Die Behauptung
Videos auf YouTube und in sozialen Medien zeigen volle Märkte und Restaurants in Gaza. Die Botschaft: „Es gibt Lebensmittel in Gaza. Jede andere Behauptung ist eine Lüge.“ Angeblich seien Berichte über die Hungersnot falsch.
Aufgestellt von: Videos in sozialen Medien, auf YouTube und Google
Faktencheck: Falsch
In Gaza herrscht nachweislich eine Hungersnot. UN-Expert:innen stufen die Lage offiziell als IPC-Phase 5 ein – die höchste Stufe, die Massenhunger bedeutet. Mehr als 1,9 Millionen Menschen sind betroffen oder unmittelbar bedroht. Die israelische Kampagne zeigt reale Bilder, verschweigt aber, dass Lebensmittel für den Großteil der Bevölkerung unerschwinglich sind. Ein Kilo Tomaten kostet bis zu 25 Euro, eine kleine Dose Kaffee 30 Euro. Die Videos lenken gezielt vom dokumentierten Elend ab und sollen Zweifel an unabhängigen Berichten säen.
Wie Desinformation über volle Märkte die Hungersnot unsichtbar machen soll
In Gaza stehen Familien stundenlang an, um ein Stück Brot zu bekommen. Gleichzeitig flimmern auf YouTube Videos mit prall gefüllten Marktständen über Bildschirme in Europa.
Am Ende wird ein Satz eingeblendet:
„Es gibt Lebensmittel in Gaza. Jede andere Behauptung ist eine Lüge.“
Eine Botschaft, die Millionen Menschen erreicht hat, und die das tatsächliche Elend systematisch ausblendet.
Ein PR-Budget in Millionenhöhe
Ende August 2025 startete die staatliche Israeli Government Advertising Agency (IGAA) eine Kampagne auf Social Media und über Google. Offizielle Dokumente zeigen: Bereits im Juni hatte eine Regierungs-Kommission Werbeverträge im Wert von 167 Millionen Schekel (ca. 42,5 Mio. Euro) genehmigt. Davon flossen rund 38 Mio. Euro in Google-/YouTube-Anzeigen, weitere Millionen in Werbung auf X und Plattformen wie Outbrain und Teads.
Die Recherche dazu stammt von einer internationalen Kooperation: BR24 Faktenfuchs, ORF Fact-Check, Deutsche Welle und Eurovision News Spotlight werteten Werbeunterlagen, Google-Transparenzberichte und Anzeigen aus. Sie belegten, dass die Clips nicht zufällig kursieren, sondern gezielt in mehreren Sprachen produziert und in Europa verbreitet wurden. Allein in Deutschland und Österreich erreichten zwei deutschsprachige Videos 3,5 Millionen Aufrufe.
Echte Bilder, falscher Eindruck
Die Videos nutzen echtes Material aus Gaza. Gezeigt werden geöffnete Cafés oder Märkte. Doch die entscheidende Information fehlt: Die Preise sind für fast niemanden bezahlbar.
Der palästinensische Journalist Majdi Fathi, dessen Bilder in den Videos auftauchen, erklärte im DW-Faktencheck: „Diese Früchte und Gemüse sind sehr teuer. Die Mehrheit der Menschen hier kann sie sich nicht leisten“.
Auch das bekannte Café Estkana postete selbst Bilder seiner Getränke. Israel schnitt diese Szenen in Werbeclips. Doch eine Angestellte stellte klar: „Nur Reiche können sich das leisten“.
Wieso können Märkte funktionieren, während gleichzeitig Hunger herrscht?
Dass es in Gaza trotz Hungersnot noch Märkte und Restaurants gibt, wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Doch die Erklärung liegt in drei Faktoren:
- Verteilungsprobleme: Viele Hilfslieferungen erreichen die Bedürftigen nicht, weil sie an Übergängen blockiert, unterwegs geplündert oder gar nicht erst weitergeleitet werden.
- Schwarzmarktmechanismen: Knappheit macht Lebensmittel zur Ware. Manche Menschen verkaufen Hilfsgüter weiter, andere müssen für astronomische Preise einkaufen. Ein Kilo Tomaten kostet bis zu 25 Euro, ein Sack Mehl 60 Euro. Diese Preise zeigen nicht Überfluss, sondern extreme Mangelwirtschaft.
- Blockade: Seit Monaten ist der Gazastreifen weitgehend abgeriegelt. Nur ein Bruchteil der benötigten Hilfslieferungen kommt durch. Dadurch sind Märkte zwar nicht leer, aber die Waren bleiben für die meisten unbezahlbar.
