Die Behauptung
Ein Facebook-Posting kombiniert eine STIKO-Liste mit drastischen Anschuldigungen: Alle Impfungen seien auf mRNA umgestellt, mRNA verursache „Turbokrebs“ und „plötzliche Herzinfarkte“, Ärztinnen und Ärzte würden „Mordaufträge“ ausführen, und eine „NWO-Genozidagenda“ sei im Gang. Der Beitrag nutzt harte Sprache und Angstbilder – aber keine nachprüfbaren Fakten.
Aufgestellt von: Social Media
Falsch
Es gibt keinerlei Hinweise, Pläne oder Entwicklungen, die eine generelle „Umstellung“ bestehender Impfstoffe auf mRNA-Technologie stützen. Für die meisten genannten Krankheiten existieren nicht einmal mRNA-Impfstoffkandidaten. Neue mRNA-Impfstoffe kommen punktuell hinzu – sie ersetzen bewährte Impfstoffe nicht.
Auch die angeblichen Folgen wie „Turbokrebs“ oder massenhafte Herzinfarkte sind unbelegt. Die Sprache solcher Beiträge dient der Radikalisierung, nicht der Aufklärung.
Analyse – Die Fakten dahinter
Wichtig: Die STIKO-Liste zeigt die realen Impfempfehlungen in Deutschland. Der vfa-Artikel dagegen listet weltweite Forschungsprojekte – also Impfstoffe, die zum Großteil nicht existieren, nicht zugelassen sind und nichts mit der STIKO zu tun haben.
Der Facebook-Post verbindet eine STIKO-Liste mit der Behauptung, all diese Impfungen seien mittlerweile „offiziell auf mRNA umgestellt“. Das ist komplett unzutreffend.
1) Keine Umstellung der Impfungen auf mRNA
Die STIKO empfiehlt weiterhin die üblichen Impfstoffe:
Lebendimpfstoffe (Masern, Mumps, Röteln, Varizellen), Toxoid-Impfstoffe (Tetanus, Diphtherie), Konjugatimpfstoffe (Hib, Pneumokokken, Meningokokken) oder Proteinimpfstoffe (HPV, Hepatitis B).
Zugelassene mRNA-Impfstoffe gibt es aktuell nur für:
- COVID-19
- RSV (seit 2024, zusätzlich, nicht als Ersatz)
Influenza- und Herpes-Zoster-mRNA-Projekte befinden sich in Entwicklung. Für die meisten STIKO-Impfungen existieren nicht einmal Forschungsprogramme.
Übersicht: mRNA-Status der STIKO-Impfungen
| Erkrankung | Üblicher Impfstofftyp | mRNA-Status |
| Rotaviren | Lebend-Schluckimpfstoff | In Entwicklung (präklinisch) |
| RSV | Proteinimpfstoffe; Antikörper | Ja (seit 2024) |
| Diphtherie | Toxoid-Impfstoff | Nein |
| Tetanus | Toxoid-Impfstoff | Nein |
| Pertussis | Azellulärer Totimpfstoff | Nein |
| Polio | IPV/OPV | Nein |
| Hib | Konjugat-Impfstoff | Nein |
| Hepatitis B | Proteinimpfstoff | Nein |
| Pneumokokken | Konjugat-Impfstoffe | Nein |
| Meningokokken ACWY/B | Konjugat-/Protein-Impfstoffe | Nein |
| Masern/Mumps/Röteln | Lebendimpfstoff | Nein |
| Varizellen | Lebendimpfstoff | Nein |
| HPV | Virus-like Particles | In Entwicklung (früh) |
| Influenza | Inaktivierte Impfstoffe | In Entwicklung (Phase III) |
| COVID-19 | mRNA/Protein/Vektor | Ja |
| Herpes Zoster | Totimpfstoff | In Entwicklung |
2) „mRNA löst Turbokrebs aus“ – unbelegt
Der Begriff „Turbokrebs“ existiert medizinisch nicht.
Fachgesellschaften, Onkologen und internationale Registerstudien finden keine Hinweise, dass mRNA-Impfstoffe Krebs auslösen.
3) „mRNA verursacht plötzliche Herzinfarkte“ – irreführend
Bekannt ist eine seltene Myokarditis nach mRNA-Impfung, meist mild, vor allem bei jungen Männern. Sie wird weltweit überwacht und transparent berichtet.
