Seit 5.000 Jahren dieselben Europäer? Wie Genetikstudien politisch verdreht werden

Ein italienischer Influencer behauptet, die Bevölkerung Europas sei genetisch seit Jahrtausenden weitgehend unverändert. Die von ihm zitierten Studien belegen gerade eine Geschichte von Wanderungen und Veränderungen.

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Ein wissenschaftliches Diagramm, mehrere Fachbegriffe und eine scheinbar eindeutige Botschaft: Die Europäer seien im Wesentlichen seit 5.000 Jahren dieselben geblieben. Mit dieser Darstellung erreichte der italienische Influencer Luca Venier auf Instagram laut dem Faktencheck-Portal Facta mehr als 300.000 Aufrufe. Venier verweist auf genetische Forschung, um die Vorstellung einer weitgehend unveränderten europäischen und italienischen Bevölkerung zu untermauern. Doch die Studien, die seinem Argument wissenschaftliches Gewicht verleihen sollen, erzählen eine andere Geschichte.

Facta hat die Aussagen für eine am 9. Oktober 2026 veröffentlichte Recherche mit Fachleuten abgeglichen. Darunter ist die Genetikerin Serena Aneli, die selbst an einer der angeführten Untersuchungen beteiligt war. Sie beschreibt zwei grundlegende Fehler in Veniers Darstellung: die Annahme einer über Jahrtausende unveränderten Bevölkerung und die Vorstellung, die Menschen Italiens seien genetisch weitgehend einheitlich.

Was die Forschung über Europas Vorfahren sagt

In der Genetik lässt sich rekonstruieren, aus welchen früheren Bevölkerungsgruppen Teile unseres Erbguts stammen. Für Europa beschreiben Forscherinnen und Forscher mehrere große Beiträge zur heutigen genetischen Zusammensetzung. Dazu gehören Menschen, die als Jäger und Sammler lebten, frühe bäuerliche Bevölkerungen und später Gruppen, die aus den eurasischen Steppengebieten nach Europa kamen. Dass solche alten Abstammungsanteile heute nachweisbar sind, ist gut belegt. Daraus folgt allerdings kein Zeitpunkt, an dem die Bevölkerung Europas fertig zusammengesetzt gewesen wäre.

Eine 2019 in Science Advances veröffentlichte Studie untersuchte das Erbgut von mehr als 1.500 Menschen aus Italien und verglich es mit weiteren genetischen Daten. Die Forschenden fanden regionale Unterschiede und Spuren verschiedener Wanderungsbewegungen. Manche Beiträge liegen Jahrtausende zurück, andere sind deutlich jünger. In ihrer eigenen verständlichen Erläuterung der Ergebnisse beschreiben sie Italien als einen Raum, in dem unterschiedliche Bevölkerungen über lange Zeit miteinander in Kontakt kamen.

Das bedeutet nicht, dass zwischen Menschen verschiedener Regionen keinerlei genetische Unterschiede messbar wären. Die Untersuchung zeigt sogar, dass sich bestimmte regionale Muster erkennen lassen. Solche statistischen Gemeinsamkeiten sind aber kein Nachweis für eine abgeschlossene, unveränderliche Abstammungsgemeinschaft.

Das antike Rom war genetisch in Bewegung

Auch die zweite von Facta besprochene Untersuchung passt nicht zur Erzählung einer seit 5.000 Jahren gleich gebliebenen Bevölkerung. Ein Forschungsteam um Margaret Antonio analysierte 127 alte Genome von 29 archäologischen Fundorten in Rom und Mittelitalien. Die Funde decken ungefähr 12.000 Jahre ab. Die Studie dokumentiert bereits in vorgeschichtlicher Zeit größere Veränderungen der Abstammungsanteile. In der römischen Kaiserzeit kamen weitere Einflüsse hinzu, besonders durch Zuzug aus dem östlichen Mittelmeerraum und dem Nahen Osten. Später stiegen wiederum genetische Beiträge aus anderen Teilen Europas.

Eine Analyse historischer DNA kann die Zusammensetzung einer Bevölkerung zu bestimmten Zeiten untersuchen. Sie bildet weder jeden einzelnen Menschen des damaligen Römischen Reichs ab noch liefert sie eine vollständige Liste aller Wanderungen. Für die Behauptung einer über Jahrtausende praktisch unveränderten Bevölkerung liefert diese Studie aber gerade keinen Beleg.

Wie aus „ähnlicher“ plötzlich „gleich“ wird

Ein Teil der politischen Deutung knüpft an einen tatsächlichen wissenschaftlichen Befund an: Bevölkerungen aus der Eisenzeit können heutigen Menschen aus derselben Region genetisch näherstehen als noch ältere Gruppen. Das klingt zunächst nach Kontinuität. Doch genetisch ähnlicher zu sein bedeutet nicht, identisch geblieben zu sein. Spätere Zuwanderung und Vermischung können weiterhin Spuren hinterlassen, auch wenn ihr Einfluss auf bestimmte Messwerte kleiner ausfällt als jener früherer Veränderungen.

