Kamtschatka Schnee: Virales Video führt in die Irre

Ein Faktencheck zu realen Schneefällen, KI-generierten Bildern und irreführenden Behauptungen

Die Behauptung

In sozialen Netzwerken kursieren Bilder und Videos, die angeblich den Schneesturm auf Kamtschatka (Jänner 2026) zeigen. Zu sehen seien „Schneemassen so hoch wie Wohnblöcke“, teils bis zum 7., 9. oder sogar „50 Meter“ hoch. Die Aufnahmen werden zudem als „Beweis“ gegen den Klimawandel benutzt.

Aufgestellt von: Unbekannt

Faktencheck: Falsch

Die spektakulären „Hochhaus-im-Schnee“-Bilder und viele der extremsten Videos sind sehr wahrscheinlich KI-generiert oder manipuliert. Der Schneesturm ist real, aber die viralsten Motive übertreiben massiv oder sind frei erfunden.

📖Woran erkennt man KI-generierte Bilder oder Videos? Antworten finden Sie im Leitfaden KI-Bilder & Videos.

Faktenübersicht

  • Echtes Ereignis: Auf Kamtschatka gab es im Jänner 2026 außergewöhnlich heftige Schneefälle mit massiven Verwehungen und großen Behinderungen.
  • Übertreibung/Fälschung: Viral sind aber besonders Inhalte, die Schneehöhen in Größenordnungen zeigen, die nicht plausibel sind und nicht zu offiziellen/medial dokumentierten Messwerten passen (z. B. „Schnee bis zum 9. Stock“, „50 Meter“). Demagog weist zudem KI-Indikatoren und fehlende belastbare Ursprungsquellen nach.
  • Konkrete Messwerte aus Berichten: Mehrere Quellen nennen Schneehöhen um etwa 170 cm in Petropawlowsk-Kamtschatski und lokale Extreme über 250 cm.
Nein, Kamtschatka versinkt nicht in hochhaushohen Schneemassen.

Was ist gesichert

Kamtschatka wurde im Jänner 2026 von außergewöhnlich starken Schneefällen getroffen, die regional als die heftigsten seit Jahrzehnten beschrieben wurden. Mehrere unabhängige Medienberichte beschreiben das Ereignis als eines der heftigsten seit Jahrzehnten. Genannt werden Neuschneemengen von über 2 Metern innerhalb kurzer Zeiträume sowie lokal deutlich höhere Gesamtschneehöhen durch bereits bestehende Schneedecken aus dem Dezember.

Ein Bericht der Nachrichtenagentur Reuters vom 19.01.2026 bestätigt:

  • größter Schneefall auf Kamtschatka seit rund 60 Jahren
  • Schneeverwehungen in einer Höhe von mehreren Metern
  • in einzelnen Regionen mehr als 2 Meter Neuschnee im Jänner, zusätzlich rund 3,7 Meter im Dezember
  • weitgehend eingeschneite Fahrzeuge
  • teilweise von Schnee bedeckte Erdgeschosse von Wohngebäuden
  • blockierte Zugänge und manuelle Räumarbeiten durch Anwohner

Nicht belegt durch Reuters oder andere verlässliche Quellen sind hingegen:

  • Städte, die bis zur Dachhöhe im Schnee versinken
  • Schneewände in einer Größenordnung von 30 bis 50 Metern
  • Hochhäuser, die bis zur Hälfte von geschlossenen Schneemassen umgeben sind

Das von Reuters veröffentlichte Bild- und Videomaterial zeigt Szenarien, die mit bekannten physikalischen und meteorologischen Bedingungen vereinbar sind, darunter meterhohe Verwehungen, eingeschneite Fahrzeuge, blockierte Straßen und verschneite Erdgeschosse.

Parallel dazu wurden in sozialen Netzwerken zahlreiche visuelle Inhalte verbreitet, die entweder keiner realen Ortszuordnung zu Kamtschatka zugeordnet werden können oder Schneehöhen darstellen, die in keinem Verhältnis zu dokumentierten Messwerten stehen. Die polnische Faktencheck-Organisation Demagog kommt nach Rückwärtssuchen und technischer Bildanalyse mittels KI-Detektoren zu dem Ergebnis, dass mehrere der stark verbreiteten Darstellungen mit hoher Wahrscheinlichkeit KI-generiert sind.

Wie erkennt man KI-generierte Bilder?

Die Rückwärtssuche nach Bildern zeigte, dass die weitverbreiteten Grafiken einer vom Schnee begrabenen Stadt aus keinem Archiv seriöser Medien und aus keiner bekannten Bilddatenbank stammen.

Eine der Grafiken zeigt eine Schneewehe, die doppelt so hoch ist wie achtstöckige Gebäude, also rund 60 Meter. Laut lokalen Behörden erreichen die Schneeverwehungen in Wirklichkeit selbst an den extremen Stellen nur etwa 2,5 Meter.

