„Voll gefüllte Supermarkt-Regale in Gaza“: Warum diese Bilder die Hungersnot nicht widerlegen

Einzelne Supermarkt-Aufnahmen verzerren die Realität. Die humanitäre Krise bleibt dramatisch.

Die Behauptung

Im Internet kursieren Bilder und Videos, die gut gefüllte Supermarkt-Regale im Gazastreifen zeigen. Daraus wird geschlossen, dass Berichte über eine Hungersnot übertrieben oder falsch seien.

Aufgestellt von: Hamas-nahe Medien

Falsch

Falsch. Einzelne Bilder widerlegen keine humanitäre Krise. Ein Supermarkt mit vollen Regalen zeigt keine allgemeine Versorgungslage. Solche Aufnahmen sind oft gezielt inszeniert, während der Großteil der Bevölkerung unter extremem Mangel leidet und keinen Zugang zu diesen Märkten hat.

Kurze Faktenübersicht:

  • Die gezeigten Bilder stammen von der „Hyper Mall“ im Flüchtlingslager Al-Nuseirat, die im Februar 2025 nach längerer Schließung wiedereröffnet wurde.

  • Die Wiedereröffnung wurde von Hamas-nahen Medien begleitet und inszeniert. Es liegt nahe, dass damit Normalität suggeriert werden soll.

  • Laut UNRWA, WHO und IPC leiden über 2 Millionen Menschen in Gaza unter akuter Ernährungsunsicherheit, viele stehen kurz vor einer Hungersnot.

  • Einzelne gut bestückte Supermärkte sind nicht repräsentativ für die allgemeine Versorgungslage der Bevölkerung.

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In sozialen Medien kursieren Bilder eines Supermarktes mit voll gefüllten Regalen. Veröffentlicht wurden sie mit dem Text: „Niemand verhungert oder stirbt vor Hunger in Gaza. Diese Fotos stammen nicht aus dem Westjordanland oder Jerusalem, sondern aus dem Gazastreifen, wo die Supermärkte ihre Türen wieder für die Bürger geöffnet haben und alle Waren erhältlich sind.“

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Screenshots Facebook
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Hyper Mall: Inszenierte Normalität inmitten der Krise

In einem Facebook-Video erkennt man den gezeigten Supermarkt. Es handelt sich also um die „Hyper Mall“ in Nuseirat, die nach längerer Zeit wiedereröffnet wurde.

Zur Eröffnung waren die Regale auffällig gut bestückt, was allerdings auf eine gezielte Inszenierung hindeutet. Begleitet wurde das Ereignis von Berichten des Hamas-nahen Senders Al-Aqsa TV, der erklärte, dass „das Leben zur Normalität zurückkehrt“.

Das Projekt „Imshin“ auf der Plattform X veröffentlicht regelmäßig Alltagsszenen aus Gaza. Ziel ist es, Hamas-Propaganda etwas entgegenzusetzen und englischsprachigen Nutzern Einblicke aus der Perspektive lokaler Blogger und Social-Media-Stimmen zu geben.

Auch zum Video und der Berichterstattung von Al-Aqsa TV veröffentlichte „Imshin“ einen Beitrag mit dem Kommentar: „Diese Übersetzung ist eigentlich ziemlich komisch. Ein Hamas-Fernsehmoderator spaziert durch das gut sortierte Designer-Einkaufszentrum Hyper Mall in Nuseirat, im Zentrum von Gaza-Stadt, und spricht über das Überleben trotz Belagerung und harter Bedingungen… Gaza in a nutshell“

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Mehr Informationen

Die Mall wird von der Al-Danaf-Familie betrieben, die laut mehreren unabhängigen Quellen enge Verbindungen zur Hamas haben soll. Eine direkte Eigentümerschaft durch die Hamas ist nicht dokumentiert, aber politische Nähe ist naheliegend.

Die humanitäre Lage in Gaza: Eine Katastrophe

Laut Berichten der UNRWA, der WHO und des Integrated Food Security Phase Classification (IPC) befindet sich ein erheblicher Teil der Bevölkerung Gazas in einer katastrophalen Ernährungslage:

  • Mehr als 240.000 Menschen gelten als akut von Hungersnot (IPC-Stufe 5) betroffen. Halten die Blockaden an, könnte diese Zahl laut IPC-Prognosen bis September auf 470.000 Menschen ansteigen.
  • Etwas unter 1 Million Menschen befinden sich auf Stufe 4 (Notfall).
  • Fast die gesamte Bevölkerung (über 2 Millionen Menschen) leidet unter Nahrungsmittelknappheit, Mangelernährung, Krankheiten und fehlender medizinischer Versorgung.