Genau diese Unterscheidung erläuterte Serena Aneli gegenüber Facta. Laut der Forscherin lassen sich größere frühgeschichtliche Beiträge und spätere Veränderungen zugleich feststellen. Wer nur den ersten Teil herausgreift, verwandelt eine Aussage über relative Ähnlichkeiten in eine Behauptung über genetische Unveränderlichkeit. Die wissenschaftlichen Begriffe bleiben dabei erhalten. Ihre Bedeutung verschiebt sich.

Wenn aus Abstammungsforschung ein politisches Argument wird

Die Aussagen stehen in einem konkreten politischen Zusammenhang. Facta ordnet Venier einer italienischen Bewegung zu, die sich für „Remigration“ einsetzt. Der Begriff wird in diesem Umfeld für Forderungen nach weitreichender Rückführung von Migrantinnen und Migranten verwendet. In den untersuchten Beiträgen wird die Vorstellung einer seit Jahrtausenden gewachsenen, weitgehend einheitlichen Bevölkerung mit Warnungen vor einer angeblichen Veränderung ihrer Identität verknüpft.

Hier liegt der gedankliche Sprung: Eine Studie über das Erbgut historischer Bevölkerungen wird als Argument dafür herangezogen, wer heute zu einem Land gehören sollte. Populationsgenetik untersucht Verwandtschaftsmuster und genetische Veränderungen. Sie entscheidet weder über Staatsbürgerschaft noch darüber, welche Migrationspolitik eine Gesellschaft verfolgen soll.

Der Versuch, Menschen entlang vermeintlich klarer biologischer Abstammungsgrenzen einzuordnen, hat eine lange Geschichte. Wissenschaftliche Fachverbände widersprechen dieser Vorstellung. Die Jenaer Erklärung von 2019 und eine Stellungnahme der American Association of Biological Anthropologists erklären, warum sich die genetische Vielfalt der Menschheit nicht in voneinander abgegrenzte biologische „Rassen“ aufteilen lässt. Auch messbare regionale Unterschiede schaffen keine scharfen Grenzen zwischen Menschengruppen.

Ein italienischer Fall mit Bedeutung für ganz Europa

Die Recherche von Facta beschäftigt sich mit rechtsextremen Influencern in Italien. Die dahinterstehende Vorstellung einer angeblich über Jahrtausende unveränderten Bevölkerung ist jedoch auch für Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz relevant. Sie berührt eine politische Debatte, in der Abstammung und nationale Zugehörigkeit immer wieder miteinander verknüpft werden. Der italienische Fall zeigt, wie sich tatsächliche Erkenntnisse der Genetik dabei für Aussagen verwenden lassen, die aus den Studien gar nicht hervorgehen.

In der Debatte über sogenannte „Remigration“ spielt die Frage, wer zu einer Bevölkerung gehören soll, eine wichtige Rolle. Facta beschreibt Verbindungen zwischen dem italienischen Remigrationsumfeld und dem österreichischen Identitären-Aktivisten Martin Sellner. Genannt wird unter anderem Andrea Ballarati, der gemeinsam mit Venier die Vereinigung „Generazione“ gegründet haben soll und laut Facta mit Sellner zusammenarbeitet. Auch die deutsche AfD wird in der italienischen Recherche im Zusammenhang mit der politischen Verbreitung des Begriffs „Remigration“ erwähnt.

Diese Bezüge belegen allerdings nicht, dass Veniers konkrete Genetikbehauptungen bereits in derselben Form von Accounts in Deutschland, Österreich oder der Schweiz verbreitet werden. Für die Schweiz ergibt sich aus der vorliegenden Recherche auch keine vergleichbare personelle Verbindung. Die wissenschaftliche Einordnung ist trotzdem für den gesamten deutschsprachigen Raum relevant, denn die Aussage über eine angeblich seit 5.000 Jahren unveränderte europäische Bevölkerung betrifft ausdrücklich ganz Europa.

Wer einem ähnlichen Video begegnet, kann deshalb bei einer einfachen Frage beginnen: Welche Aussage macht die zitierte Studie tatsächlich? Ein Diagramm aus einer Fachpublikation kann echt sein und trotzdem eine unzutreffende politische Deutung erhalten. Im italienischen Fall ist die Antwort besonders deutlich: Die angeführten Forschungen dokumentieren Veränderungen und genetische Vielfalt. Eine seit 5.000 Jahren unveränderte europäische Bevölkerung lässt sich daraus nicht ableiten.

Quellen

WISSENSCHAFT
WISSENSCHAFT
Scienza in rete / Raveane, Aneli, Montinaro und Capelli
10. Oktober 2019
WISSENSCHAFT
Max-Planck-Institut für Geoanthropologie
10. September 2019
WISSENSCHAFT
American Association of Biological Anthropologists
2019


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