Mimikama-Analyse

Mimikama hat die kursierenden Bilder selbst detailliert untersucht. Neben visueller Analyse und Rückwärtssuche wurden die Motive auch mit mehreren unabhängigen KI-Erkennungssystemen geprüft, darunter Hive Moderation und AI or Not.

Die Ergebnisse sind eindeutig:

  • Hive Moderation stufte die geprüften Bilder mit Wahrscheinlichkeiten von bis zu 99,9 % als „AI-generated or deepfake content“ ein.
  • Auch AI or Not bewertete die Motive durchgehend als „likely AI generated“, je nach Bild mit Werten zwischen rund 70 % und 88 %.

Damit liegen mehrere voneinander unabhängige technische Indikatoren vor, die übereinstimmend darauf hinweisen, dass diese Darstellungen sehr wahrscheinlich künstlich erzeugt wurden.

Die verbreiteten Bilder von angeblich haushohen oder dutzende Meter hohen Schneemassen stammen somit nicht aus realen Fotoquellen, sondern aus KI-Generierung.

Typische KI-Merkmale in den Kamtschatka-Clips

  • Unnatürlich „filmische“ Kamerafahrten (zu glatt, zu perfekt), während echtes Krisenmaterial meist verwackelt, abgehackt und mit Sichtproblemen ist.
  • Zu „saubere“ Bilder: Schnee wirkt wie eine glatte Fläche, kleine Objekte und Texturen fehlen, Partikel und Schneefall sind auffällig unlogisch.
  • Springende Details: Kanten, Fenster, Masten, Menschen oder Autos verändern Form oder Position zwischen Frames.
  • Falsche Architektur: Gebäudetypen, Dichte und Silhouetten wirken wie generische KI-Stadt, nicht wie reale lokale Bebauung.

Klimawandel-Behauptung: „So viel Schnee beweist, dass es keine Erwärmung gibt“

Das ist ein Klassiker: Ein einzelnes Wetterereignis wird als Klimaargument missbraucht. Klima beschreibt Trends über lange Zeiträume, Wetter ist die Momentaufnahme. Ein extremer Wintereinbruch widerspricht dem Klimawandel nicht automatisch. In manchen Regionen können sich auch starke Schneefälle ereignen, während sich der globale Trend insgesamt erwärmt.

Wichtig für die redaktionelle Einordnung: Hier wird ein reales Ereignis genutzt, um wissenschaftliche Debatten mit einem emotionalen „Gotcha“ zu ersetzen. Dazu kommen dann KI-Fakes als Brandbeschleuniger.

Übersetzungsfehler „Zyklon“ vs. „Zyklone“

Der österreichische Meteorologe Marcus Wadsak weist auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin: einen systematischen Übersetzungsfehler, der sich inzwischen sogar in großen Medien eingeschlichen hat. In mehreren Berichten, unter anderem auch in deutschsprachigen Medien, ist von einem „wiederkehrenden Zyklon“ als Ursache der Schneefälle die Rede.

Meteorologisch ist das falsch.

Mimikama-Club - Communitybereich fuer Steady-Unterstuetzer:innen

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Ein Zyklon ist im Deutschen die Bezeichnung für einen tropischen Wirbelsturm, also etwa einen Hurrikan oder Taifun. Solche Systeme entstehen über warmem Ozeanwasser, treten nicht in dieser Form in subarktischen Regionen auf und sind für starke Schneefälle ungeeignet.

Was tatsächlich gemeint ist, sind Zyklonen im Sinne von außertropischen Tiefdruckwirbeln, also großräumigen Tiefdrucksystemen in den mittleren und hohen Breiten. Diese können feuchte Luftmassen heranführen und bei entsprechender Temperatur extreme Schneefälle verursachen.

Wadsak geht daher plausibel von einem Übersetzungsfehler aus:
Aus dem korrekten Begriff „Zyklone“ wurde in vielen Übersetzungen fälschlich „Zyklon“.

Ein einzelner Buchstabe – mit deutlich anderen physikalischen Konsequenzen.

Warum die Fakes so gut funktionieren

Das Ereignis ist real, dramatisch und visuell dankbar. Genau das ist der perfekte Nährboden: Wer Reichweite will, liefert „mehr“ als die Realität hergibt. KI macht das billig, schnell und massenhaft.

Hinzu kommt ein psychologischer Effekt: Wenn Menschen bereits wissen „dort ist extrem viel Schnee“, sinkt die Skepsis für alles, was diese Erwartung bedient. Das ist klassische Bestätigungslogik: Es klingt plausibel, weil es grob in die Schlagzeile passt.

Fazit

Kamtschatka erlebt real außergewöhnliche Schneefälle mit teils meterhohen Verwehungen. Aber ein erheblicher Teil der viralen „Hochhaus-im-Schnee“-Clips und Superlativ-Grafiken ist nicht verlässlich, sondern wirkt KI-generiert oder manipuliert und übertreibt die Lage massiv. Wer solche Inhalte teilt, multipliziert nicht „Wetterdrama“, sondern Desinformation.

Lesen Sie auch: Woran erkennst du KI-Bilder und KI-Videos?


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.