Wenn aus Mitleid Manipulation wird – So begann die neue Desinformationswelle
Anfang November 2025: Auf TikTok und YouTube tauchen plötzlich Videos auf, die direkt ins Herz zielen. Sie zeigen angeblich ukrainische Soldaten. Weinend. Zusammenbrechend. Flehend. In Uniform, mit blutverschmiertem Gesicht, oft mit erhobenen Händen, oft mit zitternder Stimme. In vielen Fällen sagen sie Sätze wie:
„Wir wurden zwangsrekrutiert. Jetzt schicken sie uns nach Pokrowsk. Wir wollen das nicht. Bitte… Mama, Mama, ich will nicht!“
Hunderttausende Menschen klicken. Tausende kommentieren. Viele glauben, was sie sehen. Doch was aussieht wie ein echter Hilferuf vom Schlachtfeld, ist nichts weiter als eine perfekte Lüge. Inszeniert. Gefaked. Generiert von der neuesten Version eines KI-Tools namens Sora 2, entwickelt vom US-Unternehmen OpenAI.
Besonders perfide: In vielen dieser Videos wurden die Gesichter realer Menschen gestohlen. Der bekannteste Fall ist der russische Livestreamer Aleksei Gubanov, der inzwischen in New York lebt und regelmäßig auf Twitch streamt. Plötzlich sah er sich selbst in einem dieser Clips – als angeblicher ukrainischer Soldat.
„Ich dachte zuerst, das wäre ein schlechter Scherz“, so Gubanov gegenüber NBC News. „Doch dann sah ich, wie schnell das Video viral ging – und wie viele es für echt hielten.“
In dem Video trägt sein digitales Ich eine ukrainische Uniform, spricht Russisch, fleht um Gnade. Die Emotionen sind greifbar – aber komplett erfunden. Gubanov war nie Soldat. Nie in der Ukraine. Und doch wurde er zur Figur in einem perfiden Propagandaspiel.
So funktioniert die Lügen-Maschine – KI, Deepfakes und digitale Kriegsführung
Die Technik dahinter ist so mächtig wie erschreckend simpel: Text rein, Video raus. Sora 2, der KI-Video-Generator von OpenAI, kann auf Basis eines Textes realistisch wirkende Szenen mit echten Stimmen, echten Gesichtern und echten Emotionen erzeugen. Im Kino ein Durchbruch – im Krieg eine Katastrophe.
NBC News analysierte 21 Videos, die seit November auf Social Media kursierten. Mindestens die Hälfte davon trugen ein eingeblendetes Logo von „Sora 2“. In einigen wurden Gesichter von bekannten Streamern wie Gubanov verwendet. In anderen sah man gleich ganze Gruppen ukrainischer Soldaten, wie sie sich scheinbar ergeben – mit erhobenen Händen und weißen Fahnen im Hintergrund.
Klingt nach Hollywood, ist aber russische Desinformation pur.
Die Perfektion ist dabei erschreckend. Viele Videos enthalten keinerlei typische KI-Fehler. Kein Flackern. Kein Ghosting. Kein Bildrauschen. Selbst spezialisierte KI-Detektoren scheitern teils daran, die Videos eindeutig als Fakes zu identifizieren. Nur wer genau hinsieht, erkennt Details wie:
- Helme ohne Tarnbezug
- Kinnriemen, die unrealistisch glatt wirken
- Uniformen mit simplifizierten Details oder falschen Abzeichen
- Emotionale Untertitel in mehreren Sprachen, um globale Empathie zu erzeugen
Noch absurder: Manche Videos entfernten oder überlagerten absichtlich das Wasserzeichen von Sora, das die KI-Generierung eigentlich erkennbar machen soll. In einem Fall wurde das Wasserzeichen durch einen eingeblendeten Textblock verschleiert.
Und obwohl OpenAI angeblich „grafische Gewalt“ verbietet, fand NBC News ein Sora-Video, in dem ein angeblicher ukrainischer Soldat auf offener Straße am Kopf erschossen wird.
Wie kann so etwas überhaupt online bleiben?
Perfektion mit Pixeln – Warum viele Fakes nicht mehr als solche zu erkennen sind
Die Deepfakes, die aktuell TikTok, YouTube Shorts und Facebook fluten, wirken nicht einfach nur realistisch – sie sind gemacht, um nicht mehr hinterfragt zu werden. NBC News verglich 21 solcher Videos direkt mit offiziellen Bildern vom ukrainischen Generalstab. Die Unterschiede? Winzig. Aber verräterisch.
Einige der KI-generierten Soldaten trugen Helme ohne Tarnüberzug, mit glattpolierten Schrauben statt matter Befestigungen. Kinnriemen wirkten wie frisch aus einem 3D-Render, Uniformen stimmten nur in groben Zügen. Für das ungeschulte Auge: komplett echt. Für Profis: eine Falle mit Pixeln.
Hinzu kommt die Sprachebene: Nur 8 von 21 analysierten Clips enthalten ukrainische Sprache. Der Rest setzt auf Russisch – bewusst, um Misstrauen zu säen und die Fakes auf russischsprachige Zielgruppen glaubwürdiger wirken zu lassen. Viele Clips tragen zudem emotionale Untertitel in Englisch, Arabisch oder Spanisch – ein eindeutiges Signal: Diese Fälschungen sind für die ganze Welt gemacht.
Und für alle, die noch an Zufall glauben: In den Metadaten vieler Clips taucht das Sora-Wasserzeichen auf – manchmal sichtbar, manchmal entfernt oder durch eingeblendete Texte verschleiert.