Diese Zahlen zeigen, dass die humanitäre Krise real und gravierend ist.

Propaganda und Realität: Die Gefahr der Fehlinformation

Bilder von gut gefüllten Supermarkt-Regalen werden häufig propagandistisch eingesetzt, um bestimmte Narrative zu stützen, wie etwa das Bild einer angeblich intakten Infrastruktur. „Misbar“ hat im vergangenen Jahr zu Fotos recherchiert, die ebenfalls einen gut bestückten Lebensmittelmarkt zeigten, womit die Hungersnot in Gaza geleugnet werden sollte.

Bilder von gut gefüllten Supermarkt-Regalen werden gezielt eingesetzt, um ein Bild von Normalität zu vermitteln. Dies dient dazu, die Handlungsfähigkeit der Hamas zu demonstrieren oder Berichte über humanitäre Notlagen als „übertrieben“ darzustellen.

Solche Darstellungen ignorieren jedoch die Realität der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung, die unter extremen Bedingungen lebt. Viele Menschen haben kein Einkommen, leben in zerstörten Gebieten und haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung oder ausreichender Nahrung.

Zugang und Bezahlbarkeit: Ein Privileg für Wenige

Selbst wenn Produkte vorhanden sind, bedeutet das nicht, dass sie für die Allgemeinheit zugänglich oder bezahlbar sind. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind in Gaza stark gestiegen, und viele Menschen können sich diese nicht leisten. Zudem ist der Zugang zu solchen Märkten oft eingeschränkt, insbesondere für Menschen in zerstörten oder abgelegenen Gebieten.

Die massive Kontrolle von Ein- und Ausfuhren durch Israel und Ägypten sowie die Binnenmachtverhältnisse durch die Hamas führen zu einer selektiven Verteilung von Ressourcen. Es existieren Schwarzmärkte und selektive Verteilungssysteme, die wenigen Akteuren einen privilegierten Zugang zu Importware ermöglichen.

FAQ

Sind die Bilder der Hyper Mall authentisch?

Ja, die Bilder stammen tatsächlich von der Hyper Mall in Al-Nuseirat. Sie sind jedoch nicht repräsentativ für die allgemeine Versorgungslage in Gaza.

Warum sind solche Bilder problematisch?

Sie können den Eindruck erwecken, dass es keine humanitäre Krise gibt, was die Realität für die Mehrheit der Bevölkerung verzerrt und die Notlage verharmlost.

Wie ist die aktuelle Versorgungslage in Gaza?

Laut internationalen Organisationen leidet die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung unter Nahrungsmittelknappheit, Mangelernährung und fehlender medizinischer Versorgung.

Was sind die Hauptursachen für die Krise?

Die Hauptursachen sind die anhaltende Blockade, militärische Konflikte, Zerstörung von Infrastruktur und eingeschränkter Zugang zu humanitärer Hilfe.

Fazit zum Thema

Einzelne Bilder von gut gefüllten Supermarkt-Regalen in der Hyper Mall von Al-Nuseirat dürfen nicht als Beweis für eine intakte Versorgungslage in Gaza interpretiert werden. Sie stellen eine inszenierte Ausnahme dar und spiegeln nicht die Realität der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung wider, die unter einer schweren humanitären Krise leidet.

Es ist wichtig, solche Darstellungen kritisch zu hinterfragen und sich auf verlässliche Informationen internationaler Organisationen zu stützen.


Korrektur: In unserem Artikel wurde angeführt, dass 470.000 Menschen akut von Hungersnot (IPC-Stufe 5) betroffen sind. Diese Information wurde am 30.05.2025 korrigiert und richtiggestellt:
Mehr als 240.000 Menschen gelten als akut von Hungersnot (IPC-Stufe 5) betroffen. Halten die Blockaden an, könnte diese Zahl laut IPC-Prognosen bis September auf 470.000 Menschen ansteigen.

Quellen:
WHO, UNOCHA, UNRWA Situation Report #172. All information updated for 15 – 22 May 2025, cidi.nl

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