Die Behauptung
In den sozialen Medien verbreitet sich das Gerücht, dass Russland verwundete Soldaten, teilweise in Rollstühlen und mit Krücken, in den Kampf schickt. Stimmt das wirklich oder handelt es sich um eine Übertreibung?
Aufgestellt von: Soziale Medien
Irreführend
Teilweise wahr. Es stimmt, dass russische Soldaten nach schweren Verletzungen, teils mit Amputationen, wieder an die Front geschickt werden. Diese Praxis ist dem enormen Personalmangel in der russischen Armee geschuldet.
Kurze Faktenübersicht:
- Hintergrund sind massiver Personalmangel und die hohen Verluste, die Russlands Armee im Krieg erlitten hat.
- Diese Soldaten kämpfen meist nicht direkt an der vordersten Frontlinie, sondern übernehmen unterstützende Rollen wie Logistik und Aufklärung.
- Berichte von Soldaten in Rollstühlen oder mit Krücken sind teilweise übertrieben, stellen aber reale Einzelfälle dar.
Die Rückkehr verwundeter Soldaten an die Front: Eine Notwendigkeit?
In den letzten Monaten sind mehrere Berichte und Videos aufgetaucht, die zeigen, dass russische Soldaten mit schweren Verletzungen, einschließlich Amputationen, in Rollstühlen und mit Krücken wieder an die Front geschickt werden. Diese Praxis scheint in erster Linie durch den Mangel an Personal und die enormen Verluste an der Front erklärt zu werden. Mehrere Soldaten berichten, dass sie trotz schwerer Verletzungen wieder in den Einsatz geschickt wurden, allerdings meist nicht in den vordersten Frontlinien, sondern in unterstützende Rollen wie Aufklärung und Materialtransport.
Laut einem Bericht von Militarnyi und veröffentlichten Videos aus den vergangenen Monaten ist es immer häufiger der Fall, dass russische Soldaten mit schweren Verletzungen, darunter auch Amputationen, an die Front geschickt werden.
In einem Vorfall in der Nähe von Novotroitske, Donbass, wurde ein Video dokumentiert, das zwei russische Soldaten zeigt, die mit Krücken über das Feld gehen. Ukrainische Drohnen neutralisierten sie etwa 1 Kilometer vor der Frontlinie. Diese Soldaten wurden als Teil eines „Behinderten-Regiments“ identifiziert, einem Phänomen, das in den letzten Monaten laut Berichten und OSINT-Analysen zugenommen hat.
Dieses Video, aufgenommen von ukrainischen Drohnen, zeigt zwei russische Soldaten, einen mit Krücken, den anderen auf allen Vieren kriechend, wie sie in die Nähe der Frontlinie bei Pakros ziehen. Die Soldaten, die aus dem Krankenhaus kommen, gehören zu den sogenannten „Behinderten-Regimentern“, die mit minimaler Behandlung zurück an die Front geschickt werden.
(Warnung: Das folgende Video enthält Szenen, die auf manche Personen verstörend wirken könnten.)
Dies ist der erste öffentlich verfügbare Vorfall, in dem ukrainische Streitkräfte den Tod von russischen Soldaten dokumentiert haben, die trotz ihrer Verletzungen in den Kampf geschickt wurden.
Diese Praxis wurde in einem DW-Artikel detailliert erläutert, der darauf hinweist, dass 110.000 russische Soldaten seit Beginn des Krieges schwer verletzt wurden und viele von ihnen eine Amputation erlitten haben. Offiziellen Berichten zufolge soll etwa 96 % der verwundeten Soldaten wieder zurück an die Front geschickt werden, häufig in weniger riskante, aber dennoch physisch und psychisch belastende Aufgaben.
Hintergründe: Der militärische Druck
Russland kämpft mit enormen Verlusten, die das Militärsystem überfordern. Diese Verluste und die Notwendigkeit, die Frontlinien zu halten, haben dazu geführt, dass verwundete Soldaten nach minimaler Behandlung oder sogar unzureichender Genesung wieder in den Einsatz geschickt werden. Ein Veteran, der anonym bleiben wollte, berichtete, dass er aufgrund seiner Verletzungen keine Arbeitsfähigkeit mehr besaß und dennoch gezwungen war, wieder in den Krieg zu ziehen.
Laut einem Blogger und Freiwilligen in den russischen Militärkreisen, Serhii Sternenko, sind diese „Behinderten-Regimente“ in den letzten sechs Monaten deutlich gestiegen. Der Mangel an Rekruten, kombiniert mit den hohen Verlusten an der Front, zwingt die russische Armee, selbst stark verwundete Soldaten wieder in den Einsatz zu schicken. Es wird berichtet, dass etwa 50 Soldaten der 26. Panzerdivision nach Erstbehandlung im Krankenhaus ohne vollständige medizinische Genesung zurück in den Kampf geschickt wurden.
