Kein KI-Fake: Navid Kermani sprach tatsächlich über die Pflicht zur Befehlsverweigerung

Ein viral geteilter Redeausschnitt wird als möglicher KI-Fake angezweifelt. Die Passage stammt laut Originalübertragung tatsächlich von Kermani.

Die Behauptung

In sozialen Netzwerken kursiert ein Ausschnitt aus einer Rede von Navid Kermani beim feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr im Berliner Bendlerblock. Darin erklärt er, Soldatinnen und Soldaten müssten einen Befehl verweigern, falls eine Bundesregierung sie in einen offenkundig völkerrechtswidrigen Krieg führen wolle.

Einige Nutzer bezweifeln, dass Kermani diese Worte tatsächlich gesagt hat. Sie vermuten, der Ausschnitt sei erfunden, nachträglich zusammengeschnitten oder mithilfe Künstlicher Intelligenz manipuliert worden.

Aufgestellt von: Unbekannt

Wahr

Das Zitat ist authentisch und in der vollständigen Phoenix-Übertragung eindeutig zu hören. Der im Netz verbreitete Wortlaut wurde für die Lesbarkeit leicht geglättet, inhaltlich jedoch nicht verändert.

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Aktuell kursiert in sozialen Netzwerken ein Videoausschnitt aus einer Rede des Schriftstellers Navid Kermani. Darin spricht er beim feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr über die Pflicht zur Befehlsverweigerung bei offenkundig rechtswidrigen Befehlen. Die zentrale Behauptung stimmt: Kermani hat die zitierte Passage tatsächlich gesagt. Für die Vermutung, seine Stimme sei mit KI erzeugt oder die Aussage nachträglich in die Rede montiert worden, gibt es nach den vorliegenden Angaben keinen Beleg.

Die Originalaufnahme enthält die Passage

Das feierliche Gelöbnis fand am 20. Juli 2026 im Berliner Bendlerblock statt. Navid Kermani war dort Ehrengast und Festredner. Die Veranstaltung wurde vollständig von Phoenix übertragen und ist nach den vorliegenden Angaben in der ZDF-Mediathek abrufbar. Auch Kermanis eigene Website verweist demnach auf diese Aufzeichnung und nennt den Beginn seiner Rede bei ungefähr Minute 33:40. Der aktuell verbreitete Ausschnitt stammt aus dieser Rede. Die umstrittene Passage folgt rund 10 Minuten später bei ungefähr Minute 44:41.

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Damit ist der wichtigste Punkt geklärt: Die Aussage ist nicht nur als Social-Media-Clip vorhanden, sondern Teil einer vollständigen Fernsehübertragung.

Das sagte Kermani

In der Rede wandte sich Kermani direkt an die Rekrutinnen und Rekruten. Er sagte zunächst, sie stünden am Anfang einer womöglich langen Laufbahn in der Armee und es sei unwahrscheinlich, dass die kommenden Jahrzehnte so friedlich blieben wie die vergangenen Jahrzehnte für Deutschland.

Anschließend folgte die derzeit verbreitete Passage:

„Sollte eine künftige Bundesregierung Sie in einen Krieg führen wollen, der so offenkundig völkerrechtswidrig und auch politisch desaströs ist wie der jüngste Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran, dann wird es Ihre Pflicht sein, den Befehl zu verweigern.“

Kermani sprach danach weiter über offenkundige Rechtsverstöße. Er verwies darauf, dass das Völkerrecht Grenzfälle kenne. Bestimmte Handlungen, etwa die Drohung mit der Auslöschung einer gesamten Zivilisation oder ein erklärter Angriff auf zivile Infrastruktur, bezeichnete er jedoch als klar erkennbares Unrecht.

Aber zurück zu meiner Frage, wann der Punkt kommt, an dem Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, Nein sagen können und Nein sagen müssen.

Es gehört zum Wesen von Kriegen, dass sie aus dem Ruder laufen und Situationen entstehen, die niemand vorausgesehen hat. Auch deutsche Soldaten haben in Afghanistan Fehler gemacht und am 4. September 2009 in Kundus viele Dutzend Zivilisten getötet.

Aber pauschal lässt sich der Einsatz gewiss nicht als Unrecht bezeichnen, das eine Befehlsverweigerung gerechtfertigt hätte. Auch für die übrigen Auslandseinsätze der Bundeswehr gab es plausible Gründe, eine parlamentarische Legitimation und in den meisten Fällen ein Mandat der Vereinten Nationen.

So umstritten einzelne Missionen waren, insbesondere der Kosovoeinsatz, lag doch in keinem Fall ein offenbares Unrecht vor, das Widerstand grundsätzlich zur Pflicht gemacht hätte, wie man es für den deutschen Angriffskrieg 1939 sagen muss.

Aber wird das so bleiben?

Immerhin hatte der Bundespräsident in seiner Rede am 24. März im Auswärtigen Amt Grund daran zu erinnern, dass Deutschland dem Völkerrecht und der regelbasierten Weltordnung verpflichtet ist. Die Reaktionen der politischen Entscheidungsträger in Regierung und Parlament auf seine Rede, die von Häme über Abwehr bis hin zum Totschweigen reichten, machten deutlich, wie berechtigt seine Mahnung war.