Wichtig: Das Herzrisiko nach einer COVID-Infektion ist höher als nach einer mRNA-Impfung. Ein Anstieg von Herzinfarkten durch Impfstoffe ist nicht belegt.
4) Radikalisierende Sprache als Muster
Der Facebook-Beitrag nutzt:
- Kampfbegriffe („Genozid“, „Mordaufträge“),
- Dehumanisierung von Ärzten,
- apokalyptische Warnungen,
- absolute Behauptungen ohne Quellen.
Solche Posts sollen Empörung und Angst erzeugen – nicht informieren.
Warum der vfa-Artikel NICHT die angebliche „mRNA-Umstellung“ belegt
Viele Nutzer verlinken den vfa-Artikel, weil darin eine sehr lange Liste mRNA-basierter Impfstoffprojekte steht. Das wirkt massiv – aber nur, wenn man ignoriert, was der vfa tatsächlich schreibt. Der Artikel dokumentiert weltweite Forschungsprojekte, nicht zugelassene Impfstoffe, und schon gar nicht die Impfstoffe, die die STIKO heute empfiehlt.
1. Die Liste zeigt Forschung, nicht Anwendung
Gleich zu Beginn stellt der vfa klar: Die Tabelle enthält Projekte in
- vorklinischer Forschung,
- Phase I,
- Phase II,
- Phase III.
Das ist der gesamte Entwicklungsweg – von der Petrischale bis zur Wirksamkeitsstudie.
Die meisten dieser Kandidaten werden nie zugelassen. Das ist wissenschaftlicher Alltag, kein politischer Plan.
2. Was die Tabelle tatsächlich enthält – kompakt erklärt
Die Tabelle listet weltweit entwickelte mRNA-Impfstoffkandidaten. Für jeden Eintrag stehen dort:
- Krankheit
- Unternehmen / Forschungsgruppe
- Projektname
- Art der mRNA
- Entwicklungsstatus
Und der vfa schreibt ausdrücklich:
„Gelistet sind nur neue Impfstoffe… Forschung… vorklinisch… Phase I bis III.“
Damit ist eindeutig:
Die Liste beschreibt Pipeline-Projekte, keine eingeführten Impfstoffe.
3. Zugelassen ist nur ein sehr kleiner Teil
Stand 2025 sind zugelassen:
- mRNA-Impfstoffe gegen COVID-19,
- ein mRNA-RSV-Impfstoff.
Das war’s.
4. Der Rest sind Entwicklungsprototypen
99 Prozent der Tabelle besteht aus Impfstoffen, die:
- im Labor getestet werden,
- gerade erste Freiwillige einschließen,
- Dosisstudien durchlaufen,
- Wirksamkeit erst noch nachweisen müssen.
Sie existieren nicht im Versorgungssystem.
Sie ersetzen keine etablierten Impfstoffe.
Sie stehen in keiner STIKO-Empfehlung.
5. Forschung wird fälschlich als „Umstellung“ verkauft
Weil die Liste lang ist, eignet sie sich gut für Desinformation.
Der Trick:
- Man zeigt viele Forschungsprojekte.
- Man behauptet, Forschung = Umsetzung.
- Und suggeriert: „Alles wird auf mRNA umgestellt!“
Das ist fachlich komplett falsch.
Wirkung & Mechanismus
Die Mischung aus STIKO-Liste und emotionaler Hetzrhetorik wirkt, weil sie ein vertrautes Narrativ bedient: „Die Behörden lügen – die Gefahr ist größer als gesagt.“ Je lauter und drastischer der Ton, desto stärker die emotionale Wirkung.
Wenn Gesundheitskommunikation komplex wirkt, bieten einfache Schuldzuweisungen eine scheinbare Erleichterung. Doch die Behauptungen bleiben falsch.
Fazit
Die Meldung gehört eindeutig in den Kontext von Desinformation. Es gibt keine Umstellung aller Impfungen auf mRNA, und die angeblichen Gesundheitsgefahren sind unbelegt. Der aggressive Ton soll misstrauisch machen und spalten. Wer die Fakten kennt, erkennt die Übertreibung sofort.
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