Der Rückgriff auf solche Soldaten ist ein deutliches Zeichen des Personalnotstandes und verdeutlicht, wie ernst die Rekrutierungsprobleme in der russischen Armee sind. Meduza berichtete, dass die Zahl der freiwilligen Rekruten im dritten Quartal 2024 auf 600 pro Tag gesenkt wurde, während im zweiten Quartal noch mehr als 1.000 Rekruten pro Tag eingezogen wurden.
Es gibt Berichte, dass diese Soldaten in vielen Fällen nicht direkt an Kampfhandlungen teilnehmen, sondern vor allem als Unterstützer in weniger gefährlichen Aufgaben eingesetzt werden. Dabei übernehmen sie logistische und strategische Aufgaben, wie etwa die Überwachung von Drohnen oder die Koordination von Nachschub.
Psychische Belastungen und gesellschaftliche Folgen
Die psychischen Auswirkungen auf die zurückgeschickten Soldaten sind gravierend. Viele berichten von posttraumatischen Belastungsstörungen und einem Gefühl der Entfremdung sowohl innerhalb der Armee als auch in der Gesellschaft. Einige Soldaten beklagen sich auch über die unzureichende Betreuung durch den Staat, insbesondere im Hinblick auf die gesundheitliche Versorgung und Rehabilitation. Diese psychische Belastung wird in den sozialen Medien häufig geteilt, wo verwundete Soldaten ihre Erlebnisse und Enttäuschungen über die mangelnde Unterstützung posten.
Es gibt zudem Berichte von Soldaten, die nach der Rückkehr in die Heimat Schwierigkeiten haben, wieder in die Gesellschaft integriert zu werden. Aglaya Asheshova, Historikerin an der University Library of Languages and Civilizations in Paris, erklärt, dass viele Kriegsverletzte nach dem Krieg von der Gesellschaft isoliert werden und dass die russischen Behörden diese Problematik möglicherweise auf die Regionen abwälzen, was die Situation verschärfen würde.
Die Rückkehr der Verwundeten: Ein zweischneidiges Schwert
Die Rückkehr von verwundeten Soldaten an die Front ist sowohl eine Folge des russischen Personalnotstandes als auch eine Manifestation des militaristischen Drucks, der auf den Soldaten lastet. Auch wenn diese nicht in den direkten Kampf geschickt werden, bleibt die Tatsache, dass sie sich weiterhin in extrem belastenden Rollen wiederfinden, ein erschreckendes Zeugnis des Krieges und der militärischen Realität.
Die militärische Führung scheint den Einsatz von verwundeten Soldaten als ein notwendiges Übel zu betrachten, das durch den enormen Mangel an frischen Rekruten und die fortwährenden Verluste gerechtfertigt wird. Die mentale und physische Belastung wird jedoch oft unterschätzt und führt zu langfristigen Folgen.
FAQ-Box
Warum werden verwundete Soldaten wieder an die Front geschickt?
Die russische Armee leidet unter enormen Verlusten und einem Mangel an frischen Rekruten. Aus diesem Grund werden viele verwundete Soldaten wieder in den Einsatz geschickt, jedoch häufig in unterstützenden Funktionen.
Kämpfen diese Soldaten direkt in den vordersten Frontlinien?
In der Regel nicht. Die meisten verwundeten Soldaten übernehmen unterstützende Aufgaben, wie Aufklärung oder Logistik, anstatt direkt in den Kampf zu gehen.
Gibt es Belege für die Rückkehr von verwundeten Soldaten an die Front?
Ja, mehrere unabhängige Quellen wie DW und CNN berichten von dieser Praxis, auch wenn die genauen Umstände und der Umfang variieren.
Was sind die psychischen Folgen für diese Soldaten?
Viele von ihnen kämpfen mit posttraumatischen Belastungsstörungen und haben Schwierigkeiten, sich nach den erlittenen Verletzungen und Traumata wieder in den Alltag zu integrieren.
Fazit zum Thema
Die Praxis, verwundete Soldaten zurück an die Front zu schicken, ist eine der dunklen Realitäten des Krieges. Diese Soldaten übernehmen häufig unterstützende Rollen, doch die psychischen und physischen Belastungen bleiben bestehen.
Die genauen Details dieser Praxis bleiben jedoch schwer zu fassen, und die Berichterstattung darüber zeigt, wie der Mangel an Ressourcen und die extremen Verluste das militärische Vorgehen beeinflussen.
Quellen:
Ukraine war: Wounded Russian soldiers sent back to the front – DW.com
Russia is ‘recycling’ wounded troops, sending some to the frontline on crutches – CNN
After Losing Limbs to War, Russian Amputee Veterans Grapple With Officials’ Empty Promises – The Moscow Times
Russian Soldiers in Crutches Keep Appearing at Front Line: UK MOD – Business Insider
Russia sends disabled soldiers on crutches into battle – Militarnyi
Ukrainian soldiers are returning to battle after amputation – AP News
Telegram – Sternenko (Warnung: Video enthält Szenen, die auf manche Personen verstörend wirken könnten.)
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