Selbst ernannte Experten: Wie aus unserer Sorge ein Geschäft wird

Zu fast jeder Frage gibt es auf Social Media jemanden, der die Antwort ganz sicher kennt. Heikel wird es, wenn die Belege mit dem Auftritt nicht mithalten – und aus unserer Sorge ein Geschäft wird.

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Ob Gesundheit, Geld oder Politik: Auf Social Media findet sich zu fast jeder Frage jemand, der die Antwort mit großer Sicherheit kennt. Oft gleich mit dazu kommt die Botschaft, dass alle anderen es nicht verstanden hätten – oder es verschweigen würden. Manche dieser Menschen wissen tatsächlich, wovon sie reden. Andere klingen nur so. Und bei manchen wartet unter dem Video ein Rabattcode.

Auf den ersten Blick ist der Unterschied kaum zu sehen. Ob jemand seriös wirkt, entscheiden wir meist in wenigen Sekunden. Ob er recht hat, lässt sich so schnell nicht klären – und genau in dieser Lücke entsteht das Problem.

Kurz gesagt
Das Wichtigste in drei Punkten
  • Ein professioneller Auftritt sagt nichts darüber, ob eine Aussage stimmt. Entscheidend sind die Belege.
  • Auch ein Titel entscheidet das nicht allein. Ein abgebrochenes Studium widerlegt kein Argument, ein Doktortitel ersetzt keinen Beleg.
  • Wer an Verunsicherung mitverdienen kann, etwa über Reichweite, Rabattcodes oder Provisionen, verdient einen genaueren Blick. Falsch wird eine Aussage dadurch aber nicht automatisch.

Eine gute Kamera macht keinen Gedanken richtiger

Dazu gehört oft ein professioneller Auftritt: gutes Licht, ein schön unscharfer Hintergrund und ein Mikrofon, mit dem man vermutlich auch fürs Radio aufnehmen könnte. Ein Homestudio ist nichts Verdächtiges. Auch hervorragende Wissensvermittlung entsteht am Schreibtisch daheim. Nur wird ein Gedanke durch eine gute Kamera nicht richtiger. Blödsinn lässt sich inzwischen in ausgezeichneter Tonqualität verbreiten.

Wer auf Social Media als Experte auftritt, muss deshalb dieselbe Frage aushalten wie jede andere Informationsquelle: Woher weißt du, dass das stimmt? Ein selbstsicheres Gesicht beantwortet diese Frage nicht. Die Zahl der Menschen, die darunter applaudieren, auch nicht.

Was Eindruck macht – und was etwas belegt
Beides kann im selben Video vorkommen. Nur eine Seite hilft beim Prüfen.
Wirkt überzeugend
  • Profi-Mikrofon und gutes Licht
  • Selbstsicherer, ernster Tonfall
  • Viele Follower und Likes
  • Eine Studie wird kurz eingeblendet
  • Der Satz „Das ist wissenschaftlich belegt“
Hilft beim Prüfen
  • Die Behauptung ist klar und konkret formuliert
  • Der Beleg lässt sich selbst öffnen
  • Der Beleg sagt auch, was behauptet wird
  • Unabhängige Fachleute stützen die Schlussfolgerung
  • Fehler werden sichtbar korrigiert
Links steht nichts Unseriöses. Nichts davon macht eine Aussage falsch – aber auch nichts davon macht sie richtig.

Der Titel allein entscheidet es nicht

Die Gegenreaktion führt allerdings schnell in die falsche Richtung. „Der hat ja nicht einmal sein Studium abgeschlossen“, heißt es dann – als wäre damit jede Behauptung erledigt. Ein Studienabbruch widerlegt aber kein Argument. Menschen können sich auch ohne akademischen Abschluss fundiertes Wissen erarbeiten. Umgekehrt kann jemand mit Doktortitel außerhalb seines Fachgebiets Unsinn erzählen – oder innerhalb seines Fachgebiets Dinge behaupten, die seine eigenen Belege nicht hergeben.

