Ein erfundener Trump-Skandal entlarvt das System
Ein viraler Hoax über Donald Trump beim Begräbnis von Papst Franziskus: Angeblich soll Trump während der Zeremonie eingeschlafen sein. Die manipulierten Bilder verbreiteten sich rasant. Doch sie waren falsch.
Ein freiwilliger Nutzer versuchte, mit einer Community Note auf Facebook gegenzusteuern – inklusive belegtem Livestream, exakten Zeitstempeln und Verweisen auf die die Faktenchecker von Snopes. Alles fundiert. Alles korrekt. Und: alles wirkungslos.
Die Notiz wurde nicht veröffentlicht. Der Grund? Nicht genug andere Nutzer hatten sie als „hilfreich“ bewertet. Diese Episode steht exemplarisch für ein System, das Meta 2025 unter Mark Zuckerberg eingeführt hat. Der Konzern feuerte professionelle Faktenchecker und ersetzte sie durch das Feature „Community Notes“ – ein Nutzer-basiertes Bewertungssystem für Falschinformationen.
Der Journalist Geoffrey A. Fowler von der Washington Post testete dieses System vier Monate lang selbst. Seine Bilanz: 65 eingereichte Notizen, nur drei davon veröffentlicht – alle zum Thema der Juli-Überschwemmungen in Texas. Die übrigen, darunter Hinweise auf virale KI-Fakes, falsche ICE-Partnerschaften oder erfundene Reichtümer politischer Gegner, blieben im Daten-Nirwana.
Die Abschaffung der Profis – und was stattdessen kam
Mark Zuckerberg präsentierte das Konzept als Fortschritt: Faktenchecks sollten „demokratischer“ werden. Wir haben HIER darüber berichtet. Nutzerinnen und Nutzer sollten selbst Notizen zu Beiträgen hinzufügen, wenn sie Falschinformationen entdecken. Vorbild war Elon Musks „Community Notes“ auf X. Doch während Musk zumindest anfangs Profis und Crowd kombinierte, kappte Zuckerberg die Profischiene vollständig.
Der Washington-Post-Reporter wurde in das Programm aufgenommen und testete es auf Threads, Instagram und Facebook. Seine Aufgabe: Notizen verfassen, Beweise liefern, den Wahrheitsgehalt wiederherstellen. Die Realität: Selbst klar belegte Fakten – etwa über virale KI-generierte Videos – wurden nicht veröffentlicht. Die Hürde? Zu wenige Nutzer markierten die Notizen als hilfreich.
Das System basiert auf einem sogenannten Bridging-Algorithmus. Er soll sicherstellen, dass nur Notizen veröffentlicht werden, die auch von Nutzern aus unterschiedlichen politischen Lagern als hilfreich angesehen werden. Doch das bedeutet: Konsens entscheidet über Wahrheit – nicht Beweisführung.
Fowler reichte unter anderem Notizen zu einem gefälschten Bild von Pam Bondi ein, das über 500.000 Mal angesehen wurde. Auch ein Post über das angebliche Vermögen von Alexandria Ocasio-Cortez mit 250.000 Aufrufen war Ziel einer Note. Keine dieser Faktenkorrekturen wurde veröffentlicht.
Algorithmus statt Redaktion: Warum das System scheitert
Metas Sprecherin erklärte auf Anfrage: „Community Notes ist ein neues Produkt in der Test-und-Lernphase.“ Aber vier Monate nach Start gab es von Meta keinerlei Transparenz: keine Zahlen zu veröffentlichten Notizen, keine Teilnehmerdaten, keine Angaben zur Reichweite. Gleichzeitig ersetzt das Programm bereits die früheren Faktenchecks vollständig.
Der Algorithmus verlangt, dass Nutzer, die sich in der Vergangenheit bei anderen Notizen uneinig waren, diesmal gemeinsam eine neue Note als hilfreich einstufen. Die Idee dahinter: objektive Validierung. Die Folge: handfeste Beweise bleiben hängen, weil Einigkeit fehlt. Das System blockiert Wahrheit, um Harmonie zu erzeugen – in einem Umfeld, in dem Desinformation längst aggressiv organisiert ist.
