Die Behauptung
Auf1 und ähnliche Portale verbreiten, eine „neue Studie im Journal of Medical Virology“ habe bei allen untersuchten Menschen nach einer Covid-Impfung Mikro-Blutgerinnsel („microclots“) nachgewiesen, die zu schweren Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Krebs führen könnten. Als Kronzeuge dient der US-Epidemiologe Nicolas Hulscher, der von einem „weltweiten Alarm“ spricht.
Aufgestellt von: Nachrichtenportal
Faktencheck: Falsch
Die Studie existiert – aber sie untersucht Long Covid, nicht Impfungen.
Sie zeigt nicht, dass alle Geimpften gefährliche Microclots haben. Und sie erwähnt keine Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson oder Krebs im Zusammenhang mit der Impfung.
Die dramatischen Aussagen beruht auf einer politisch gefärbten Interpretation eines Blogs, die nicht mit den Aussagen der Originalstudie übereinstimmt.
FAQ: Was ist dran an Auf1s Meldung über angebliche „Mikro-Blutgerinnsel bei allen Geimpften“?
Behauptet Auf1 wirklich, dass „bei allen untersuchten Menschen nach Covid-Injektion“ Mikro-Blutgerinnsel gefunden wurden?
Ja, diese Behauptung steht wörtlich im Artikel.
Sie ist falsch.
Die Studie, auf die sich Auf1 bezieht, untersucht Long Covid, nicht Impfungen.
Sie zeigt: Menschen mit Long Covid haben mehr und größere Microclots als gesunde Kontrollpersonen.
Das hat nichts mit der Impfung zu tun.
Stimmt es, dass diese angeblichen Gerinnsel „nach der Covid-Injektion“ entstanden sind?
Nein. Dafür gibt es keinen Hinweis in der Studie.
– Die Studie erfasst Impfstatus und Infektionsgeschichte nicht sauber genug, um Kausalitäten zu ziehen.
– Sie vergleicht Long Covid vs. gesund.
– Sie untersucht nicht, was nach einer Impfung im Blut passiert.
Die Formulierung „nach der Covid-Injektion“ ist frei erfunden.
Gibt es wirklich eine „neue Studie im Journal of Medical Virology“?
Ja – aber Auf1 nennt den Titel nicht und verlinkt sie nicht.
Es handelt sich um:
Thierry et al. (2025): Circulating Microclots… in Long COVID Patients
DOI: https://doi.org/10.1002/jmv.70613
Warum Auf1 die Studie nicht verlinkt, bleibt offen – dadurch kann niemand deren Inhalt überprüfen, ohne selbst mühsam zu recherchieren. Dabei wäre eine direkte Quellenverlinkung bei wissenschaftlichen Behauptungen eigentlich Standard.
Hat die Studie gefunden, dass „Microclots bei allen Menschen nach Impfung“ auftreten?
Nein. Das steht nicht in der Studie.
Die Autor:innen berichten:
– kleine Microclots kommen auch bei Gesunden vor
– bei Long Covid sind sie deutlich verstärkt
– die Impfung spielt in der Studie keine Rolle
Auf1 zieht hier eine Gleichsetzung, die durch die Studiendaten nicht gedeckt ist.
Sind diese Microclots wirklich „voller fehlgefalteter Proteine“ und „toxisch“?
Die Studie beschreibt, dass Microclots amyloidähnliche Strukturen enthalten können.
Das bedeutet:
– Sie sind mit Thioflavin-T färbbar
– Das passiert auch bei vielen nicht pathologischen Proteinfaltungen
– Der Begriff „toxisch“ stammt nicht aus der Studie
Die Begriffe „Alzheimer“, „Parkinson“ und „Krebs“ kommen in der Studie nicht vor.
Behauptet die Studie, die Microclots seien eine „Nebenwirkung der Impfung“?
Nein.
Im Gegenteil:
– Die Studie thematisiert Long Covid
– Sie untersucht mögliche diagnostische Marker
– Die Autor:innen diskutieren keinerlei Impfeffekte
– Sie schreiben explizit, dass weitere Forschung nötig ist, weil „association ≠ causation“
Im Beitrag von Auf1 wird dieser Zusammenhang jedoch in eine gegenteilige Richtung interpretiert.
Ist es korrekt, dass Long-Covid-Patienten „20-mal mehr“ Mikrogerinnsel hatten?
