Italienischer Sicherheitsvermerk wird fälschlich als Beleg für „gefährliche“ mRNA-Impfstoffe genutzt

Ein internes Dokument zur Beseitigung verschütteter Comirnaty-Ampullen wird online als angeblicher Beweis für eine besondere Giftigkeit des Covid-19-Impfstoffs fehlinterpretiert.

Die Behauptung

Ein in sozialen Netzwerken kursierendes Dokument der italienischen Gesundheitsbehörde Asl4 Liguria aus dem Jahr 2020 soll beweisen, dass der mRNA-Impfstoff Comirnaty (Biontech/Pfizer) „giftig“ oder „gefährlich“ sei. Begründung: Beim Bruch einer Impfampulle werde das Personal angewiesen, den verschütteten Impfstoff mit Bleichmittel (Natriumhypochlorit) und in Vollschutz (Kittel, Überschuhe, FFP2-Maske, Gesichtsschutz/Brille, Handschuhe) zu beseitigen. Daraus wird gefolgert, der Impfstoff sei für Geimpfte nicht sicher.

Aufgestellt von: Social Media

Falsch

Das Dokument beschreibt ein internes Sicherheitsprotokoll für den Fall, dass Impfstoff versehentlich verschüttet wird – also eine Maßnahme zum Arbeitsschutz, nicht zum Schutz vor einem „hochgiftigen Stoff“. Die italienische Gesundheitsbehörde und ein Virologe bestätigen, dass es sich um Standardmaßnahmen der biologischen Sicherheit handelt. Daraus abzuleiten, der Impfstoff sei für Geimpfte gefährlich, ist sachlich falsch und verzerrt den Kontext.

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Analyse – Die Fakten dahinter

Screenshot der Behauptung auf Social Media; Italienischer Sicherheitsvermerk wird fälschlich als Beleg für „gefährliche“ mRNA-Impfstoffe genutzt
Screenshot der Behauptung auf Social Media

1. Was in dem Sicherheitsvermerk wirklich steht

  • Das Schreiben vom 31. Dezember 2020 stammt von Asl4 Liguria, einer lokalen Gesundheitsbehörde in Norditalien, und bezieht sich ausdrücklich auf den Covid-19-Impfstoff Comirnaty.
  • Titel: sinngemäß „Betriebliche Handhabung bei versehentlichem Verschütten aufgrund eines Bruchs der Impfstoff-Ampulle“.
  • Vorgesehen sind u. a.:
    • Absperren des Bereichs und Lüften des Raums
    • Tragen von Schutzkittel, Überschuhen, FFP2-Maske, Gesichtsschutz/Schutzbrille, Handschuhen
    • Aufnahme von Glasscherben in einen Behälter für scharfe Gegenstände
    • Aufnehmen der Flüssigkeit mit saugfähigem Material
    • Dekontamination der Fläche mit Natriumhypochlorit (Bleichmittel)
    • Entsorgung von Einwegmaterial als biologischer Abfall, Desinfektion wiederverwendbarer Gegenstände nach Standardprotokoll

Die Behörde bestätigte, dass es sich um eine interne Mitteilung handelt, ohne eigenständige pharmakologische Bewertung. Zweck ist der Schutz des Gesundheitspersonals in der Frühphase der Impfkampagne auf Grundlage der italienischen Arbeitsschutzgesetze (u. a. Legislativdekret 81/2008).

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2. Standard-Biosicherheit, kein „Giftalarm“

  • Asl4 betont, dass „maximale Schutzmaßnahmen“ beim Bruch von Fläschchen gewählt wurden, um versehentlichen Haut- oder Augenkontakt, das Einatmen von Aerosolen oder Kontamination von Flächen zu vermeiden.
  • Die beschriebenen Schritte entsprechen guten Laborpraktiken bei verschütteten biologischen oder pharmazeutischen Produkten.
  • Die Schutzausrüstung ist dieselbe, die medizinisches Personal während der Pandemie ohnehin im Kontakt mit Patient:innen trug. Die Behörde stellt klar: Die beschriebenen Verfahren sind kein außergewöhnliches Protokoll.

