Stellen Sie sich vor: Ein Fremder auf der Straße behauptet, Ihre Lieblingsmarke sei ein Betrüger. Sie würden vielleicht kurz stutzen – und dann weitergehen.
Jetzt dieselbe Behauptung. Aber sie kommt von jemandem, dessen Videos Sie seit zwei Jahren regelmäßig schauen. Jemand, der Sie beim Namen kennt, über seine Sorgen spricht, Ihnen schon viele gute Tipps gegeben hat. Jemand, dem Sie vertrauen.
Dasselbe Gerücht. Völlig andere Wirkung – und genau das passiert täglich auf TikTok, Instagram und YouTube – in einem Ausmaß, das Forscher jetzt erstmals systematisch nachgewiesen haben.
Das Experiment: Fast 49.000 Kommentare unter der Lupe
Ein Forscherteam der Cardiff Business School um Dr. Giandomenico Di Domenico hat drei Jahre lang 101 Posts mit nachweislich falschen Informationen analysiert – verteilt auf sechs Plattformen, 47 Marken, fast 49.000 Nutzerkommentare. Alle Posts enthielten dieselbe Art von Falschinformation. Der einzige Unterschied: Manche stammten von Influencern, manche von unbekannten Nutzern.
Das Ergebnis ist erschreckend klar.
statt eines unbekannten Nutzers
Wenn ein Influencer eine falsche Behauptung verbreitet, sind die Reaktionen darauf doppelt so häufig aggressiv, feindselig und vergiftend – als wenn dieselbe Information von jemandem ohne große Reichweite kommt. Vier von hundert Kommentaren statt zwei. Nur weil eine andere Person postet.
Ein Beispiel, das Millionen Menschen erreichte
Anfang 2025 berichteten mehrere TikTok-Influencer, Luxusmarken wie Hermès, Louis Vuitton und Chanel würden ihre Produkte heimlich in China herstellen lassen – und sie trotzdem als „Made in France" oder „Made in Italy" verkaufen. Belege gab es keine. Die Videos wurden trotzdem millionenfach angeschaut, die Kommentarspalten explodierten.
So funktioniert Falschinformation im Netz. Nicht weil die Menschen dumm sind, sondern weil das System genau darauf ausgelegt ist.
Warum Ihr Gehirn hier keine Chance hat
Das hat nichts mit Intelligenz zu tun. Es hat mit etwas zu tun, das Forscher „parasoziale Beziehung" nennen – ein Begriff für etwas, das Sie wahrscheinlich selbst kennen, ohne es so zu nennen.
Wenn Sie jemanden regelmäßig auf dem Bildschirm sehen, wie er kocht, reist, lacht, weint, seinen Alltag teilt – dann behandelt Ihr Gehirn diese Person irgendwann wie einen echten Bekannten. Nicht bewusst. Automatisch.
Und echten Bekannten vertrauen wir. Wir hinterfragen sie weniger. Wir verteidigen sie eher.
Das ist keine Schwäche. Das ist Ihr Sozialgehirn, das seit hunderttausend Jahren genau so funktioniert. Es wurde nur nie für eine Welt gebaut, in der jemand gleichzeitig zu 2 Millionen Menschen „persönlich" sprechen kann.
Was dann passiert, wenn jemand widerspricht
Hier wird es erst richtig interessant – und beunruhigend.
Die Studie zeigt: Wenn ein Influencer eine Falschinformation verbreitet und jemand sie öffentlich anzweifelt, richtet sich die Wut der Community nicht gegen den Influencer. Sie richtet sich gegen den Zweifler.
Ein reales Beispiel aus der Studie: Ein Nutzer wies höflich darauf hin, dass eine Behauptung nicht stimme. Der Influencer antwortete öffentlich: „Du arbeitest offensichtlich für die – hör auf, die Leute zu manipulieren." Innerhalb kurzer Zeit griffen Dutzende Follower diesen Nutzer an.
Der Influencer musste gar nichts tun. Die Community hat das übernommen. Und das, so die Forscher, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis eines Systems, das sich über Monate oder Jahre aufgebaut hat.
Wie das System aufgebaut wird – Schritt für Schritt
Erfolgreiche Influencer bauen ihre Gemeinschaft nach einem Muster auf, das Forscher jetzt erstmals klar beschrieben haben.
Sie zeigen sich verletzlich. Sie loben treue Follower öffentlich. Sie sprechen von „uns" und „denen da oben". Sie verwenden Sprache wie „Wacht endlich auf" oder „Die wollen nicht, dass ihr das wisst".
Langsam, fast unmerklich, entsteht so nicht nur eine Fangemeinde – sondern eine Identität. Wer dem Influencer folgt, ist Teil von etwas. Wer zweifelt, ist draußen.
Wenn dann eine Falschinformation kommt, wird sie nicht mehr als Information verarbeitet – sondern als Gruppenwahrheit. Sie anzweifeln bedeutet, die Gruppe anzuzweifeln. Das macht Menschen angriffslustig auf eine Art, die mit reiner Sachlichkeit nichts mehr zu tun hat.
Und die Plattformen? Die verdienen daran.
Was kaum jemand weiß: Je aggressiver die Reaktionen auf einen Post, desto mehr zeigen die Algorithmen ihn anderen Menschen. Empörung funktioniert. Wut funktioniert. Fassungslosigkeit funktioniert.
Das bedeutet: Das System belohnt genau die Inhalte, die Menschen aufwühlen – unabhängig davon, ob sie wahr sind. Influencer, die dramatisieren und zuspitzen, bekommen mehr Reichweite. Mehr Reichweite bedeutet mehr Einnahmen. Der Kreislauf dreht sich.
Die Forscher nennen das einen „selbstverstärkenden Toxizitäts-Engagement-Kreislauf". Niemand muss dabei lügen wollen. Das System produziert dieses Ergebnis von selbst.
Was Sie jetzt anders sehen sollten
Wenn Sie das nächste Mal einen empörenden Post sehen – von jemandem, dem Sie lange folgen –, dann halten Sie kurz inne.
Nicht weil Sie dieser Person misstrauen sollen. Sondern weil Sie jetzt wissen, wie das System funktioniert.
Fragen Sie sich: Gibt es eine Quelle außerhalb dieses einen Kanals? Berichten andere, unabhängige Stellen dasselbe? Und – vielleicht die wichtigste Frage: Warum fühlt sich dieser Beitrag so dringend an?
Empörung ist kein Beweis. Reichweite ist kein Beweis. Und Vertrauen – so wertvoll es ist – schützt nicht vor Falschinformation.
Das System kennen, heißt: dem System weniger ausgeliefert sein.
Quellen
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