Die Behauptung
Staatliche Behörden vermittelten Pflegekinder über Jahrzehnte hinweg bewusst an pädophile Männer, die als Pflegeväter fungierten.
Wahr
Seit Ende der 1960er Jahre wurden obdachlose Kinder bei pädophilen Männern untergebracht. Laut Helmut Kentler, der dieses Experiment startete, sollten diese besonders liebevolle Pflegeeltern sein.
- Das „Kentler-Experiment“: Der zwischenzeitlich verstorbene Pädagoge und Sexualwissenschaftler Helmut Kentler hat mehr als 30 Jahre lang Kinder an zum Teil vorbestrafte Pädokriminelle vermittelt. Das sogenannte „Kentler-Experiment“ beschreibt ein erschütterndes Kapitel in der deutschen Jugendhilfe, das bis in die 2000er Jahre hinein reichte.
- Studie deckt auf: Erst im Zuge von Studien, insbesondere der Universität Hildesheim, kam das Ausmaß des Skandals ans Licht.
- Aufarbeitung: Die Berliner Senatsverwaltung hat mittlerweile die Verantwortung für den Missbrauch übernommen und eine umfassende Aufarbeitung eingeleitet.
Bewertung: Es ist die schockierende Wahrheit, dass durch ein Netzwerk aus Wissenschaftlern, Experten und auch Behörden über Jahrzehnte ein „Experiment“ praktiziert wurde, zu der sexuelle Gewalt und Missbrauch zählten.
Über Jahrzehnte hinweg wurden Pflegekinder von staatlichen Behörden bewusst an pädophile Männer vermittelt, die als Pflegeväter fungierten. Dieser systematische Missbrauch wurde von Wissenschaftlern wie dem Sexualwissenschaftler Helmut Kentler unterstützt und blieb über Jahrzehnte unentdeckt.
Hintergrund des Kentler-Experiments
In den späten 1960er Jahren begann Helmut Kentler, ein angesehener Sexualwissenschaftler, mit dem sogenannten „Kentler-Experiment“, in dem er eine Forschungsidee startete, durch die er Jungen vom Straßenstrich am Bahnhof Zoo in die Obhut von Pflegevätern geben wollte. Als „passende“ Pflegeväter wählte er vorbestrafte Pädokriminelle.
Seiner Meinung nach könnten nur Pädophile schwer erziehbare Kinder lieben. Pädophile Männer sollten seiner Überzeugung nach sogar besonders fürsorgliche Pflegeväter sein. Erschreckenderweise vertrat er auch die Ansicht, dass sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern keine negativen Folgen hätten und sogar entwicklungsfördernd sein könnten.
Unter dem Schutz und der Unterstützung des Berliner Landesjugendamts wurden durch das Kentler-Experiment über Jahrzehnte hinweg Pflegekinder gezielt an pädophile Männer vermittelt. Die Behörden und wissenschaftlichen Einrichtungen schienen diese Praxis nicht nur zu tolerieren, sondern aktiv zu unterstützen.
Wer war Helmut Kentler?
Helmut Kentler (1928–2008) war ein deutscher Psychologe und Sexualwissenschaftler, der ab den 1960er Jahren im Bereich der Jugendhilfe tätig war. In dieser Funktion entwickelte er auch das „Experiment“, Kinder an pädophile Pflegeväter zu vermitteln. Seine Ansichten über die Legalisierung von Pädosexualität fanden in bestimmten wissenschaftlichen Kreisen Unterstützung, was dazu führte, dass sich ein Netzwerk bildete, wodurch das Experiment unverständlicherweise Fuß fassen konnte.
Das Netzwerk hinter dem Skandal
Dass diese Missbrauchspraktiken über einen derart langen Zeitraum im Verborgenen weitergeführt werden konnten, erklärt sich durch das weitreichende Netzwerk, das aus staatlichen Stellen, Wissenschaftlern, sozialen Institutionen und leitenden Mitarbeitern in Jugendämtern und Heimen bestand. Es reichte von Berlin über Westdeutschland bis hin zu Institutionen wie dem Max-Planck-Institut und Universitäten wie der Freien Universität Berlin und wird von den Wissenschaftlern rund um Wolfgang Schröer, den Hildesheimer Professor für Sozial- und Organisationspädagogik, als „old boys network“ bezeichnet.
Die Weiterführung des Kentler-Experiments war außerdem dadurch möglich, dass Hinweise auf Missbräuche ignoriert und Vorfälle bagatellisiert wurden, wodurch es zu keiner ernsthaften Untersuchung kam.
Die Folgen für die Opfer
Die Kinder, die an pädophile Pflegeväter vermittelt wurden, erlitten jahrelangen sexuellen Missbrauch. Viele Opfer leiden bis heute unter den traumatischen Folgen dieser Verbrechen. Erst viele Jahre später begannen einige der Betroffenen, ihre Geschichten öffentlich zu machen. Den Beginn machten zwei Männer, die im Alter von nur sechs Jahren in die Obhut eines pädokriminellen Pflegevaters kamen. Mittlerweile haben sich weitere Betroffene gemeldet. Wie viele Pflegekinder tatsächlich betroffen waren, ist bis heute unbekannt.
„Ohne die Beteiligung der Betroffenen ist keine umfassende Aufarbeitung möglich. Darum ist es nötig, dass die Berliner Senatsverwaltung, aber auch Jugendämter in der Bundesrepublik, Betroffene bitten, sich bei ihnen zu melden. Dafür müssen dringend die Voraussetzungen geschaffen werden. Die Betroffenen haben ein Recht auf Aufarbeitung.“
Prof. Dr. Sabine Andresen, Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs
Aufarbeitung und Reaktionen
Erst im Zuge von Studien, insbesondere der Universität Hildesheim, kam das Ausmaß des Skandals ans Licht. Die Berliner Senatsverwaltung hat mittlerweile die Verantwortung für den Missbrauch übernommen und eine umfassende Aufarbeitung eingeleitet. Auch Entschädigungen für die Opfer wurden zugesagt.
Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs fordert zudem eine bundesweite Untersuchung des Missbrauchs in der Jugendhilfe, um ähnliche Netzwerke in anderen Regionen aufzudecken und weitere Opfer zu identifizieren.
Warum dieser Skandal noch heute relevant ist
Der Kentler-Skandal zeigt, wie leicht systematischer Missbrauch gedeckt werden kann, wenn staatliche Institutionen und wissenschaftliche Kreise nicht hinterfragt werden. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen muss in der Jugendhilfe oberste Priorität haben. Es bedarf einer umfassenden Reform der Strukturen, um sicherzustellen, dass solche Verbrechen niemals wieder geschehen können.
Fazit zum Kentler-Experiment
Das Kentler-Experiment ist ein erschütterndes Beispiel für das Versagen von staatlichen Institutionen und wissenschaftlichen Einrichtungen im Schutz der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft. Systemische Missstände müssen frühzeitig erkannt und konsequent aufgearbeitet werden.
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