Fowler dokumentierte zudem, dass viele Beiträge nicht kommentiert werden können – etwa weil sie von Nicht-US-Accounts stammen oder technische Einschränkungen greifen. Viele Notizen von anderen Nutzern enthielten außerdem fragwürdige Inhalte: keine Quellen, nur Meinungen oder vage Formulierungen wie „Google it“.
Selbst Notizen, die Fowler nur bewertete, schafften es kaum zur Veröffentlichung. Nur eine einzige Note, die er als hilfreich markierte und die von einer anderen Person stammte, wurde übernommen.
Kolina Koltai, die einst bei X das ursprüngliche Community-Notes-System mitentwickelte, sagt gegenüber der Washington Post: „Es ist ein sehr, sehr konservatives System.“ Sie selbst kommt auf rund 30 Prozent Veröffentlichung auf X – bei Meta waren es unter 5 Prozent. Ihr Fazit: Der Algorithmus sei besser im Blockieren schlechter Notizen als im Fördern guter.
Kritiker schlagen Alarm – Meta schweigt
Alexios Mantzarlis, Leiter des „Security, Trust and Safety Initiative“ an der Cornell Tech und früherer Gründer des International Fact-Checking Network, bewertete das System unabhängig und kam im Juni 2025 zu einem klaren Urteil: „Nicht reif für den Ernstfall.“ Er fand nur wenige Notizen mit echtem Mehrwert, einige waren sogar inhaltlich falsch.
Besonders beunruhigend: Nach vier Monaten gibt es von Meta keine einzige öffentliche Evaluation. Dabei hatte man ursprünglich Transparenz versprochen. Mantzarlis sagt zur Washington Post: „Es ist besorgniserregend, dass nach vier Monaten keinerlei Updates vorliegen.“
Gleichzeitig kopieren andere Plattformen das Modell: TikTok testet ein System namens „Footnotes“, YouTube arbeitet ebenfalls an einem nutzergenerierten Feedbackmechanismus. Die Richtung ist eindeutig: Big Tech lagert die politische Verantwortung für Inhalte an die Community aus. Doch die funktioniert weder schnell noch zuverlässig – das hat der Test eindrucksvoll gezeigt.
Ein Beispiel: Viele Notizen, die die Washington Post einreichte, betrafen Themen, die von Snopes, NewsGuard und Bloomberg als überprüfenswert eingestuft wurden. Die journalistische Relevanz war gegeben – nur Metas System reagierte nicht.
Fazit: Wenn Wahrheit vom Zufall abhängt, ist niemand geschützt
Was die Washington Post mit ihrem Test offenlegt, ist eine fundamentale Schwäche: Zuckerberg hat ein System geschaffen, in dem belegte Fakten an Zustimmung scheitern. Wahrheit wird zur Mehrheitsentscheidung. Redaktionen wurden entlassen, Verantwortung delegiert, Kontrolle durch Vertrauen ersetzt.
Und das in einem Umfeld, in dem laut Pew Research 54 Prozent der US-Erwachsenen ihre Nachrichten aus sozialen Medien beziehen. Wenn hier Fakten versagen, versagt die Demokratie mit.
Meta könnte das System verbessern: Notizen auch für internationale Beiträge erlauben. Themen mit größerem Schadenspotenzial priorisieren. Freiwillige sichtbar auszeichnen, etwa durch Abzeichen. Und vor allem: wieder Expertinnen und Experten ins System holen – mit Profil, Vergütung und Verantwortung.
Denn wie Koltai sagt: „Community Notes waren nie dafür gedacht, allein zu funktionieren.“ Selbst Musk hatte bei Twitter anfangs noch Profis im Einsatz. Erst als sie gestrichen wurden, fiel das System in sich zusammen. Eine Analyse zeigte: Die meisten korrekt eingereichten Notizen zu politischen Themen wurden nie veröffentlicht.
Faktenchecker sind nicht unfehlbar. Aber sie arbeiten mit Standards, mit Prüfung, mit Verantwortung. Das kann kein Algorithmus ersetzen. Und keine Crowd – so engagiert sie auch ist – alleine leisten.
Metas Community Notes sind kein Fortschritt. Sie sind eine gefährliche Illusion.
Die vollständige Reportage erschien am 4. August 2025 unter:
🔗 Zuckerberg fired the fact-checkers. We tested their replacement.
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
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