Die Behauptung
Ein brutaler Angriff auf einen Rentner in Torre Pacheco soll von nordafrikanischen Migranten verübt worden sein. Ein Video beweist die Tat, weitere Aufnahmen zeigen angeblich Migranten-Gewalt in der Stadt. Lokale Behörden und Polizei seien überfordert, Spanien drohe im Chaos zu versinken.
Aufgestellt von: Soziale Medien
Falsch
Der Angriff auf den Rentner Domingo Tomás Martínez war real, und drei junge Männer nordafrikanischer Herkunft wurden festgenommen. Doch das kursierende Video hat nichts mit dem Vorfall zu tun. Es zeigt einen ganz anderen Fall, aufgenommen in Almería. Anschließend kursierten zahlreiche Falschinformationen, massiv verbreitet von rechtsextremen und prorussischen Netzwerken, die gezielt Hass geschürt und die Lage eskalieren haben lassen.
Kurze Faktenübersicht:
Was wirklich geschah und was falsch dargestellt wurde:
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- Der Angriff auf den Rentner war real, die Verletzungen sind bestätigt und dokumentiert.
- Das Video, das angeblich die Tat zeigt, stammt aus Almería, nicht aus Torre Pacheco.
- Die Täter im Video sind Spanier, nicht Migranten.
- Rechtsextreme und prorussische Gruppen haben gezielt weitere Falschinformationen über Telegram, X, … verbreitet.
Ein Rentner wird verprügelt, und ein Sturm zieht auf
Der Auslöser für die dramatische Entwicklung in Torre Pacheco war brutal, erschütternd und real. Am 9. Juli 2025 wurde der 68-jährige Rentner Domingo Tomás Martínez bei seinem morgendlichen Spaziergang in der Stadt von drei jungen Männern angegriffen. Sie schlugen ihn auf Kopf, Gesicht und Oberkörper, seine Verletzungen sind schwer: gebrochene Rippen, blutverschmiertes Gesicht, Prellungen. Bilder davon gingen viral. Sie dokumentieren echte Gewalt.
Die Polizei leitete Ermittlungen ein. Schnell stellte sich heraus: Drei Männer nordafrikanischer Herkunft stehen unter Verdacht. Einer von ihnen, mutmaßlich der Haupttäter, wurde später in der baskischen Provinz Gipuzkoa festgenommen, er wollte offenbar nach Frankreich fliehen.
Die Polizei vermutete als Tatmotiv keine politische Absicht oder Raub, sondern den Zusammenhang mit einer Social-Media-„Challenge“, bei der gezielt ältere Menschen attackiert und gefilmt werden. Doch diese Erklärungen erreichten die Öffentlichkeit zu spät.
Denn während die Polizei noch ermittelte, brannte bereits die digitale Lunte.
Ein Video aus Almería entfacht den Hass in Torre Pacheco
Am Tag nach dem Angriff, am 10. Juli, verbreitete sich ein Video rasant im Netz. Es zeigt einen älteren Mann, der brutal zusammengeschlagen wird.
Begleitet wurde das Video von Kommentaren wie: „So schlagen Nordafrikaner unsere Alten zusammen!“ oder „Multikulti-Terror in Torre Pacheco“.
Doch dieses Video zeigt nicht Domingo Tomás Martínez, sondern Jose Moya, einen Mann aus Almería, also über 200 Kilometer von Torre Pacheco entfernt. Der Angriff auf ihn ereignete sich bereits zwei Monate zuvor. Die Täter? Zwei Spanier. Keine Migranten.
Jose Moya selbst meldete sich auf Instagram und in spanischen Medien zu Wort: „Ich bin der Mann in dem Video. Ich komme aus Almería. Die Leute verwechseln das, es sind zwei verschiedene Vorfälle.“ Er zeigte sogar das T-Shirt, das er an dem Tag trug. Und: Zwei der Angreifer sitzen bereits in Untersuchungshaft.
