Kringel am Himmel: Chemtrail-Beweis fällt leider aus

Facebook-Posts zeigen Kondensstreifen über Baden-Württemberg. Aus Kreisen am Himmel wird dort mal wieder ein Weltplan gebaut.

Die Behauptung

Auf Facebook kursieren Fotos von auffälligen, teils kreisförmigen Kondensstreifen über Plüderhausen und Großbottwar in Baden-Württemberg. In Beiträgen werden sie als „Chemtrails“, „Wettermanipulation“ oder Geoengineering gedeutet.

Aufgestellt von: Unbekannt

Faktencheck: Falsch

Nein, die Fotos beweisen keine Chemtrails.
Sie zeigen auffällige Kondensstreifen.
Ein Lokalbericht nennt militärische Flugübungen als Erklärung.

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Auf Facebook werden aktuell Fotos geteilt, die weiße Kringel und Schleifen am Himmel über Baden-Württemberg zeigen. Genannt werden unter anderem Plüderhausen im Rems-Murr-Kreis und Großbottwar im Landkreis Ludwigsburg.

Kringel am Himmel: Chemtrail-Beweis fällt leider aus

Die Schlussfolgerung in manchen Beiträgen ist schnell fertig: Das müssen „Chemtrails“ sein. Wettermanipulation. Geoengineering. Der Himmel als geheime Sprühdose. Nur der Beleg fehlt noch, aber der stört bei solchen Erzählungen erfahrungsgemäß ohnehin nur.

Kringel am Himmel: Chemtrail-Beweis fällt leider aus

Ein Kreis ist noch kein Komplott

Ja, die Spuren sehen ungewöhnlich aus. Nein, daraus folgt nicht automatisch, dass irgendwo ein geheimer Oberbösewicht mit Chemikalienkanister im Cockpit sitzt.

Die Fotos zeigen helle Streifen am Himmel. Mehr nicht. Sie zeigen keinen Stoff, keine Messung, kein Flugprotokoll, keinen Auftrag, keine Behörde, keinen geheimen Plan. Sie zeigen vor allem eines: Kondensstreifen, die nicht brav geradeaus verlaufen.

Das reicht in manchen Facebook-Gruppen offenbar schon für den nächsten großen Verdacht. Ein Flugzeug fliegt eine Kurve, und plötzlich steht die Menschheit kurz vor der atmosphärischen Endabrechnung.

Die Orte liegen in derselben Region

Plüderhausen und Großbottwar liegen beide in Baden-Württemberg, im weiteren Raum Stuttgart. Sie sind nicht direkt Nachbarn, aber auch nicht auf verschiedenen Planeten. Plüderhausen liegt östlich von Stuttgart, Großbottwar nordöstlich davon. Der Ostalbkreis mit Schwäbisch Gmünd, Böbingen und Straßdorf liegt weiter östlich.

Das ist wichtig, weil ein Lokalbericht aus dem Ostalbkreis ähnliche Beobachtungen am selben Tag, dem 18. Juni, beschreibt. Die Facebook-Bilder wurden ebenfalls an diesem Tag gepostet. Dort wurden die auffälligen Kondensstreifen nach Angaben der Luftaufsicht mit militärischen Flugübungen erklärt. Es geht also nicht darum, jedes Foto auf den Meter genau mit demselben Flug zu verheiraten. Entscheidend ist: Am selben Tag gab es in derselben größeren Region eine sehr irdische Erklärung für die Himmelskringel.

Militärübungen machen Kurven

Der naheliegende Teil ist eigentlich nicht besonders geheimnisvoll: Militärische Flugübungen verlaufen nicht wie Linienflüge von A nach B. Bei Tankübungen, Abfangübungen oder Trainingsflügen können Schleifen, Kurven und wiederholte Bahnen entstehen.

Das sieht dann eben nicht aus wie der Urlaubsflug nach Mallorca. Es sieht eher aus wie eine Rennstrecke am Himmel. Genau so wurde es im Lokalbericht beschrieben.

Und ja: Flugzeuge dürfen Kurven fliegen. Auch ohne vorher Facebook um Erlaubnis zu fragen. Das ist für die Chemtrail-Erzählung natürlich ungünstig, weil damit der dramatische Teil stark zusammenschrumpft.

Kondensstreifen bleiben manchmal lange

Auch der zweite angebliche Beweis ist keiner: „Die Streifen verschwinden ja nicht sofort.“

Kondensstreifen verschwinden nicht nach einem festen Zeitplan, nur damit niemand nervös wird. Sie hängen von Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Wind in großer Höhe ab. Ist die Luft kalt und feucht genug, bleiben die Eiskristalle länger sichtbar und breiten sich aus.

Das ist nicht besonders mystisch. Es ist Wetterphysik. Zugegeben: Wetterphysik klingt weniger aufregend als „geheimes Sprühprogramm“. Dafür hat sie den Vorteil, ohne Fantasiebehörde und ohne unsichtbaren Superplan auszukommen.

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Die Beweisführung bleibt dünn

In den Kommentaren wird trotzdem groß aufgefahren. Da ist von Gift die Rede, von Verhöhnung, von Wettermanipulation, von „die zeigen es uns jetzt offen“. Offenbar ist das neue Kriterium für Beweise: Es sieht komisch aus und ich bin wütend.

Nur funktioniert Faktenprüfung anders. Wer behauptet, dass Chemikalien versprüht wurden, müsste zeigen, welche Chemikalien, von welchem Flugzeug, auf wessen Anordnung, mit welchem Nachweis. Ein Foto von weißen Linien am Himmel ist dafür zu wenig.

Auch hundert Kommentare mit Ausrufezeichen machen daraus keinen Laborbefund.

Auffällig heißt nicht automatisch gefährlich

Die Chemtrail-Deutung lebt davon, dass etwas Sichtbares sofort mit einer geheimen Absicht verbunden wird. Der Himmel sieht anders aus als erwartet, also muss jemand etwas Böses tun. Das ist bequem, weil es keine Lücke offenlässt. Alles wird erklärt, auch wenn nichts belegt ist.

Dabei ist die einfachere Erklärung hier ziemlich klar: Auffällige Kondensstreifen können bei Flugübungen entstehen. Die längere Sichtbarkeit hängt von der Wetterlage ab. Die Kringel sind ungewöhnlich, aber nicht automatisch verdächtig.

Wer aus jeder Schleife am Himmel ein Komplott macht, braucht keine Beweise mehr. Nur noch Wolken, Flugzeuge und genug Misstrauen.

Was davon übrig bleibt

Übrig bleiben echte Fotos oder zumindest plausibel wirkende Aufnahmen von auffälligen Kondensstreifen. Übrig bleibt ein Lokalbericht, der militärische Übungen nennt. Übrig bleibt die Feststellung, dass Plüderhausen, Großbottwar und der Ostalbkreis regional zusammengehören, aber nicht identisch sind.

Nicht übrig bleibt ein Beweis für Chemtrails. Nicht übrig bleibt ein Beleg für Wettermanipulation. Und ganz sicher nicht übrig bleibt der Nachweis, dass ein paar Kringel am Himmel die große geheime Wahrheit enthüllen.

Manchmal ist ein Kondensstreifen einfach ein Kondensstreifen. Auch wenn er sich erdreistet, dabei eine Kurve zu machen.


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