Erst Schock, dann Klarstellung: WeTransfers Kommunikationsdesaster
Was passiert mit Dateien, die man über WeTransfer verschickt? Bisher dachten die meisten: Nichts weiter. Upload, Link, fertig. Doch mit einem AGB-Update, das am 8. August 2025 in Kraft treten sollte, sorgte der beliebte Filehosting-Dienst vor allem in der Kreativbranche für einen regelrechten Aufschrei.
Der Grund: Eine neu formulierte Passage in Abschnitt 6.3 der Nutzungsbedingungen gab WeTransfer das Recht, hochgeladene Inhalte umfassend zu verwenden. Und zwar nicht nur zur technischen Verarbeitung, sondern ausdrücklich zur „Verbesserung der Leistung von Modellen für maschinelles Lernen“, also für KI.
How is this acceptable, @WeTransfer? You’re not a free service, I *pay* you to shift my big artwork files.
— Sarah McIntyre (@jabberworks) July 15, 2025
I DON’T pay you to have the right to use them to train AI or print, sell and distribute my artwork and set yourself up as a commercial rival to me, using my own work.😡 pic.twitter.com/OHPIjRGGOM
Konkret hieß es, Nutzer:innen räumen WeTransfer eine „unbefristete, weltweite, nicht-exklusive, gebührenfreie, übertragbare und unterlizenzierbare Lizenz“ ein, um Inhalte zu vervielfältigen, zu verbreiten, zu bearbeiten und sogar öffentlich wiederzugeben. Wer in der Kreativwirtschaft arbeitet, etwa mit Fotos, Musik, Logos oder vertraulichen Entwürfen, musste sich fragen: Dürfen meine Daten künftig von KI ausgewertet, im Hintergrund gespeichert oder gar weiterverkauft werden?
Kritik kam prompt. Auf Reddit, X und in Fachforen war die Aufregung groß. Postproduktions-Profis, Designer:innen, Galerien und Agenturen äußerten massive Datenschutzbedenken. Auch das Problem mit bestehenden Geheimhaltungsvereinbarungen wurde angesprochen. Die zentrale Sorge: Inhalte, auch hochauflösende, druckfertige, oder zur Abstimmung gesendete, könnten plötzlich im KI-Training landen – und das ohne Einwilligung, Entschädigung oder Berücksichtigung von Urheber- oder Persönlichkeitsrechten.
WeTransfer reagierte auf öffentlichen Druck
Nachdem die Kritik in den sozialen Netzwerken Fahrt aufgenommen hatte, sah sich das Unternehmen gezwungen, ein offizielles Statement abzugeben. Gegenüber ARTNews und BBC stellte ein Unternehmenssprecher klar:
„Wir verwenden kein maschinelles Lernen oder irgendeine Form von KI, um Inhalte zu verarbeiten, die über WeTransfer geteilt werden.“
Auch auf X postete das Unternehmen eine Klarstellung:
👋The WeTransfer social team here. We wanted to clarify that we don’t use machine learning or any form of AI to process content shared via WeTransfer. Please read the clarified statement here: https://t.co/scUrdWrBQC
— WeTransfer (@WeTransfer) July 15, 2025
Die kritisierte Klausel sei ursprünglich eingeführt worden, um automatisierte Inhaltsmoderation zu ermöglichen, also schädliche oder illegale Inhalte zu erkennen und zu blockieren. Von kommerziellem KI-Training oder der Verwertung durch Drittanbieter könne keine Rede sein. Dennoch räumte WeTransfer ein, dass die Formulierung in den AGBs „Verwirrung gestiftet“ habe. Dazu wurde auch eine offizielle Klarstellung zur AGB-Änderung veröffentlicht, womit das Unternehmen versucht, das verlorene Vertrauen vieler Nutzer:innen zurückzugewinnen.
In dem Beitrag betont das Unternehmen deutlich: „Eure Inhalte bleiben eure Inhalte.“ Man beanspruche keinerlei Eigentum an hochgeladenen Dateien. Die umstrittene Passage in Abschnitt 6.3 sei missverständlich formuliert gewesen. Zwar habe man sich bestimmte Rechte einräumen lassen müssen, um den Dienst technisch betreiben und verbessern zu können, doch die Klausel zur Nutzung für maschinelles Lernen oder KI sei rein vorsorglich aufgenommen und mittlerweile komplett entfernt worden.
WeTransfer stellt klar: Es findet keine KI-Verarbeitung der Nutzerinhalte statt, es werden keine Daten verkauft, und die AGB seien weiterhin datenschutzkonform nach DSGVO. Die Lizenzformulierung diene allein dem Betrieb der Plattform. Man habe die Sprache nun vereinfacht, um Missverständnisse künftig zu vermeiden. Das klare Fazit der Stellungnahme: Nein, WeTransfer nutzt eure Inhalte nicht für KI. Ja, ihr bleibt Eigentümer eurer Dateien.
In der aktuellen Version ist nur noch die Rede von einer gebührenfreien Lizenz zur Nutzung der Inhalte zur Verbesserung des Dienstes, also keine Erwähnung mehr von KI, maschinellem Lernen oder öffentlich zugänglicher Verwendung. Die Änderungen treten weiterhin mit 8. August in Kraft, doch der Ton ist jetzt entschärft.
Vertrauen verspielt? Nutzer:innen suchen nach Alternativen
Auch wenn WeTransfer nun zurückgerudert ist – der Schaden ist da. Wer sich einmal stillschweigend umfassende Rechte an Nutzerdaten einräumt, wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, nicht transparent genug gehandelt zu haben. Viele Nutzer:innen fühlen sich getäuscht. In Branchen, wo es um sensible oder urheberrechtlich geschützte Daten geht, ist Vertrauen die zentrale Währung. Und genau das hat WeTransfer aufs Spiel gesetzt.
Nicht vergessen: Hinter dem Dienst steht seit Juli 2024 der Techkonzern Bending Spoons, bekannt für aggressive Übernahmen und radikale Umstrukturierungen. Nach dem Kauf von WeTransfer wurden 75 Prozent der Angestellten entlassen. Frühere Akquisitionen wie Evernote oder die Mosaic Group führten ebenfalls zu Massenkündigungen. Dass nun eine solche AGB-Änderung in die KI-Richtung zielt, passt ins Bild eines Konzerns, der digitale Produkte bis zum letzten Datenbyte ausreizen will.
Was bleibt: Eine wichtige Lehre in Sachen Datennutzung
WeTransfer hat das Schlimmste womöglich gerade noch verhindert. Doch der Fall zeigt, wie empfindlich die Grenze zwischen technischem Service und Datenverwertung geworden ist. Unternehmen, die mit vertraulichen Inhalten arbeiten, müssen glasklar kommunizieren, was mit den Daten geschieht. Und sie müssen sich bewusst sein: Jede unklare AGB-Formulierung kann als Versuch gewertet werden, Rechte zu sichern, die Nutzer:innen nie freiwillig einräumen würden.
Die Kritik hat gewirkt. Die riskante KI-Klausel wurde gestrichen. Doch die wichtigste Lektion bleibt: AGB sind kein Kleingedrucktes mehr, sie sind Machtinstrumente. Und wer sie missbraucht, riskiert das Vertrauen einer ganzen Branche.
Quelle: WeTransfer Terms of Service
derStandard, BBC, ARTnews
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