Der Virologe Fabrizio Pregliasco ordnet das als Biosicherheitsniveau BSL-1+ ein – Standardvorsichtsmaßnahmen für biologische Produkte mit geringem Risiko. Das Dokument belege nicht, dass der Impfstoff „gefährlich“ sei, sondern dass Arbeitsschutzregeln eingehalten werden.

3. Warum Bleichmittel verwendet wird

  • Natriumhypochlorit (Bleichmittel) ist ein übliches Desinfektionsmittel zur Reinigung potenziell kontaminierter Oberflächen.
  • Italienische Behörden und das Istituto Superiore di Sanità empfehlen bei biologischem Material Bleiche in einer Konzentration von etwa 0,1–0,5 %.
  • Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Bleichmittel bzw. vergleichbare Desinfektionsmittel, um biologisches Material auf Oberflächen zu inaktivieren. Während der Pandemie wurden 0,1 % Natriumhypochlorit z. B. auch für die Reinigung normaler Haushaltsoberflächen empfohlen, um Virusübertragungen zu verringern.

Die Nutzung von Bleichmittel ist daher kein Hinweis auf besondere Giftigkeit, sondern eine gängige Maßnahme der Flächendesinfektion.

4. Sicherheitsbewertung der mRNA-Impfstoffe

  • Italien hat seit Ende 2020 über 150 Millionen Impfdosen verabreicht und eine hohe Impfquote erreicht. Nationale Behörden wie die Arzneimittelagentur AIFA und das ISS stufen den mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer als sicher und wirksam ein und empfehlen ihn weiterhin zur Covid-19-Prävention.
  • Studien aus Italien und anderen Ländern zeigen, dass Geimpfte ein deutlich geringeres Risiko für Infektion, Krankenhausaufenthalt, Intensivbehandlung und Tod haben als Ungeimpfte.
  • Die WHO schätzt, dass Covid-Impfungen in Europa seit 2020 die Zahl der Todesfälle um mehr als die Hälfte reduziert und zahlreiche Menschenleben gerettet haben.
  • Eine große internationale Studie des Global Vaccine Data Network mit Daten von über 99 Millionen geimpften Personen bestätigt:
    • Seltene Nebenwirkungen (z. B. Myokarditis, Perikarditis, bestimmte neurologische Ereignisse) wurden beobachtet, sind aber insgesamt sehr selten.
    • Das Risiko schwerer Komplikationen nach einer Covid-19-Infektion ist vielfach höher als nach der Impfung.

Die Gesamtschau der Daten ergibt: Nutzen und Schutzwirkung der Impfstoffe überwiegen die bekannten Risiken deutlich. Das steht im klaren Widerspruch zu der Behauptung, das Dokument belege eine generelle „Gefährlichkeit“ von mRNA-Impfstoffen.

Wirkung & Mechanismus

Das geteilte Schreiben wirkt, weil Bilder von Schutzanzügen, Masken und Bleichmittel spontan mit „Hochrisiko“ oder „Giftstoff“ verbunden werden. Die Beiträge blenden aus, dass solche Maßnahmen in Laboren und Kliniken Standard sind – auch bei relativ harmlosen biologischen Substanzen.
Die verkürzte Darstellung nutzt das diffuse Unbehagen gegenüber mRNA-Technologie und die Nachwirkung der Pandemie, um Zweifel zu verstärken. Durch die Loslösung des Dokuments von seinem Arbeitsschutz-Kontext entsteht der Eindruck eines „versteckten Eingeständnisses“, obwohl die Behörde das genaue Gegenteil erklärt.

Fazit

Das italienische Dokument beschreibt übliche Sicherheitsmaßnahmen beim Bruch von Impfstoffampullen und liefert keinen Beleg dafür, dass der mRNA-Impfstoff Comirnaty für Geimpfte gefährlich oder toxisch wäre.

Faktenbarometer

Bewertung: 🟥 Manipulativ
Ein internes Arbeitsschutzprotokoll wird aus dem Kontext gerissen und als angeblicher Beweis für eine besondere Giftigkeit von mRNA-Impfstoffen dargestellt, obwohl es lediglich Standardregeln zur Biosicherheit und Desinfektion beschreibt.

Quelle: https://faktencheck.afp.com/doc.afp.com.83WF4CQ

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