Wichtig sind deshalb zwei Fragen: Welche Kompetenz bringt jemand für genau dieses Thema mit? Und wie nachvollziehbar arbeitet er? Wer eine wissenschaftliche Ausbildung erwähnt, darf nach Fachrichtung und Abschluss gefragt werden. Wer Studien als Beleg verwendet, muss sich daran messen lassen, ob sie seine Schlussfolgerungen wirklich tragen. Das ist keine persönliche Kränkung, sondern eine ganz normale Erwartung an jemanden, der andere öffentlich belehrt.

Die Studie gibt es wirklich. Und trotzdem …

Am schwierigsten wird es dort, wo tatsächlich etwas stimmt. Eine erfundene Studie lässt sich als erfunden entlarven. Eine echte Studie, die irreführend zusammengefasst wird, ist viel kniffliger. Die Untersuchung existiert, die auffällige Zahl steht wirklich drin, und im Video wird sogar die betreffende Seite eingeblendet. Das wirkt überprüfbar. Ob die Zahl bedeutet, was der Vortragende daraus macht, ist damit aber noch nicht geklärt.

Ein ausgedachtes Beispiel: Eine Untersuchung findet einen Zusammenhang zwischen einem bestimmten Verhalten und gesundheitlichen Beschwerden. Im Video wird daraus: Dieses Verhalten verursacht die Beschwerden. Das ist nicht dasselbe. Im Sommer werden auch mehr Eis und mehr Sonnenbrillen verkauft, und trotzdem macht das eine nicht das andere. Andere Erklärungen kommen im Video nicht vor, und dass die Studie die Ursache gar nicht nachgewiesen hat, verschwindet hinter einem einzigen Satz: „Das ist wissenschaftlich belegt.“

So verschafft eine richtige Einzelinformation einer viel größeren Behauptung Glaubwürdigkeit. Wer auf den Fehler hinweist, bekommt womöglich die Studie noch einmal vorgehalten. Nur hat niemand bestritten, dass es sie gibt. Fragwürdig ist, was aus ihr gemacht wurde.

Warum das Prüfen so mühsam ist

Für das Publikum ist das anstrengend. Niemand kann zwischen Frühstück und Arbeitsbeginn sämtliche Quellen eines Videos überprüfen. Man müsste das Original lesen und unter Umständen noch Fachbegriffe nachschlagen, bevor überhaupt klar ist, wo die Verkürzung liegt. Der Vortragende braucht für seine Behauptung zwanzig Sekunden. Ihre Prüfung kann deutlich länger dauern.

Die bequeme Erklärung, die Leute würden eben „nichts mehr hinterfragen“, greift deshalb zu kurz. Wir alle müssen jeden Tag entscheiden, welchen Informationen wir vorläufig vertrauen, denn niemand kann jedes Thema selbst erforschen. Genau daraus entsteht Verantwortung für Menschen, die sich als sachkundige Vermittler präsentieren. Sie wissen, wie ihr Video entstanden ist und warum sie welche Quelle ausgewählt haben. Ihr Publikum weiß das nicht.

Wo das Geld herkommt

Besonders heikel wird diese Verantwortung, wenn sich mit Verunsicherung Geld verdienen lässt. Social Media bietet dafür unterschiedliche Wege. Plattformen können zugelassene Kanäle an ihren Einnahmen beteiligen, dazu kommen bezahlte Kooperationen. Bei sogenannten Affiliate-Links bekommt der Empfehlende je nach Vereinbarung eine Provision, wenn darüber zum Beispiel ein Kauf zustande kommt.

Auf Facebook heißt das zentrale Programm „Facebook Content Monetization“, also sinngemäß: Geld verdienen mit Inhalten. Meta bezahlt darüber Creator für Reels und längere Videos, für Stories sowie für Foto- und Textbeiträge. Wie viel jemand bekommt, richtet sich laut Facebook for Creators danach, wie viele Aufrufe, Wiedergaben und Interaktionen die berechtigten öffentlichen Beiträge erhalten. Dazu kommen laut Meta weitere Wege: Abos, sogenannte Stars, mit denen Fans Creator direkt unterstützen können, und bezahlte Markenkooperationen. Nach eigenen Angaben hat Facebook im Jahr 2025 fast drei Milliarden US-Dollar an Creator ausgezahlt.