So entsteht der paradoxe Eindruck: volle Stände für wenige Wohlhabende, während die breite Mehrheit hungert.
Die dokumentierte Hungerkrise
Während Israel den Eindruck normaler Verhältnisse erzeugt, bestätigte die UN-Initiative IPC am 22. August 2025 offiziell eine Hungersnot (Phase 5) in Teilen Gazas. Über eine halbe Million Menschen leben in „katastrophalen Bedingungen, geprägt von Hunger, Verelendung und Tod“. Weitere 1,4 Millionen sind stark bedroht.
Die Kriterien sind streng: mindestens 20 % der Haushalte leiden an extremem Nahrungsmangel, über 30 % der Kinder sind akut unterernährt. Diese Schwellen wurden erreicht. Das Verfahren ist international anerkannt, unabhängig überprüft und wurde bereits in anderen Krisenregionen angewandt.
Israels Regierung behauptete anschließend, die Kriterien seien „gesenkt“ worden.
Das IPC hat gerade einen „maßgeschneiderten“ gefälschten Bericht veröffentlicht, der zur falschen Kampagne der Hamas passt.
Übersetzung des Beitrags des Israel Foreign Ministry auf X am 22. August 2025
Unglaublicherweise hat das IPC seine eigenen Regeln verdreht und seine eigenen Kriterien ignoriert, nur um falsche Anschuldigungen gegen Israel zu erheben: Das IPC hat seinen eigenen globalen Standard geändert und die 30-Prozent-Schwelle nur für diesen Bericht auf 15 Prozent gesenkt und sein zweites Kriterium, die Sterblichkeitsrate, völlig ignoriert, nur um der falschen Kampagne der Hamas zu dienen.
Das gesamte IPC-Dokument basiert auf Lügen der Hamas, die durch Organisationen mit Eigeninteressen verbreitet wurden.
Es gibt keine Hungersnot in Gaza.
Seit Beginn des Krieges sind über 100.000 Lastwagen mit Hilfsgütern nach Gaza gefahren, und in den letzten Wochen hat ein massiver Zustrom von Hilfsgütern den Gazastreifen mit Grundnahrungsmitteln überschwemmt und zu einem starken Rückgang der Lebensmittelpreise geführt, die auf den Märkten eingebrochen sind.
Die Gesetze von Angebot und Nachfrage lügen nicht – das IPC schon.
Jede Prognose, die das IPC während des Krieges in Bezug auf Gaza abgegeben hat, hat sich als unbegründet und völlig falsch erwiesen.
Auch diese Einschätzung wird in den verachtenswerten Mülleimer der politischen Dokumente geworfen werden.
Recherchen belegen das Gegenteil: Die Standards blieben unverändert, lediglich an die Gefechtslage angepasst.
Angriff auf Glaubwürdigkeit statt auf Fakten
Die Recherchen zeigen: Israels Kampagne verschiebt den Diskurs. Statt Hunger direkt zu leugnen, attackiert man die Methodik der UN. Anzeigen führten auf Regierungswebseiten, die den IPC-Bericht als „unseriös“ abtaten. BR24 und ORF dokumentierten, dass solche Anzeigen sogar oberhalb der Google-Suchergebnisse erschienen.
Auch die Deutsche Welle deckte auf: Schon Anfang August kursierten Werbevideos, die behaupteten, Fotos hungernder Menschen seien gestellt. Ihr Faktencheck widerlegte dies eindeutig.
Hunger als politisches Druckmittel
Erschreckend sind Aussagen aus der israelischen Regierung selbst. Der Sender Channel 12 zitierte Finanzminister Bezalel Smotrich im Juli 2025: „Wer nicht evakuiert, darf nicht herausgelassen werden. Kein Wasser, kein Strom. Sie können verhungern oder kapitulieren“.
Vor diesem Hintergrund wirken Videos von bunten Cocktails oder Obstbergen besonders verharmlosend. Während Ministerpräsident Netanjahu erklärt, „niemand verhungere“, dokumentieren Hilfsorganisationen wie die Welthungerhilfe über 641.000 Menschen akut vom Hungertod bedroht.
Wirkung und Gefahr der Kampagne
Die Wirkung ist gravierend: Millionen Menschen weltweit sehen Szenen, die Zweifel am Elend säen sollen. Genau das ist der Zweck: Vertrauen in UN-Berichte schwächen, Misstrauen gegenüber Hilfsorganisationen schüren, Kritik an Israels Politik abmildern.
Die Mechanismen sind klar erkennbar:
- Selektiver Bildausschnitt: Ein Café zeigt Getränke, während draußen Menschen hungern.
