Tomaten frisch vom Grab

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Urban Gardening liegt schon eine Weile im Trend. Dabei nutzt man Brachflächen im städtischen Gebiet für den Anbau von Blüh- aber auch Nutzpflanzen. Die Anbauflächen können von der Stadt zugeteilte Minigrundstücke oder auch selbst eroberte Flächen wie die von Verkehrsinseln sein. Im letzteren Fall spricht man von Guerilla Gardening. Das ist allerdings noch nicht alles, denn die Wege des Herrn sind unergründlich!

Der gelernte Gärtner Walter Pois übernahm 2006 die Leitung des evangelischen Friedhof Matzleinsdorf im Wiener Bezirk Favoriten. 8600 Gräber werden auf dem Areal gepflegt, allerdings stehen etwa 1500 von ihnen leer. Der Trend geht weg von versiegelten Gräbern mit Granitplatten, hin zu einer naturnahen Variante mit Pflanzenbewuchs. „Das Naturnahe gehört zum Friedhof dazu“, so Pois Anfang des Jahres.

Wie kam es zur Idee mit dem Gemüseanbau?

Gräber verwahrlosen zunehmend oder werden aufgelassen, wenn keine Angehörigen mehr da sind und der Bezug fehlt. Dennoch sollten diese Gräber würdevoll erhalten werden. „Sowohl das Andenken der Grabsteine, die oft sehr wunderschön und künstlerisch gestaltet sind, als auch die Fläche darauf, die man nicht verwittern lässt, sondern nutzt, würdevoll pflegt und erhält“, erklärte Walter Pois kürzlich in einem Radiointerview.

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Begonnen hat das „Garteln“ am Friedhof im Jahr 2017. Zu Beginn erhielten die Mitarbeiter:innen die Möglichkeit, auf jeweils zwei aufgelassenen Gräbern Essbares anzupflanzen. „Unser Personal macht das auch und hat große Freude daran, fürs Mittag- oder Abendessen ein paar Tomaten, Gurken oder Pfefferoni zu ernten und zu genießen.“ Oder es mit nach Hause zu nehmen und dort zu verwerten. Was wächst aktuell auf den Gräbern? „Man kann alles anpflanzen: von Gewürzen über Kräuter bis hin zu Tomaten – also bei uns in Wien sagt man Paradeiser dazu – Salate, Kohlgemüse. Wir haben auch Ribisel drauf. Denkbar ist alles.“

Favoriten ist einer der Bezirke, wo Wien weiterhin wächst. Flächen zum Gartenanbau sind dort selten. Auch einige der Angehörigen begannen vielleicht auch deshalb auf den Grabflächen Beeren und Gemüse anzupflanzen. Heute können diese Flächen gegen ein kleines Entgelt gepachtet werden: 75 Euro, die Höhe einer jährlichen Grabmiete. 20 Gräber werden so genutzt. Es gibt also noch mehr als genug Platz für weitere Hobbygärtner:innen!

Am Anfang waren die Friedhofsbesucher:innen oft skeptisch, inzwischen ist das Meinungsbild durchwegs positiv. „Selbstverständlich gibt es ein paar kritische Stimmen, die da vorsichtig herangehen. Die meinen: Kann man das Essen? Schmeckt das denn? Ist jetzt nicht so meines. Ich schaue mir das mal an. Überwiegend erfahren wir sehr gute Resonanzen und positive Rückmeldungen“, so Pois.

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Ist denn Gemüse vom Friedhof öko? Logisch!

Aber ist der Gemüsegenuss vom Grab auch wirklich unbedenklich? „Es ist jetzt nicht so, dass man direkt nach der Beerdigung etwas darauf pflanzt. Die Gräber bleiben mindestens 10 Jahre nach der ersten Beilegung als Grab erhalten.“ De facto dauert es noch viel länger, bis die Gräber zur Bepflanzung freigegeben werden: zumindest 15-20 Jahre nach der letzten Beisetzung. „Da ist der Mensch so weit vergangen oder übergegangen in die Natur, dass keine Überreste mehr da sind, außer den Knochen.“ Auch vom Geschmack her spürt man gar nichts, ist sich der Leiter des Friedhofs sicher. „Wir essen das Gemüse, es ist wunderbar, es ist biologisch, es gibt keinen Pflanzenschutz am Friedhof.“

Friedhöfe dienen in einer dicht bebauten Stadt als grüne Lunge und als Rückzugsgebiet für viele Tierarten, wie die Universum-Doku „Es lebe der Zentralfriedhof“ eindrucksvoll bewiesen hat. Auch der Matzleinsdorfer Friedhof ist sich dieser Verantwortung bewusst. „Wir sind schon sehr bemüht, ein Bewusstsein zu schaffen, dass wir eine sehr wichtige ökologische Fläche in der Großstadt sind.“ Pois hat Insektenhotels und Nistmöglichkeiten für Tiere eingerichtet. Bienenstöcke am Gelände produzieren eigenen Honig. Zum Lebensraum Friedhof gehören auch die Büchersteine, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Quellen:
https://www.lebensraum-friedhof.at/
https://www.domradio.de/audio/ein-interview-mit-walter-pois-verwalter-des-evangelischen-friedhof-matzleinsdorf
https://www.derstandard.at/story/2000133370605/tomaten-auf-dem-gottesacker

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