlichten Vorabdruck untersucht. Dort ging es um Fingerabdruckaufnahmen, nicht um beliebige Urlaubsfotos. KI kann beim Schärfen außerdem Details ergänzen, die vom Original abweichen. Solche Fehler untersucht eine weitere Forschungsarbeit zur Bildverbesserung allgemein. Diese Arbeit testet keine Angriffe mit Fingerfotos. Sie erklärt aber, weshalb ein schärfer aussehendes Muster allein kein Beweis für den richtig rekonstruierten Fingerabdruck ist.
Warum der Abdruck allein noch keinen Zugriff ermöglicht
Selbst ein brauchbarer Abdruck ist erst ein Zwischenschritt. Für einen Angriff auf den Fingerabdrucksensor eines Smartphones braucht der Täter zusätzlich das Gerät und eine Nachbildung, die der Sensor akzeptiert. Bei Apples Touch ID wird der Fingerabdruck beispielsweise geschützt auf dem Gerät geprüft. Ein Foto kann dort nicht wie ein Passwort aus der Ferne eingegeben werden. Zusätzlich muss der Sensor die Nachbildung für einen echten Finger halten. Ein erfolgreicher Versuch an einem Gerät beweist deshalb nicht, dass alle Fingerabdrucksensoren unsicher sind.
Der Sicherheitsexperte Christopher Kunz beschreibt solche Angriffe im SWR3-Interview als aufwendig. Er hält andere Gefahren für gewöhnliche Nutzer für wahrscheinlicher, etwa täuschende Nachrichten, mit denen Passwörter gestohlen werden. Wie häufig erfolgreiche Angriffe mit Fingerabdrücken aus Selfies vorkommen, lässt sich aus unseren geprüften Quellen nicht bestimmen. Auch der BSI-Beitrag nennt keine Fallzahlen.
FAQ: Die wichtigsten Fragen einfach beantwortet
Kann mein Fingerabdruck wirklich aus einem Foto kopiert werden?
Ja, aus geeigneten Fotos können genügend Merkmale für einen Fingerabdruckvergleich gewonnen werden. Dafür muss nicht jede Hautlinie vollständig kopiert werden. Nicht jedes Foto liefert genug Details.
Geht das nur mit einer teuren Kamera?
Nein. Auch Smartphonefotos können genügend Details enthalten. Entscheidend ist die konkrete Aufnahme, nicht allein die Kamera.
Kann KI aus einem völlig unscharfen Finger den richtigen Abdruck machen?
Darauf kann man sich nicht verlassen. KI kann fehlende Einzelheiten ergänzen, die nicht dem echten Finger entsprechen. Sie kann aber bei der Auswertung brauchbarer Bilder helfen.
Kann jemand damit sofort mein Online-Banking öffnen?
Ein Fingerfoto allein genügt dafür nicht. Der Täter müsste weitere Hürden überwinden. Bei einem Angriff über den eingebauten Fingersensor braucht er auch Zugriff auf das betreffende Gerät.
Gilt das auch für Face ID und Iris-Scanner?
Auch hier entscheidet die Technik des jeweiligen Geräts. Apples Face ID erfasst laut Hersteller zusätzlich die räumliche Form des Gesichts. Ein gewöhnliches Foto enthält diese Tiefeninformationen nicht. Face ID ist darauf ausgelegt, solche Fotos zurückzuweisen. Das ist keine Garantie gegen jeden denkbaren Angriff. Face ID ist außerdem Apples konkretes System und kein Sammelbegriff für jede Gesichtserkennung.
Bei anderen Gesichtssperren wurden erfolgreiche Foto-Angriffe gezeigt: Die britische Verbraucherorganisation Which? berichtete im April 2026, dass sich 133 von 208 seit Oktober 2022 getesteten Smartphones mit einem ausgedruckten Gesichtsbild entsperren ließen. Das Ergebnis gilt für die ausgewählten Modelle, nicht für sämtliche Handys. Which? hebt Apples Face ID als schwerer zu täuschendes Verfahren hervor.
Bei der Iris-Erkennung, die das Muster im farbigen Teil des Auges prüft, gibt es einen dokumentierten Gegenfall: Der Chaos Computer Club überwand 2017 die Iris-Sperre eines Samsung Galaxy S8 mit einer vorbereiteten Bildattrappe. Das belegt eine Schwachstelle dieses konkreten Systems. Daraus folgt nicht, dass sich jeder Iris-Scanner mit einem gewöhnlichen Selfie öffnen lässt.
Muss ich jetzt alle Fotos mit meinen Händen löschen?
Eine solche allgemeine Empfehlung lässt sich aus den geprüften Belegen nicht ableiten. Wer sehr scharfe Nahaufnahmen von Fingerkuppen öffentlich zeigt, kann diese Bereiche unkenntlich machen. Das entspricht einer Empfehlung des BSI.
Ist die Warnung also erfunden oder übertrieben?
Die technische Möglichkeit ist real. Über die Belege hinaus geht die Vorstellung, jedes Peace-Foto führe automatisch zu einem Kontodiebstahl. Eine verbreitete Betrugswelle durch solche Fotos belegen die geprüften Quellen nicht.
Quellen
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