Hat die EU 10 Millionen Euro für Streichhölzer ausgegeben? Faktencheck zu #ClimateOfChange

Die 10,25 Millionen Euro flossen in ein Bildungs- und Jugendprojekt. Die Streichholzheftchen waren dabei nur ein Symbol, nicht der Kern.

Die Behauptung

Die EU habe 10 Millionen Euro für Streichhölzer im Projekt #ClimateOfChange verschwendet.

Aufgestellt von: Soziale Medien, Blogs

Faktencheck: Falsch

Die 10,25 Millionen Euro finanzierten Debatten, Kulturaktionen und eine europaweite Petition. Streichholzheftchen waren nur ein kleines Begleitmaterial. Das Bild „10 Mio. für Streichhölzer“ ist eine verzerrte Darstellung.

→Wie funktioniert Desinformation im politischen Kontext? Antworten finden Sie im Leitfaden Politische Desinformation.
Mimikama braucht Verstärkung – hilf uns, eine weitere Person ins Team zu holen

Wenn 10 Millionen Euro auf Streichhölzer reduziert werden

10,25 Mio. €, 15 NGOs, 13 Länder, drei Jahre Laufzeit. Das Projekt #ClimateOfChange brachte Debatten, Kulturaktionen und eine Petition bis zur UN-Klimakonferenz. Doch hängen bleibt in der Kritik aktuell nur ein banales Bild: Ein Streichholzheftchen mit der Aufschrift „Die Erde brennt“.

Screenshots von Facebook-Beiträgen
Screenshots von entsprechenden Facebook-Beiträgen

Von Bewusstsein zu Skandal

#ClimateOfChange war Teil des EU-DEAR-Programms. Ziel: Bewusstsein schaffen, Jugendliche aktivieren, Klimagerechtigkeit diskutieren. Nicht: Windräder bauen oder Tonnen CO₂ einsparen. Wer dem Projekt fehlende „harte Ergebnisse“ vorwirft, misst es an falschen Kriterien und stilisiert das zum Skandal.

Finep und das Instagram-Streichholz.
Finep ist eine NGO aus Esslingen, spezialisiert auf Bildungsarbeit zu globaler Gerechtigkeit. Sie war deutscher Partner im Projekt. Am 9. Mai 2022 postete Finep auf Instagram ein Video der Streichholzheftchen und schrieb:

„Unser brandneues Bildungsmaterial ist genauso heiß, wie Öl, Kohle, der Regenwald und unsere Erde, denn: ES BRENNT.

Als kostenfreies Mitnahmematerial sollen die Streichholzheftchen in Cafés, Bars und Jugendclubs neugierig machen auf das für uns oft Unsichtbare: Die Folgen der Klimakrise betrifft bereits heute Milliarden von Menschen!

Wir erzählen stellvertretend für viele weitere die Geschichten von Sory aus dem Senegal, Abelino aus Guatemala, Hassan Hussein aus Kenia.

Schau vorbei auf: https://climateofchange.info/germany/unsichtbar“

Damit ist klar: Ja, die Hölzer gab es. Sie waren symbolisches Bildungsmaterial, wie auch im Instagram-Beitrag steht. Nicht mehr, nicht weniger.

Und die einzige Neugier gilt… den Streichholzheftchen?
Man könnte fragen: Was haben 10.000 Jugendliche in Debatten gelernt? Wie wirken europaweit über 105.000 Unterschriften? Was bedeutet es, dass ein EU-Projekt auf der COP27 vertreten war? Stattdessen beschränkte sich ein Portal in seiner Anfrage an Finep auf drei Fragen:

  1. Wie viele EU-Mittel haben Sie für Ihre Beteiligung am Projekt erhalten?
  2. Wie viele Streichholzpakete wurden beschafft?
  3. Wie viel haben die Streichhölzer insgesamt gekostet?

Ernsthaft? Drei Jahre Projekt, Millionen Menschen erreicht, und die investigative Energie erschöpft sich in der Frage, wie viele Streichholzbriefchen bedruckt wurden. Offenbar sind Streichhölzer hier wichtiger als Klimawandel, Migration und der Versuch, junge Menschen überhaupt für das Thema wachzurütteln. Das wirkt weniger wie Recherche, mehr wie die Suche nach einem möglichst empörungsfähigen Detail.

Belegte Aktivitäten: weit mehr als Streichhölzer.
– Debattier-Wettbewerbe: Über 10.000 Schüler:innen und Studierende, Siegerteams reisten u. a. nach Kenia.
– Kulturelle Formate: Ein Zirkus tourte durch neun Länder, 60 Festivals, 14.000 Besucher:innen; ein Kurzfilm gewann einen Umweltpreis.
– Petition: Bis November 2022 unterschrieben europaweit 105.113 Menschen die #ClimateOfChange-Petition, gesammelt über die Kampagnen-Website, Partneraktionen und Change.org. Bei der COP27 wurde diese Zahl öffentlich präsentiert. Oft zitierte 49.175 Stimmen auf Change.org waren nur ein Teil davon, die restlichen Unterschriften kamen über andere Kanäle.