NBC zitiert den Betroffenen Aleksei Gubanov: „Ich war nie beim Militär. Aber mein Gesicht bettelte plötzlich für Russland. Das war nicht ich.“
Fazit: Die Täuschung ist so gut, dass selbst erfahrene Analyst:innen wie Alice Lee von NewsGuard warnen:
„Viele scrollen einfach vorbei – und wissen nicht, dass sie belogen wurden.“
Digitale Desinformation: Wer steckt dahinter – und warum?
Die Spur führt wieder einmal nach Russland. Seit Beginn der Invasion im Februar 2022 setzen Kreml-nahe Akteure auf digitale Manipulation: gefälschte Livestreams, manipulierte Bilder, bearbeitete Tonaufnahmen. Doch mit den neuen KI-Werkzeugen erreicht diese Propagandamaschinerie ein völlig neues Level.
Das Ziel ist klar: Verunsicherung. Polarisierung. Erschütterung der internationalen Unterstützung für die Ukraine.
Denn der Zeitpunkt ist kein Zufall. Die Fake-Videos kursieren parallel zu den laufenden Friedensgesprächen zwischen der Ukraine, den USA und westlichen Verbündeten. Laut einer aktuellen Umfrage des Kyiv International Institute of Sociology lehnen 75 Prozent der Ukrainer:innen russische Friedensvorschläge kategorisch ab. 62 Prozent sagen, sie seien bereit, den Krieg so lange fortzuführen, wie nötig.
Solche Entschlossenheit passt nicht in Putins Narrativ. Deshalb müssen Bilder her, die das Gegenteil behaupten. Bilder von Soldaten, die weinen. Von Soldaten, die sagen: „Wir wollen nicht mehr.“ Auch wenn es nie gesagt wurde.
Und die Plattformen? Reagieren – mal wieder – zu spät. Zwar wurden viele TikTok-Videos mittlerweile entfernt, laut TikTok sogar „noch bevor Nutzer sie melden konnten“. Doch auf YouTube, X und Facebook sind viele Clips weiterhin abrufbar – teils unter neuem Namen, neuem Account, neuem Schnitt.
Ein YouTube-Sprecher sagte gegenüber NBC News, zwei der gemeldeten Videos „verletzten keine Richtlinien“ und wurden lediglich mit dem Hinweis „KI-generiert“ versehen.
Willkommen in der neuen Weltordnung: Die Wahrheit ist optional.
Was du tun kannst – So erkennst du die Täuschung im Feed
Niemand ist gefeit vor diesen Tricks. Doch wer weiß, worauf zu achten ist, kann sich schützen. Hier sind die wichtigsten Hinweise:
- Sprache analysieren: In den meisten Fakes sprechen die Soldaten Russisch – obwohl sie ukrainisch sein sollen. Ein klares Warnsignal.
- Uniformen prüfen: Fehlende Tarnung am Helm, falsch sitzende Abzeichen oder spiegelglatte Kinnriemen deuten auf KI hin.
- Quelle hinterfragen: Wer hat das Video gepostet? Wann? Mit welchem Zweck? Profile mit wenigen Followern oder ohne echte Identität sind verdächtig.
- Emotionen hinterfragen: Wenn du sofort Mitleid, Wut oder Zweifel verspürst – halte inne. Genau diese Reaktion ist gewollt.
- Wasserzeichen erkennen: Achte auf Hinweise wie das Sora-Logo oder subtile Einblendungen, die auf eine KI-Erstellung hindeuten.
- Reposts entlarven: Gelöschte Inhalte tauchen oft leicht verändert wieder auf. Achte auf Layout, Schnitt und Textüberlagerungen.
Wichtigster Tipp: Teile niemals Inhalte, deren Herkunft du nicht kennst. Jeder Share macht dich zum Verstärker einer möglichen Lüge.
FAQ – Typische Fragen zum KI-Fake-Krieg
Kann KI wirklich solche realistischen Videos erzeugen?
Ja. Tools wie Sora 2 erzeugen hyperrealistische Videos mit Stimmen, Mimik und Emotionen, die täuschend echt wirken – selbst für Profis.
Warum erkennt man die Videos nicht als Fake?
Weil sie oft keine typischen Fehler enthalten. Viele Plattformen erkennen sie nicht als problematisch – oder deklarieren sie nur als „KI-generiert“.
Was macht OpenAI dagegen?
Wenig. Obwohl OpenAI offiziell Gewalt, Täuschung und Extremismus verbietet, tauchten mehrere brutale und manipulative Videos mit Sora-Wasserzeichen auf.
Sind die Videos in Russland erlaubt?
Nein. TikTok und YouTube sind in Russland verboten – aber genau dort entstehen viele der Videos, die dann gezielt im Westen verbreitet werden.
Gibt es technische Möglichkeiten, die Videos sicher zu erkennen?
Nur begrenzt. Tools wie NewsGuard oder KI-Forensik helfen, aber viele Deepfakes bleiben selbst für Algorithmen unerkennbar.
Wird das noch schlimmer?
Ja. Laut Expertin Nina Jankowicz (American Sunlight Project) ist das erst der Anfang. Selbst wenn Sora härtere Regeln einführt, werden andere Tools folgen.
Fazit: Die Wahrheit stirbt leise – wenn wir sie nicht verteidigen
Diese Videos sind mehr als nur Propaganda. Sie sind eine neue Form der Kriegsführung. Ohne Bomben. Ohne Kugeln. Aber mit tödlicher Wirkung. Denn sie zielen auf das, was Demokratien am meisten brauchen: Vertrauen.
Russland hat erkannt, dass nicht die Front entscheidet – sondern der Feed. Wenn wir das akzeptieren, verlieren wir mehr als den Krieg. Wir verlieren die Realität.
Bleib wachsam. Teile nichts ungeprüft. Und vor allem: Lass dich nicht von Tränen täuschen, die nie geweint wurden.
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