Irreführende ChatGPT-Berechnungen in Milliardenhöhe: Kontextlos und falsch

Ein Bild, das in sozialen Medien verbreitet wird, zeigt angeblich ein Gespräch mit ChatGPT und behauptet, Deutschland habe enorme Summen an Israel gezahlt, während für soziale Probleme in Deutschland nur kleine Beträge benötigt würden.

Die Behauptung

Ein Bild zeigt angebliche Berechnungen von ChatGPT, laut denen Deutschland über 100 Milliarden Euro an Israel gezahlt habe. Gleichzeitig wird behauptet, dass geringere Summen ausreichen würden, um Obdachlosigkeit, Kinderarmut und Bildungslücken in Deutschland zu schließen.

Irreführend

Die Zahlen sind irreführend. Der Vergleich zwischen den langfristigen Zahlungen an Israel und den geschätzten Kosten für soziale Probleme in Deutschland ist irreführend. Die Zahlen im Bild sind zu niedrig angesetzt und ignorieren den notwendigen langfristigen Einsatz und die Komplexität sozialer Investitionen.

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Schauen wir uns die Behauptungen von ChatGPT an und vergleichen sie mit den echten Zahlen.

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Die Behauptungen:

  1. Obdachlosigkeit in Deutschland beheben: 9 Milliarden Euro.
  2. Kinderarmut in Deutschland beheben: 12 Milliarden Euro.
  3. Bildungslücke in Deutschland schließen: 20 Milliarden Euro.
  4. Zahlungen Deutschlands an Israel: Über 100 Milliarden Euro.

Die Fakten:

  1. Obdachlosigkeit: Tatsächlich braucht es über 20 Milliarden Euro jährlich, um Wohnungslose zu unterstützen und sozialen Wohnungsbau zu fördern.
  2. Kinderarmut: Hier sind mindestens 20 Milliarden Euro jährlich nötig, um wirklich etwas zu verändern.
  3. Bildung: Der jährliche Bildungs- und Forschungsetat umfasst über 21 Milliarden Euro und reicht noch nicht aus, um alle Herausforderungen zu lösen.
  4. Zahlungen an Israel: Deutschland hat über die letzten 70 Jahre insgesamt über 100 Milliarden Euro gezahlt, größtenteils als Wiedergutmachung für den Holocaust.

Warum das irreführend ist:

Die Grafik verzerrt die Fakten, weil sie jährliche Kosten mit historischen Zahlungen vergleicht. Außerdem werden die Ausgaben für soziale Probleme stark vereinfacht und viel zu niedrig angesetzt. Diese Probleme erfordern langfristige Investitionen, die weit über einmalige Zahlungen hinausgehen.

Screenshot des viralen Postings
ChatGPT Screenshot des viralen Postings

ChatGPT: Wie KI wirklich „rechnet“

Das virale Bild, das auf einer angeblichen ChatGPT-Berechnung basiert, stellt den KI-Bot als vermeintlich zuverlässige Quelle für komplexe Finanzanalysen dar. Doch hier liegt der erste Fehler: ChatGPT rechnet nicht wie ein Taschenrechner (wir hatten HIER bereits berichtet). Stattdessen generiert es Antworten auf Basis der Daten, die es während seines Trainings gelernt hat. Das Modell gibt Antworten auf Fragen, die es aufgrund der ihm zur Verfügung stehenden Informationen für wahrscheinlich hält.

Sind die Fragen zu vage oder zu komplex, werden von ChatGPT oft Antworten gegeben, die zwar „plausibel“ erscheinen, aber nicht der Realität entsprechen. Dies gilt auch für die hier verbreitete Behauptung, Deutschland habe mehr als 100 Milliarden Euro an Israel gezahlt und die sozialen Probleme im eigenen Land könnten mit geringeren Summen gelöst werden. Tatsächlich fehlt es sowohl an einer zeitlichen Eingrenzung als auch an einer realistischen Einschätzung der notwendigen Investitionen.

Reparationszahlungen Deutschlands an Israel: Historischer Kontext ignoriert

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat Deutschland weltweit Wiedergutmachungszahlungen an Israel und Holocaust-Überlebende geleistet. Seit dem Luxemburger Abkommen von 1952 belaufen sich diese auf über 100 Milliarden Euro. Diese Zahl umfasst mehrere Jahrzehnte und bezieht sich auf Entschädigungen für die Verbrechen des Nationalsozialismus, insbesondere an Holocaust-Überlebende.

