Während ganz Österreich trauert, machen Klick-Geier aus dem Leid von Kindern eine Horrorshow und werfen obendrauf noch billige Fakes ins Netz.
Ein Kommentar von Tom Wannenmacher
Ich bin Grazer. Geboren, aufgewachsen, mit der Stadt verwachsen.
Heute lebe ich in Wien, aber was da in meiner alten Heimat vorgefallen ist, hat bei mir alles getriggert: Wut, Ekel, Fassungslosigkeit.
Nicht nur wegen der Tat. Die ist unfassbar. Sondern wegen dem, was danach kam: Wie das Leid von Kindern, die gerade um ihr Leben gerannt sind, zur Klickware für Aasgeier mit WLAN wurde. Und als Draufgabe gleich noch die ersten Fakes hinterher, weil echte Panik offenbar noch nicht genug Quote bringt.
Was da vorgefallen ist, ist kein Versehen. Es ist ein System.
Was da passiert ist, war nicht einfach pietätlos, es war ein digitaler Totalschaden mit Ansage.
Echte Angst und echter Schmerz wurden zum viralen Snack verarbeitet von Leuten, die sich „Medienmacher“ nennen, aber in Wahrheit nichts weiter sind als Reichweiten-Junkies mit Upload-Button.
Wir klären sonst über Fakes und Desinformation auf, aber diesmal geht’s um etwas, das noch widerlicher ist:
👉 Das Geschäft mit echtem Leid.
👉 Mit weinenden Schüler*innen.
👉 Mit dem Tod von Kindern.
Verpackt als Clickbait.
Monetarisiert mit Werbung.
Gefeiert mit Likes und Telegram-Shares.
Und als wäre das nicht schon menschenverachtend genug, kommen dann noch die Hobby-Desinformanten ums Eck und basteln aus einem alten Video vom Skatepark in Wien-Floridsdorf ein neues Schulmassaker, weil: Drama läuft besser, wenn’s gerade Trend ist. Wir haben HIER darüber berichtet.
Wenn man kein Gewissen, aber WLAN hat
Kaum zehn Minuten nach den ersten Notrufen:
Aufnahmen aus Klassenzimmern, Schüsse, Panik, Tränen, hochgeladen, geschnitten, dramatisiert.
Mit Musik unterlegt, mit Emo-Titeln versehen, als wäre das hier Netflix und nicht die Realität eines blutigen Amoklaufs.
Dazu:
„Folgt uns für mehr!“
„Jetzt live: dramatische Szenen!“
Schämt euch.
Das ist kein Journalismus.
Das ist digitale Leichenfledderei.
Und es ist kein Einzelfall. Es ist ein Geschäftsmodell:
Emotion reinpumpen. Klicks rausziehen.
Menschlichkeit? Nicht vorgesehen.
Panik verkaufen – in HD und mit Werbebanner
Die Polizei bat explizit:
Keine Bilder, keine Videos posten.
Medienethik?
Steht vermutlich irgendwo in der Impressum-Deko.
Opferschutz?
Nur dann wichtig, wenn er nicht den Adblocker triggert.
Und was passiert stattdessen?
📹 Videos von fliehenden Kindern
🩸 Bilder von Rettungstragen und Leichen
🔁 Falsch zugeordnete Aufnahmen aus Wien
Ein Clip aus einem Wiener Skatepark vom 31. Mai zeigt einen Jugendlichen mit Schreckschusspistole, der keine Verbindung zu Graz hat. Null. Nada.
Und trotzdem wird dieser Clip tausendfach geteilt als „Beweis“, als „Liveaufnahme“, als „Insider-Material“.
So funktioniert die digitale Gräberstörung.
Einmal mit alles: Angst, Fake und moralischer Bankrott
Diese Mischung aus Sensationsgier und Falschinformation ist nicht nur abstumpfend –
sie ist brandgefährlich.
Sie:
- retraumatisiert Überlebende,
- behindert Ermittlungen,
- nährt Misstrauen und Realitätsverzerrung.
Und die, die es besser wissen sollten, viele „Medienhäuser“ spielen dabei fröhlich mit.
Weil’s halt klickt.
Weil’s schon im Netz ist.
Weil „exklusiv“ besser klingt als „verantwortungsvoll“.
Ihr seid keine Journalisten. Ihr seid Content-Clowns.
An all die, die glauben, ein Handy, eine Kamera-App und ein paar Emo-Titel machen sie zu einem „Sender“:
Ihr seid keine Journalisten.
Ihr seid keine Aufklärer. Keine Reporter. Keine Redaktionen.
Ihr seid Menschen mit einem TikTok-Account und einem maximal aufgeblasenen Ego.
Was ihr da verbreitet, ist kein Beitrag zur Wahrheit.
Es ist Selbstdarstellung in Katastrophen-Optik.
Eure „Live-Schalten“ sind nichts als würdeloses Gepose auf dem Rücken echter Menschen in echten Notsituationen.
Wer das Leid anderer inszeniert wie einen Serien-Trailer, sollte wenigstens ehrlich sein: Nennt es Ego-Show. Nicht Berichterstattung.
Kinder sind keine Thumbnails
Diese Kinder. Diese Jugendlichen. Diese Lehrer*innen.
Sie sind keine Kulisse.
Keine Headline.
Und schon gar nicht euer verdammter Content.
Wer ihre Angst zur Schlagzeile macht, hat keinen Platz im Journalismus, sondern in der PR-Abteilung der Hölle.
Fazit?
Das hier war kein Ausrutscher.
Kein „Shitstorm“. Kein „Missverständnis“.
Das war ein Medienverbrechen.
Und es wird wieder passieren.
Weil Klicks in diesem System mehr zählen als Charakter.
Frage zum Schluss:
Wie viele Kinderleichen braucht ihr eigentlich noch, bis ihr euer „Exklusivvideo“ mal löscht – statt es zu monetarisieren?
Graz ist stärker als ihr Clickbait.
Graz ist mehr als ein Tatort.
Graz ist Zusammenhalt, Stärke und Menschlichkeit.
Was passiert ist, war entsetzlich. aber wir lassen uns davon nicht spalten.
Wir lassen uns nicht zu Hass treiben.
Und wir machen nicht mit, wenn Angst zum Geschäftsmodell wird.
Wir stehen zusammen.
Ohne Hetze.
Ohne Spaltung.
Ohne euch.
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
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