Das Framing „Europa soll zahlen“.
Die Kampagne forderte Verantwortung der reichen Industriestaaten, Unterstützung des Globalen Südens und Schutz für Klimamigrant:innen. Kritische Politiker übersetzen das in „Die Reichen schuld, die Armen Opfer, Europa blecht“. Verkürzt, karikiert, aber medienwirksam.

Warum das Streichholz hängen bleibt.
Ein Zirkusauftritt oder eine europaweite Petition klingt sperrig. Ein Streichholzheft mit „Die Erde brennt“ ist perfekt für Schlagzeilen. Genau deshalb wird es herausgegriffen. Die Mechanik ist simpel: Aus einem kleinen Symbol wird die ganze Erzählung.

Was #ClimateOfChange wirklich war

Das Projekt lief von 2020 bis Mitte 2023, koordiniert von WeWorld GVC mit 15 Partnern in 13 EU-Ländern. Budget: 10,25 Mio. €, 90 % EU-Mittel.

Ziele: Bewusstseinsbildung, Jugendbeteiligung, politische Forderungen zu Klimagerechtigkeit.

Outputs:
– Debatten und Workshops mit über 10.000 Jugendlichen.
– Zirkus-Performances und ein preisgekrönter Kurzfilm.
– Social-Media-Kampagnen mit ca. 10 Mio. Reichweite (#WonderWomen-Videos).
– Petition mit 105.113 Unterschriften, gesammelt über mehrere Kanäle; präsentiert bei der COP27.
– Beteiligung von Fridays-for-Future-Aktivist:innen.

Ende: Mitte 2023, Website offline, EU bewertet Ziele als erfüllt.

FAQ

Hat die EU 10 Mio. € „für Streichhölzer“ ausgegeben?

Nein. Die 10,25 Mio. € finanzierten ein dreijähriges Bildungs- und Mobilisierungsprojekt. Die Streichhölzer waren nur ein winziges Symbolmaterial.

Warum richten Kritiker ihre Fragen nur auf Streichhölzer?

Weil es leicht empört. Ein europaweiter Bildungsprozess klingt kompliziert. Ein Streichholzheft mit „Die Erde brennt“ lässt sich sofort skandalisieren. Dass man so ein Projekt auf drei Preisfragen reduziert, sagt mehr über die Fragenden als über das Projekt.

Wer ist „Finep“?

Finep („Forum für internationale Entwicklung + Planung“) ist eine NGO aus Esslingen. Sie arbeitet seit Jahren in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit. Als Projektpartner in Deutschland postete Finep am 9. Mai 2022 selbst die Streichhölzer auf Instagram.

Wie viele Unterschriften hatte die Petition?

Insgesamt 105.113 europaweit, gesammelt über mehrere Kanäle (Kampagnen-Website, Partneraktionen, Change.org). Die auf Change.org sichtbaren 49.175 Unterzeichnungen waren nur ein Teil der Gesamtzahl.

War Fridays for Future Projektfinanzempfänger?

Dafür gibt es keinen Beleg. FFF-Aktivist:innen traten in Formaten auf und verbreiteten Inhalte, direkte Zahlungen sind nicht dokumentiert.

Fazit

Die Kritik hat einen wahren Kern: 10,25 Mio. € EU-Mittel, viel Symbolik, auch Streichhölzer. Doch der Frame „10 Mio. für Streichhölzer“ verzerrt massiv. Die Heftchen wurden tatsächlich verteilt, als ein Element unter vielen.

Wer bei einem internationalen Bildungsprojekt nur nach Kosten der Give-aways fragt, blendet den Rest aus. Die Petition mit über 105.000 Unterschriften, die Debatten mit tausenden Jugendlichen und die europaweite Reichweite verschwinden im Rauch des Skandalisierungsstreichholzes.

Quellen:
EU Commission: #ClimateofChange: the human face of climate change
Projektwebseite (Archiv-Version vom 17. September 2024)
Stand up for Europe: Projects – ClimateofChange
Alda Europe: End Climate Change, Start #ClimateOfChange
European Environmental Bureau: Ted talks for a Climate of Change
change.org: Petition – Die Klimakrise ist eine soziale Krise: Auf der COP27 muss gehandelt werden!
Südwind: COP27: Über 105.000 Unterschriften für Klimagerechtigkeit. Südwind übergibt Petition an Bundesministerin Gewessler (Presseinfo 16.11.2022)
EU DEAR: Climate of Change (Project complete, from January 2020 to July 2023

Lesen Sie auch: Bürgergeld ab 2027 in Deutschland: Drohen Pauschalen und Zwangsumzüge?


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.