Auch heute noch zahlt Deutschland Renten und Pflegekosten an Opfer des Nationalsozialismus, von denen viele in Israel leben. Diese Zahlungen sind langfristige moralische und historische Verpflichtungen Deutschlands und keinesfalls mit kurzfristigen Sozialbudgets vergleichbar. Der irreführende Vergleich in der Grafik stellt diese Zusammenhänge falsch dar.

Sozialausgaben: Weit mehr als die angegebenen Zahlen

Die Grafik suggeriert, dass neun Milliarden Euro ausreichen würden, um Wohnungslosigkeit in Deutschland zu beseitigen. Das ist eine grobe Unterschätzung des tatsächlichen Bedarfs. Nach Angaben des Bündnisses „Soziales Wohnen“ werden in Deutschland allein im Jahr 2023 rund 20 Milliarden Euro für Mietzuschüsse und Wohngeld ausgegeben. Hinzu kommen 18 Milliarden Euro, die von 2022 bis 2027 in den sozialen Wohnungsbau fließen sollen. Damit ist klar, dass die genannte Zahl von neun Milliarden Euro viel zu niedrig angesetzt ist.

Kinderarmut: Die Realität erfordert weit höhere Investitionen

Ebenso irreführend ist die Zahl von zwölf Milliarden Euro, die angeblich ausreichen sollen, um die Kinderarmut in Deutschland zu beseitigen. Tatsächlich hatte Bundesfamilienministerin Lisa Paus ursprünglich zwölf Milliarden Euro für die geplante Kindergrundsicherung gefordert, der aktuelle Etat liegt aber nur bei 2,4 Milliarden Euro pro Jahr – weit entfernt von dem, was tatsächlich nötig wäre. Organisationen wie die Diakonie fordern mindestens 20 Milliarden Euro jährlich, um die Kindergrundsicherung umfassend zu finanzieren. Hier zeigt sich, dass die Realität deutlich komplexer und teurer ist, als die Grafik suggeriert.

Investitionen in Bildung: Mehr als „Lückenfüller“

Unklar bleibt in der Grafik, was genau mit der „Bildungslücke“ gemeint ist, die angeblich mit 20 Milliarden Euro geschlossen werden könnte. Im Bundeshaushalt 2024 sind insgesamt 21 Milliarden Euro für Bildung und Forschung vorgesehen. Darin enthalten sind Mittel für Bafög, digitale Infrastruktur an Schulen und andere Projekte. Diese Zahl macht deutlich, dass Investitionen in Bildung auf eine viel breitere Basis gestellt werden und kontinuierlich erfolgen müssen, um nachhaltige Verbesserungen zu erzielen. Mit einem einmaligen Betrag von 20 Milliarden Euro ließen sich nicht alle bildungspolitischen Herausforderungen in Deutschland lösen.

Zeitliche und thematische Verzerrung der Darstellung

Ein weiteres zentrales Problem der viralen Grafik ist der fehlende Zeitbezug. Die Zahlungen an Israel erstrecken sich über mehr als 70 Jahre, während die Kosten für soziale Probleme in Deutschland jährlich anfallen. Dieser Vergleich ist nicht nur unfair, er verzerrt auch die Realität. Es handelt sich um unterschiedliche Zeiträume und Verpflichtungen, die nicht einfach gegeneinander aufgerechnet werden können.

Es ist auch falsch zu behaupten, dass einmalige Zahlungen soziale Probleme wie Obdachlosigkeit oder Kinderarmut „lösen“ können. Diese Herausforderungen sind komplex und erfordern langfristige Investitionen in Strukturen und Programme, die über Jahre und Jahrzehnte wirken müssen.

Fazit zum Thema „Irreführende Milliardenliste“

Die Darstellung, Deutschland könne mit vergleichsweise geringen Mitteln soziale Probleme lösen, während an Israel hohe Summen gezahlt werden, basiert auf falschen Annahmen und verzerrt die Realität. Bei den Zahlungen an Israel handelt es sich um moralische und historische Verpflichtungen, die seit Jahrzehnten bestehen, während die sozialen Probleme in Deutschland langfristige und nachhaltige Investitionen erfordern.

Quelle: dpa

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