Entdecke die spannende Herkunft der Ubuntu-Geschichte und erfahre, warum sie auf Facebook verbreitet wird. Mimikama klärt auf über Wahrheiten und Mythen
📖Wie erkennt man Facebook-Betrug im Alltag? Antworten finden Sie im Leitfaden Facebook-Betrug.
Abermals taucht auf Facebook ein Bild mit einer kleinen Geschichte über einen Forscher auf, der mit den hungrigen Kindern eines afrikanischen Stammes eine Art Experiment mit erstaunlichem Ausgang durchführte.
Bereits im Jahre 2016 hat Kollege Ralf darüber berichtet. Ist die Geschichte wahr oder frei erfunden? Es handelt sich dabei um dieses Bild:
Der Screenshot als Wortlaut:
„Ein europäischer Forscher bot hungrigen Kindern eines afrikanischen Stammes ein Spiel an Er stellte einen Korb mit süßen Früchten an einen Baum und sagte ihnen, wer zuerst dort sei, gewinne alles Obst. Als er ihnen das Startsignal gab, nahmen sie sich gegenseitig an den Händen, kiefen gemeinsam los setzten sich dann zusammen hin und genossen die Leckereien. Als er sie fragte, weshalb sie alle zusammen gelaufen sind, wo doch jeder die Chance hatte, die Früchte für sich selbst zu gewinnen, sagten sie: „Ubuntu – Wie kann einer von uns froh sein, wenn all die anderen traurig sind?“ Ubuntuheißt in ihrer Kultur: „Ich bin, weil wir sind“.
Woher stammt diese Geschichte?
So unbekannt, wie auf dem Meme steht, ist die Quelle der Geschichte ganz und gar nicht. Erstmals erzählt wurde sie nämlich auf einem Friedensfestival in Florianopolis/Südbrasilien im Jahre 2006 von der Journalistin und Philosophin Lia Diskin. Sie selber nannte den Stamm „Ubuntu“, genau wie jene Philosophie, nannte aber nicht den Namen jenes Forschers.
Seitdem findet man diese Geschichte mal mehr, mal weniger ausführlich überall im Internet, wobei einerseits behauptet wird, es handele sich um den Stamm der Xhosa (in Süd-Afrika), andere Quellen nennen den Stamm der Hausa (in West-Afrika). Allerdings ist die Sprache der Hausa keine Bantu-Sprache, dort kommt das Wort „Ubuntu“ gar nicht vor, aber es existiert in der Nguni-Sprache, die von den Xhosa und den Zulu gesprochen wird.
Ist die Geschichte wahr?
Darüber kann man nun diskutieren. Es gibt nur eine einzige Quelle für diese Geschichte, und auch der Stamm ist nicht eindeutig, ebenso ist der Name des Forschers unbekannt, auch wann sich dies zugetragen haben soll.
Allerdings erinnert die Geschichte frappierend an eine andere Legende, welche im Jahr 2000 im Internet kursierte. So soll einige Jahre vorher, während der Special Olympics in Seattle, wo Menschen mit verschiedenen Behinderungen antreten, folgendes geschehen sein:
„Und diese Leute werden von manchen „zurückgeblieben“ genannt…
Vor ein paar Jahren, bei den Seattle Special Olympics, traten neun Leute, alle mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung, bei einem 100 Meter-Lauf gegeneinander an. Nach dem Startschuss bemühte sich jeder mehr oder weniger erfolgreich, die Ziellinie zu erreichen.
Ein kleiner Junge, der das Rennen mitlief, stolperte andauernd und blieb dann schließlich weinend liegen. Die anderen Läufer hörten sein Weinen und drehten sich um.
Sie liefen alle langsamer, stoppten schließlich und gingen zu dem Jungen. Ein Mädchen mit Down-Syndrom beugte sich runter, gab ihm einen Kuss und sagte „So wird es dir besser gehen“. Dann hakten sich alle neuen Menschen unter den Armen ein und gingen gemeinsam über die Ziellinie. Jeder im Stadion stand auf und bejubelte die Neun minutenlang. Zuschauer, die dabei gewesen sind, erzählen die Geschichte heute noch.“
Diese Geschichte ist übrigens teilweise wahr.
Laut dem Special Olympics Washington Office ereignete sich ein ähnlicher Vorfall 1976 während einer Sportveranstaltung in Spokane, Washington. Dort stolperte ein Sportler, ein oder zwei blieben stehen und gingen mit ihm gemeinsam über die Ziellinie, die anderen Teilnehmer liefen das Rennen aber weiter.
Fazit
Die Geschichte an sich ist schön, die afrikanische Philosophie des Ubuntu gibt es. Ob die Geschichte auch wahr ist, kann man zumindest anzweifeln, da es doch ein wenig seltsam anmutet, dass ein Forscher solche Experimente mit einem wilden Stamm macht, um deren Reaktion zu testen. Am Wahrscheinlichsten ist es, dass die Journalistin und Philosophin Lia Diskin auf jenem Friedensfestival nur einfach und bildhaft jene afrikanische Philosophie erklären wollte (was bei einer Philosophin ja auch Sinn macht).
Ob die Geschichte also wahr oder eine Erfindung ist, ist im Endeffekt irrelevant. Sie erläutert eine sehr schöne Philosophie. Nur das ist, was letztendlich zählt.
Tom Wannenmacher ist Gründer und Chefredakteur von Mimikama, Österreichs führender Faktencheck-Organisation. Seit 2011 kämpft er gegen Desinformation und Internetbetrug.
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum. Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG). Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein. (Mehr zur Arbeitsweise)
Einmal kurz durchatmen – wir prüfen das für dich.
Seit 2011, unabhängig, gemeinnützig und werbefrei. Das geht nur mit
deiner Unterstützung. Magst du heute mithelfen?
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.