Ja – das stimmt.
Aber eben bei Long Covid, nicht „nach Impfung“.
Diese 20-fache Erhöhung ist ein wissenschaftlicher Hinweis auf thromboinflammatorische Prozesse bei Long Covid.
Das hat nichts mit Impfungen zu tun.
Wer ist Nicolas Hulscher – und warum zitiert Auf1 ihn?
Hulscher arbeitet in der McCullough Foundation in Dallas und verfügt über einen Master of Public Health (MPH) mit Schwerpunkt Epidemiologie von der University of Michigan sowie einen Bachelor of Science in Gesundheitswissenschaften der Oakland University. Er tritt häufig als Co-Autor im Umfeld des umstrittenen Internisten Peter A. McCullough auf und veröffentlicht vor allem zu mutmaßlichen Risiken und Nebenwirkungen der COVID-19-Impfstoffe, etwa Myokarditis oder angebliche „negative Wirksamkeit“.
Mehrere seiner zentralen Aussagen wurden von unabhängigen wissenschaftlichen Plattformen als irreführend oder nicht evidenzbasiert eingestuft.
Trotzdem übernimmt Auf1 seine Interpretation ungeprüft – obwohl Hulschers Schlussfolgerungen nicht mit den Daten der Originalstudie übereinstimmen und in dieser Form wissenschaftlich nicht gedeckt sind.
Hat die Studie irgendeinen Zusammenhang zwischen Impfung und Microclots festgestellt?
Nein. Kein einzigen.
– Es gibt keine Kontrollgruppe „ungeimpft ohne Covid“
– keine systematische Impfstatus-Auswertung
– keine mechanistische Untersuchung der Impfung
– keine Kausalität
Die Studie untersucht Long Covid, nicht Impfnebenwirkungen.
10. Was ist das wissenschaftliche Gesamtbild?
– Microclots sind bei Long Covid dokumentiert.
– Microclots kommen auch bei Gesunden vor, aber viel weniger.
– Microclots sind kein Beleg für „Impfschäden“.
Bei Auf1 wird aus einer Grundlagenstudie ein dramatisierendes Impf-Narrativ konstruiert, das wissenschaftlich nicht gestützt ist.
FAQ: Was steht wirklich in der Studie „Circulating Microclots… in Long COVID Patients“?
(Journal of Medical Virology, 02. Oktober 2025, DOI: 10.1002/jmv.70613)
Worum geht es in der Studie überhaupt?
Die Studie untersucht Long Covid und nicht Impfungen.
Sie fragt:
Ob kleine zirkulierende Gerinnsel („microclots“) bei Long-Covid-Patient:innen häufiger vorkommen und wie sie mit sogenannten Neutrophil Extracellular Traps (NETs) zusammenhängen.
NETs sind Bestandteile der Immunabwehr, können aber bei übermäßiger Aktivierung Entzündungen und Gerinnungsprozesse verstärken.
Die Studie will verstehen, warum Long Covid bei manchen Menschen anhält.
Welche Personen wurden untersucht?
Die Studie umfasst:
– 50 Long-Covid-Patienten
– 38 gesunde Kontrollpersonen
Alle wurden hinsichtlich Microclots und NETs-Marker untersucht.
Wichtig:
– Es gibt keine Vergleichsgruppe „nur geimpft, nie infiziert“.
– Die Studie bewertet nicht die Impfung.
Was sind Microclots laut Studie genau?
Die Autoren verwenden den Begriff „microclots“ für:
„kleine, zirkulierende fibrin-amyloidogene Komplexe, die unabhängig von Thrombin entstehen und fibrinolytisch resistent sind.“
Wesentlich:
– Microclots wurden vor Jahren auch bei anderen Erkrankungen beschrieben.
– Sie werden mit Thioflavin T (ThT) sichtbar gemacht – ein Farbstoff, der amyloidähnliche Proteinfaltungen anzeigt.
Das bedeutet nicht, dass diese Strukturen zwangsläufig toxisch sind.
Was fand die Studie bei gesunden Menschen?
Die Studie sagt explizit:
„Plasma from healthy individuals contains low numbers of microclots of low sizes.“
Das heißt:
– Gesunde Menschen haben immer Microclots.
– Die Microclots sind klein und wenige.
– Das ist ein normaler physiologischer Hintergrundbefund.