[…] das Video, das sie verwenden, zeigt nicht ihn. Der in den schwarzen Shorts und dem grauen T-Shirt bin ich! Es handelt sich um zwei verschiedene Prügelattacken mit einem Video, auf dem sie mich aufgenommen haben. Das geschah letzten Mai in Almería. Die Anzeige wurde bereits eingereicht, und die jungen Männer sitzen in Untersuchungshaft, aber wir wussten nichts von diesem Video. Sie verwechseln die Prügelattacke auf den alten Mann, die tatsächlich stimmt, mit meiner Prügelattacke, die in diesem Video zu sehen ist. Der in den schwarzen Hosen und dem grauen T-Shirt bin ich! […]
Übersetzung der Texte
Bis ich dieses Video heute gesehen habe (aufgrund seiner Verbreitung), saßen zwei junge Spanier im Gefängnis, und die Ermittlungen dauern an. Das geschah vorletzten Monat. Ich schlief auf der Straße, als mich diese Leute umringten und nach Tabak fragten. Ich sagte ihnen, ich hätte keinen, und sie fingen an, Steine nach mir zu werfen, mich eine Schwuchtel zu nennen, mich zu treten, zu schlagen und zu Tode zu prügeln. Je mehr ich um Hilfe bat, desto heftiger schlugen sie auf mich ein. Ich lag eine Woche lang mit gebrochenen Rippen im Krankenhaus. Das Schlimmste waren die psychischen Folgen, die ich immer noch habe. Ich träume von den Schlägen. Wenn ich alleine ausgehe, habe ich Angst, dass mich jemand ansieht oder ein junger Mann auf mich zukommt.
Doch diese Information kam zu spät und verbreitete sich nicht so rasend wie das eigentliche Video. Dieses hatte sich längst schon verselbstständigt. Es wurde über Kanäle mit hunderttausenden Followern verbreitet, von verifizierten Accounts gepostet und von rechtsextremen Gruppen instrumentalisiert.
Das Ergebnis: Noch am selben Abend zogen aufgebrachte Menschen durch die Straßen von Torre Pacheco. Es kam zu Demonstrationen, Übergriffen und Sachbeschädigungen. Läden von Menschen mit Migrationshintergrund wurden angegriffen. Ein Kebap-Lokal wurde verwüstet. Die Polizei konnte die Lage erst nach mehreren Tagen unter Kontrolle bringen.
Rechte Hetze und russische Propaganda: Der Brandbeschleuniger
Die Gewalteskalation in Torre Pacheco war kein Zufall. Sie war das Ergebnis einer koordinierten Desinformationskampagne. Mit im Zentrum: das Netzwerk Prawda, ein prorussisches Medien- und Propaganda-Konstrukt, das gezielt Falschmeldungen in Europa verbreitet.
Schon wenige Stunden nach dem Angriff erschien das Almería-Video auf dem Telegram-Kanal Herqles, einem Kanal mit Verbindungen zur rechtsextremen Szene Spaniens. Nur 13 Minuten später wurde das Video von Spain News Pravda verbreitet, eben mit der Behauptung, es zeige den Angriff auf Domingo in Torre Pacheco.
Zwischen dem 10. und 15. Juli veröffentlichte das Netzwerk mindestens 279 Beiträge über Torre Pacheco, fast 50 % davon allein am Sonntag, dem 13. Juli. Die meistgenutzten Kanäle: Herqles, Viejos Tercios, TSA Noticias. Alle nachweislich Teil des Prawda-Verbreitungsnetzwerks.
Was sie taten, war kein klassisches Lügen, sondern die Manipulation echter Ereignisse: Videos aus anderen Städten, alte Bilder, gefälschte Polizei-Meldungen, angebliche Rathausaufrufe. Alles aufgeladen mit fremdenfeindlicher Wut.
Ein Beispiel: Ein Bild eines blutenden Mannes wurde mit der Behauptung verbreitet, er sei in El Algar von Migranten attackiert worden. Die Wahrheit: Laut lokaler Medien war es ein Treppensturz.
Oder ein angebliches Rathaus-Plakat, das Migration für „Unruhe und Kriminalität“ verantwortlich macht: komplett gefälscht.

Ziel dieser Kampagne: gesellschaftliche Spaltung, politische Destabilisierung, Anheizung ethnischer Konflikte. Eine Strategie, die Russland seit Jahren in Europa fährt. Jetzt mit Torre Pacheco als Schauplatz.
Aufrufe zur Gewalt: Die Rolle rechter Gruppen
Parallel zu den Falschinformationen im Netz formierte sich eine reale Bedrohung auf der Straße. Rechte Gruppierungen wie „Deport Them Now“ nutzten die Stimmung aus. Über Telegram forderten sie wörtlich, Migranten zu „jagen“ oder „zu Allah zu schicken“.
Der mutmaßliche Koordinator der Gruppe in Spanien, ein 29-jähriger Mann aus Katalonien, wurde kurz darauf verhaftet. Ihm wird die Anstiftung zu Hass und Gewalt vorgeworfen. Auch der bekannte rechtsextreme Aktivist Vito Quiles wurde aus Torre Pacheco verwiesen, nachdem er bei einer nicht genehmigten Demonstration auftrat.