- Absolute Sprache: „Jede andere Behauptung ist eine Lüge“ lässt keinen Raum für Nuancen.
- Eingekaufte Reichweite: Millionen für Google-Werbung sichern globale Sichtbarkeit.
- Angriff auf Institutionen: Nicht die Fakten, sondern die Glaubwürdigkeit der UN wird angezweifelt.
All diese Punkte wurden mit Dokumenten, Zitaten und Gegenbelegen recherchiert.
FAQ
Wie schlimm ist die Lage laut UN?
Die UN stufte am 22. August 2025 Teile Gazas offiziell als Hungersnot ein (IPC-Phase 5). Über eine halbe Million Menschen leben unter „katastrophalen Bedingungen“. Weitere 1,4 Millionen sind stark gefährdet.
Sind die Videos gefälscht?
Nein. Die Aufnahmen stammen teils von lokalen Journalist:innen oder Cafés. Aber: Sie zeigen nur Ausnahmen. Für die Mehrheit sind die Produkte unerschwinglich.
Wie teuer sind Lebensmittel in Gaza?
Ein Kilo Tomaten kostet rund 25 Euro, eine Dose Kaffee 30 Euro, ein 25-kg-Sack Mehl etwa 60 Euro. Fleisch und Milchprodukte fehlen völlig.
Welche Rolle spielt Google?
Israel schloss im Juni 2025 einen Vertrag über fast 40 Millionen Euro mit Google. Die Anzeigen liefen international auf YouTube und Google-Produkten.
Hat Israel schon früher solche Kampagnen genutzt?
Ja. Bereits Anfang August verbreitete die Regierung Anzeigen, die behaupteten, Fotos von hungernden Menschen seien gestellt. Ein Faktencheck der Deutschen Welle widerlegte das.
Warum werden Hilfsgüter in Gaza verkauft?
Weil viele Lieferungen nicht geordnet verteilt werden können. Ein Teil wird geplündert oder landet auf Schwarzmärkten. Manche Menschen verkaufen Hilfsgüter weiter, um Geld für andere lebensnotwendige Dinge zu bekommen. Dass Spenden so teuer gehandelt werden, ist kein Beweis gegen Hunger – sondern gerade Ausdruck der Notlage.
Fazit
Die Behauptung, es gebe keine Hungersnot in Gaza, ist falsch. Israelische Werbevideos verschweigen die dramatische Realität: Blockade, Hunger und unerschwingliche Preise. UN, Hilfsorganisationen und unabhängige Journalist:innen belegen klar: In Gaza hungern Millionen Menschen.
Die Kampagne ist gezielte Desinformation, aufgedeckt durch akribische Recherchen von BR24, ORF, Deutsche Welle, ARD-Faktenfinder und Eurovision News Spotlight. Sie zeigen: Mit gekauften Anzeigen, aus dem Kontext gerissenen Bildern und Attacken auf die UN soll Zweifel gesät und Leid unsichtbar gemacht werden.
Gerade in Krisenzeiten gilt: Fakten prüfen, Quellen hinterfragen, Manipulation erkennen. Nur so bleibt der Blick frei für das Wesentliche: In diesem Fall sind das die Menschen, die in diesem Krieg ums Überleben kämpfen.
Quellen:
BR24: Wie Israels Regierung gezielt Zweifel an Hungersnot in Gaza sät
Eurovision News / Spotlight: ‚There is no famine in Gaza, there is a famine of the truth‘: Fact-checking Israeli government spokesperson David Mencer
ORF: Israel verharmlost Notlage in Gaza
DW: Faktencheck: Israel zahlt Millionen für Propaganda-Kampagne
Tagesschau / ARD-Faktenfinder: Israel verbreitet Falschinformation über Hungersnot-Bericht
Google Ads Transparency Center: Israeli Government Advertising Agency
IPC: GAZA STRIP: Famine confirmed in Gaza Governorate, projected to expand
IPC: Response to Issues Raised Following IPC’s Famine Classification in the Gaza Strip (PDF)
WHO: Famine confirmed for first time in Gaza
DW: Faktencheck: Netanjahus Desinformation über Hunger in Gaza
PBS News: Israel’s leader claims no one in Gaza is starving. Data and witnesses disagree
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Update 15.09.2025:
Wir haben zur Ergänzung des Themas den Absatz „Wieso können Märkte funktionieren, während gleichzeitig Hunger herrscht?“ hinzugefügt und die FAQ um die Frage „Warum werden Hilfsgüter in Gaza verkauft?“ erweitert.
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