Schließlich häufen sich die Stimmen auch in Deutschland, dass die regelbasierte Ordnung nur noch etwas für Sonntagsreden sei. Kein Geringerer als der Bundeskanzler hat es sich zur Gewohnheit gemacht, das Völkerrecht klein- und Völkerrechtsverstöße schönzureden, wo es ihm politisch opportun erscheint.

Liebe Rekrutinnen und Rekruten, Sie stehen am Anfang einer womöglich langen Laufbahn in der Armee. Es ist unwahrscheinlich, dass die nächsten Jahrzehnte so friedlich bleiben, wie es die letzten Jahrzehnte für Deutschland alles in allem waren.

Sollte eine künftige Bundesregierung Sie in einen Krieg führen wollen, der so offenkundig völkerrechtswidrig und auch politisch desaströs ist wie der jüngste Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran, dann wird es Ihre Pflicht sein, den Befehl zu verweigern.

Ich spreche von offenkundigen Rechtsverstößen. Das Völkerrecht ist wie jedes Recht auslegbar und kennt viele Grenzfälle, etwa bei einer präemptiven Verteidigung oder wenn trotz eines unmittelbar bevorstehenden Völkermords kein Mandat der Vereinten Nationen einzuholen ist.

Aber die Drohung, eine gesamte Zivilisation auszulöschen, oder der erklärte Angriff auf die zivile Infrastruktur eines Landes sind ein so offenkundiges Unrecht, dass man weder Jurist sein noch das eigene Gewissen befragen muss, um es zu erkennen.

Und die zentrale Lehre, die Deutschland und die Menschheit aus den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und der Schoa gezogen haben, ist die Herrschaft des Rechts.

Kein Beleg für einen KI-Fake

Einzelne weiterverbreitete Clips können grundsätzlich gekürzt, neu beschriftet oder technisch verändert worden sein. Für die Echtheit der Aussage ist das in diesem Fall aber nicht entscheidend.

Wenn die Passage bereits in der vollständigen Phoenix-Übertragung enthalten ist, braucht es keine KI-Manipulation, um den verbreiteten Ausschnitt herzustellen. Der Clip kann schlicht aus der Originalsendung herausgeschnitten worden sein.

Auch der Verweis auf die Rede auf Kermanis eigener Website spricht gegen die Behauptung, es handle sich um eine erfundene oder künstlich erzeugte Passage.

Der Kontext ist enger, als manche Clips zeigen

Verkürzte Ausschnitte können den Eindruck erwecken, Kermani habe Soldatinnen und Soldaten allgemein dazu aufgerufen, Befehle infrage zu stellen. Der Zusammenhang der Rede ist enger.

Kermani sprach über militärischen Gehorsam, demokratische Verantwortung und die Grenzen von Befehlen. Er erklärte auch, dass Gehorsam im Gefecht überlebenswichtig sein könne und Armeen auf Disziplin und funktionierende Hierarchien angewiesen seien.

Sein Punkt war nicht, jeden militärischen Befehl politisch zu bewerten. Er sprach ausdrücklich über Fälle, in denen Diensterfüllung zum Verbrechen würde. Auch die Bundeswehr fasste seine Rede unter dem Gedanken einer „Tugend des Neinsagens“ zusammen.

Der Netz-Wortlaut ist leicht bearbeitet

Der verbreitete Text entspricht der Rede inhaltlich sehr genau, ist aber keine ungefilterte Abschrift. Zeitmarken wurden entfernt, Satzzeichen ergänzt und die Großschreibung vereinheitlicht.

Auch ältere Schreibweisen wie „daß“ oder „muß“ können nicht aus der gesprochenen Rede selbst stammen. Sie wurden offenbar bei der schriftlichen Aufbereitung des Zitats eingefügt.

Bei einem Fachbegriff gibt es unterschiedliche Wiedergaben. Manche Fassungen sprechen von „präventiver Verteidigung“, andere von „präemptiver Verteidigung“. Solche Abweichungen verändern die zentrale Aussage jedoch nicht. Entscheidend ist: Der Kern des Zitats stimmt mit der dokumentierten Rede überein.

Fazit

Das Zitat von Navid Kermani ist echt. Er sagte beim feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr am 20. Juli 2026 tatsächlich, dass Soldatinnen und Soldaten einen Befehl verweigern müssten, wenn eine künftige Bundesregierung sie in einen offenkundig völkerrechtswidrigen Krieg führen wolle.

Der im Netz verbreitete Wortlaut wurde sprachlich geglättet und enthält kleinere Abweichungen bei Schreibweise und Fachbegriffen. Eine KI-Fälschung ist die Passage nach den vorliegenden Quellenangaben nicht.

Ob man Kermanis politische und völkerrechtliche Bewertung teilt, ist eine eigene Debatte. Für den Faktencheck ist entscheidend: Die Aussage wurde nicht erfunden.

Bewertung: Richtig. Das Zitat ist echt; nur die schriftliche Wiedergabe wurde leicht bearbeitet.

MIMIKAMA · FAKTENCHECK

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