Die Studie behauptet nicht, dass diese Microclots gefährlich
Was fand die Studie bei Long-Covid-Patienten?
Long-Covid-Patient:innen hatten im Vergleich zu Gesunden:
– viel mehr Microclots
– größere Microclots
– stark erhöhte NETs-Marker (Myeloperoxidase, Neutrophil-Elastase, zirkulierende DNA)
Die Unterschiede sind extrem deutlich (teilweise 15–20-fach).
Das ist der zentrale Befund.
Hat die Studie „Microclots bei allen“ gezeigt?
Ja – aber mit einer wichtigen Einschränkung:
– Alle Gesunden hatten kleine und wenige Microclots
– Alle Long-Covid-Patienten hatten viele und größere Microclots
Dieser Befund bedeutet nicht, dass die Microclots durch eine Impfung verursacht wurden.
Er bedeutet:
Bei Long Covid kommt es offenbar zu einer dauerhaften Fehlregulation von Blutgerinnung und Entzündung.
Woher kommt der Zusammenhang mit Amyloid?
Thioflavin T färbt amyloidähnliche Proteine an.
Die Studie erklärt:
– dass Microclots auch amyloidähnliche Proteinfaltungen enthalten können,
– aber nicht, dass sie toxisch sind oder degenerative Erkrankungen auslösen.
Die genannten Beispiele auf Auf1 (Alzheimer, Parkinson, Krebs) stehen nirgendwo im Papier.
Wird die Impfung in der Studie überhaupt untersucht?
Nein.
Die Studie erhebt zwar demografische Daten – einschließlich Impfstatus –, aber:
– es gibt keine Auswertung nach Impfstatus,
– es gibt keine Gruppe „nur geimpft ohne Infektion“,
– es gibt keine Analyse, ob Impfung Microclots verursacht.
Die Autoren sprechen nirgendwo von Impfschäden.
Welche Ursache vermuten die Autoren für Microclots?
Die Studie bezieht sich ausschließlich auf:
– Long Covid
– Thromboinflammation
– Immundysregulation nach SARS-CoV-2-Infektion
Sie schreiben:
„NETs may be a component of circulating microclots… and might contribute causally to the LC syndrome.“
Das heißt:
Die Autoren vermuten, dass ein überaktives Immunsystem nach einer Infektion Microclots stabilisiert und so Long Covid fördert.
Behauptet die Studie, Microclots seien gefährlich?
Nicht pauschal.
Die Autoren beschreiben:
– Microclots können fibrinolytisch resistent sein
– und sich mit NETs verbinden
– was bei Long Covid pathologische Folgen haben könnte
Sie machen keine Aussage über:
– Alzheimer
– Parkinson
– Krebs
– „globale Gefäßschäden“
Das sind reine Zuspitzungen von Auf1 und Hulscher.
Wofür könnten Microclots laut Studie nützlich sein?
Als potenzielle Biomarker.
Die Autoren schreiben mehrfach:
– dass Microclots + NETs eine diagnostische Rolle spielen könnten
– dass sie Long Covid von Gesunden gut unterscheiden
– dass sie Grundlage für zukünftige Tests sein könnten
Es geht um Medizin, nicht um politische Impfdebatten
Was sind die wichtigsten Schlussfolgerungen der Autoren?
Kurz:
– Microclots kommen bei allen Menschen vor, bei Long Covid jedoch massiv häufiger.
– NETs und Microclots hängen strukturell zusammen.
– Diese Verbindung könnte ein Mechanismus für Long Covid sein.
– Microclots + NETs könnten Long Covid diagnostisch abgrenzen.
– Weitere Forschung ist nötig.
– Keine Aussage zur Impfung.
– Keine toxischen Katastrophenbehauptungen.
Fazit:
Der Beitrag von Auf1 stellt den tatsächlichen Inhalt der wissenschaftlichen Long-Covid-Studie stark verzerrt dar und führt Leser:innen dadurch in die Irre.
Die Originalstudie
- untersucht Long Covid
- macht keine Aussage über Impfnebenwirkungen
- belegt nicht, dass alle Geimpften gefährliche Microclots hätten
- warnt vor nichts und niemandem
Die dramatischen Behauptungen stammen aus einem politisierten Blogeintrag und haben keinen wissenschaftlichen Wert.
Hinweis in eigener Sache:
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