Doch die politische Wirkung war längst spürbar: Die konservative Partei Partido Popular schwenkte auf einen harten Anti-Migrationskurs. Parteichef Alberto Núñez Feijóo forderte öffentlich die sofortige Abschiebung straffälliger Migranten. Beobachter sprechen von einer Anbiederung an die rechtsextreme VOX. Die gesellschaftliche Mitte verschiebt sich. Nach rechts.
Was bleibt: Angst, Wut, Spaltung, und keine Kontrolle
Torre Pacheco ist nach Tagen der Unruhen zur Ruhe gekommen. Doch das gesellschaftliche Klima bleibt vergiftet. Die Stadt mit rund 40.000 Einwohnern, von denen über 6.000 afrikanischer Herkunft sind, ist tief gespalten. Migrantische Familien fühlen sich bedroht, viele haben Angst, auf die Straße zu gehen.
Gleichzeitig wird deutlich: Die sozialen Medien sind zu Brandbeschleunigern geworden. Plattformen wie Telegram, X oder Facebook reagierten kaum. Laut dem spanischen Observatorium für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wurden nur acht Prozent der Hass-Inhalte überhaupt gelöscht, zwei Prozent davon innerhalb von 24 Stunden.
Und obwohl die EU mit dem Digital Services Act (DSA) neue Regeln erlassen hat, bleiben Plattformen wie Telegram weitgehend unreguliert. Gleichzeitig fürchtet Brüssel politische Spannungen mit den USA, weswegen Verfahren gegen X auf Eis liegen.
Das Fazit: Rechte Gruppen und autoritäre Kräfte haben freie Bahn, um mit gezielten Lügen reale Gewalt zu provozieren.
FAQ: Was steckt hinter den Ereignissen in Torre Pacheco?
Zeigt das kursierende Video den Angriff auf einen Rentner in Torre Pacheco?
Domingo Tomás Martínez wurde am 9. Juli brutal zusammengeschlagen. Seine Verletzungen sind dokumentiert. Drei junge Männer nordafrikanischer Herkunft wurden festgenommen. Das kursierende Video zeigt allerdings einen Angriff in Almería auf Jose Moya von zwei Spaniern. Es hat nichts mit dem Fall in Torre Pacheco zu tun.
Wurden weitere Falschinformationen verbreitet?
Ja. Videos aus Mexiko, Torrevieja oder anderen Regionen wurden mit Torre Pacheco verknüpft. Auch gefälschte Rathausmeldungen und alte Bilder kursierten.
Welche Gruppen haben zur Gewalt aufgerufen?
Die rechtsextreme Gruppe „Deport Them Now“ rief offen zur Jagd auf Migranten auf. Auch Kanäle wie Herqles verbreiteten Hassinhalte.
Was hat Russland mit der Sache zu tun?
Das Netzwerk Prawda, Teil prorussischer Propagandakanäle, veröffentlichte und verstärkte gezielt Falschmeldungen, mit dem Ziel, Spanien zu destabilisieren.
Der wahre Skandal von Torre Pacheco
Der Fall Torre Pacheco zeigt, was geschieht, wenn echte Gewalt mit falschen Erzählungen vermischt wird. Die Tat an Domingo war schlimm genug, doch die nachfolgende Welle an Lügen, Hetze und Manipulation hat sie instrumentalisiert und vervielfacht.
Was bleibt, ist eine gespaltene Stadt, verletzte Menschen, eine verunsicherte Gesellschaft. Und ein Internet, das längst zur Waffe geworden ist, missbraucht von denen, die Demokratie, Vielfalt und Wahrheit hassen.
Die Antwort darauf darf nicht Schweigen sein.
Es braucht Aufklärung. Regulierung. Haltung. Denn der nächste Funke brennt schon.
Quellen:
Nearly 300 contents published in five days: how the Russian network Pravda takes advantage of the Torre Pacheco riots and spreads disinformation – Maldita.es
How disinformation fuelled Spain’s anti-migrant riots after attack on pensioner – Euronews
Was ist in Torre Pacheco los? Rechte Gruppen rufen zur „Jagd auf Migranten“ auf – Euronews
Fact check: Misinformation fuels anti-migrant riots in Spain – DW
Rassistische Unruhen in Murcia: Überfall auf Rentner löst Gewalt aus – Costa Nachrichten
Wer steckt hinter den rassistischen Krawallen in Spanien? – tagesschau.de
Wie rechte Kanäle und prorussische Netzwerke mit Fake News Feuer legen – derStandard.at
José Moya, confundido con Domingo en el vídeo viral de la agresión: „Eran españoles y están en prisión los dos“
La desinformación sobre el ’no agredido en El Algar‘ multicircula por redes sociales
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