Die Behauptung
Der AfD-Bundestagsabgeordnete Marc Bernhard behauptet in einem Wahlkampfvideo, 75 Prozent des Einkommens der Bürger gingen an den Staat.
Aufgestellt von: Unbekannt
Falsch
Falsch! Selbst bei Spitzenverdienern liegt die Gesamtbelastung durch Steuern und Abgaben in Deutschland deutlich unter 75 Prozent. Die Aussage ist grob irreführend und falsch.
Kurzer Faktenüberblick:
- Spitzensteuersatz: Liegt bei 42 Prozent, Reichensteuersatz bei 45 Prozent.
- Effektive Steuerbelastung: Maximal 26,4 % laut Studie der Universität Duisburg-Essen.
- Mit Soli und Kirchensteuer: Kommt rechnerisch nicht einmal auf 55 %.
- OECD-Daten: Steuerbelastung für Alleinstehende bei 47,9 %, für Familien deutlich niedriger.
Wenn die Zahlen nicht stimmen – einfach neue erfinden?
Falsche Steuerquote als politisches Instrument
Mit drastischen Zahlen versucht der AfD-Bundestagsabgeordnete Marc Bernhard Wahlkampf zu machen. In einem auf Instagram verbreiteten Video behauptet er: „75 Prozent Ihres Einkommens zahlen Sie an Steuern“. Diese Aussage ist nicht nur übertrieben – sie ist schlichtweg falsch. Und genau hier setzt unser Faktencheck an.
Ein Blick ins Video – und in die Realität
Das Video von Marc Bernhard ist schnell gefunden: Auf seinem eigenen Instagram-Kanal teilt er es mit dramatischem Gesichtsausdruck und empörtem Tonfall. Die Zahl „75 Prozent“ soll offensichtlich Panik schüren. Doch einem Faktencheck hält sie nicht stand.
Update 17.04.2025: Dieser Faktencheck bezieht sich ausschließlich auf den im Video genannten Steuersatz auf das Einkommen. Weitere Steuern wie Mehrwertsteuer, Mineralölsteuer etc. werden hier nicht berücksichtigt.
Die Realität: Der Spitzensteuersatz in Deutschland liegt derzeit bei 42 Prozent und gilt für Einkommen ab 68.480 Euro im Jahr. Der sogenannte Reichensteuersatz von 45 Prozent greift erst bei Einkommen ab 277.826 Euro im Jahr. Was Bernhard verschweigt: Diese Prozentsätze gelten nicht für das gesamte Einkommen, sondern nur für den jeweils darüber liegenden Teil.
Selbst wenn man Soli und Kirchensteuer hinzurechnet, liegt die maximale Steuerbelastung deutlich unter 55 Prozent – und nicht bei 75 Prozent. Die Zahlen sind frei erfunden – und das ist noch freundlich formuliert.
Ein politischer Evergreen – die „Steuerkeule“
In einem späteren Instagram-Text rudert Bernhard etwas zurück: Die 75 Prozent würden sich angeblich auf „Steuern und Abgaben“ beziehen. Aber auch das ändert nichts: Selbst nach der OECD-Studie beträgt die Gesamtabgabenbelastung eines alleinstehenden Durchschnittsverdieners 47,9 Prozent – ein hoher Wert, ja, aber eben keine 75 Prozent.
Selbst bei einer pessimistischen Modellrechnung für Spitzenverdiener, die Renten- und Sozialversicherungsbeiträge, Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer mit einbezieht, bleibt man deutlich unter der genannten Zahl.
Warum also die Übertreibung? Weil es funktioniert. Weil es schockiert. Und weil Fakten im politischen Marketing oft stören.
Wem nützt diese Desinformation?
Die AfD ist bekannt für ihre drastischen Erzählungen, vor allem in den Bereichen Steuern und Wirtschaft. Die „75-Prozent-Lüge“ passt ins Bild einer angeblich ausbeuterischen Steuerpolitik, gegen die sich der „kleine Mann“ wehren müsse – ein klassisches populistisches Muster.
Solche Falschbehauptungen sollen das Vertrauen in den Staat untergraben. Wer aber gezielt falsche Zahlen verbreitet, diskreditiert nicht den Staat, sondern sich selbst – und untergräbt den demokratischen Diskurs.
Harte Fakten gegen populistische Mythen
Untersuchungen der Universität Duisburg-Essen belegen eindeutig: Die effektive Steuerbelastung liegt bei maximal 26,4 Prozent – und zwar auf das zu versteuernde Einkommen, das bereits nach Abzug von Freibeträgen und Sonderregelungen berechnet wird.
Das bestätigen selbst konservative Medien wie das Handelsblatt: Deutschland hat im internationalen Vergleich zwar eine hohe Steuerbelastung – aber keine, die auch nur annähernd an die 75 Prozent heranreicht. Und: Die Mehrwertsteuer in Deutschland ist im internationalen Vergleich niedrig, was den Konsum entlastet.
Fazit zum Thema
Die Behauptung von Marc Bernhard, 75 Prozent des Einkommens gingen an den Staat, ist grob falsch und irreführend. Selbst unter Berücksichtigung aller realistischen Steuerbelastungen – inklusive Kirchensteuer, Solidaritätszuschlag und Sozialversicherungsbeiträgen – ist eine solche Zahl nicht belegbar.
Der Fall zeigt einmal mehr: Im Wahlkampf wird gerne dramatisiert – aber Fakten sollten nicht auf der Strecke bleiben. Wer wissen will, wie hoch seine Steuer- und Abgabenlast wirklich ist, sollte seriöse Quellen nutzen – und keine Instagram-Videos von Politikern.
Quelle: DPA
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