Das heißt nicht, dass Facebook für Panikmache bezahlt. Wer teilnehmen will, muss Metas Monetarisierungsrichtlinien für Partner einhalten. Es heißt aber: Auch dort ist Aufmerksamkeit Geld wert. Wer mehr Menschen erreicht und mehr Reaktionen auslöst, kann mehr verdienen.

Ähnlich sieht es auf anderen Plattformen aus. YouTube nennt in seiner eigenen Hilfe neben Werbeeinnahmen auch Shopping-Angebote und bezahlte Kanalmitgliedschaften als mögliche Einnahmequellen. Überall gelten dafür Voraussetzungen und Regeln – nicht jeder Kanal und nicht jeder Aufruf bringt automatisch Geld.

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Verwerflich ist daran für sich genommen nichts. Gute Recherche kostet ebenfalls Geld, und verständliche Wissensvermittlung ist Arbeit. Die entscheidende Frage lautet, ob das Geschäftsmodell den Inhalt beeinflusst. Wird ein Produkt empfohlen, weil es sachlich gute Gründe dafür gibt? Oder wird die Geschichte so erzählt, dass am Ende möglichst viele Menschen auf den Verkaufslink klicken?

Erst die Sorge, dann der Rabattcode

Wie so ein Interessenkonflikt aussehen kann, zeigt ein ausgedachtes Beispiel. Ein Video erklärt alltägliche Müdigkeit zum Hinweis auf eine angeblich weitverbreitete, übersehene Belastung. Für andere Erklärungen bleibt kaum Platz. Anschließend wird ein Präparat vorgestellt, das genau dazu passen soll, und unter dem Video wartet ein Rabattcode. Wer kauft, verschafft dem Empfehlenden möglicherweise eine Provision.

So kann aus einer Sorge ein Verkauf werden
Ein ausgedachtes Beispiel. Es beschreibt ein mögliches Muster, keinen bestimmten Kanal.
1
Die Sorge
Etwas Alltägliches wird zum Zeichen einer übersehenen Gefahr erklärt.
2
Die Zuspitzung
Andere Erklärungen kommen kaum oder gar nicht vor.
3
Die Lösung
Ein Produkt wird vorgestellt, das genau dazu passen soll.
4
Der Link
Rabattcode oder Kauflink – womöglich mit Provision für den Empfehlenden.
Ein Rabattcode beweist nicht, dass eine Aussage falsch ist. Er zeigt aber, dass jemand an der Sorge mitverdienen kann – und dass sich genaues Hinsehen lohnt.

Die beunruhigende Darstellung und das Verkaufsangebot gehören dann zusammen betrachtet. Der wirtschaftliche Vorteil entsteht ja gerade dadurch, dass das Publikum die zuvor geschilderte Gefahr ernst nimmt. Ob die Behauptung stimmt, entscheidet sich weiterhin an ihren Belegen. Der finanzielle Zusammenhang erklärt nur, weshalb man besonders genau hinschauen sollte.

Das gilt auch dann, wenn gar kein Produkt verkauft wird. Ein Kanal, der von zahlenden Unterstützern lebt, kann ebenfalls unter Druck geraten, deren Erwartungen zu bedienen. Wer sich ein Publikum aufgebaut hat, das bei jedem Thema eine große Vertuschung erwartet, riskiert mit einer nüchternen Entwarnung möglicherweise Enttäuschung. Daraus kann ein Anreiz entstehen, den nächsten Anlass wieder möglichst bedrohlich darzustellen. Ob jemand diesem Anreiz tatsächlich folgt, muss im konkreten Fall untersucht werden.

Irrtum oder Absicht?

Aus einem falschen Video allein lässt sich ohnehin nicht ablesen, ob jemand bewusst täuscht. Manche Menschen überschätzen ihr Wissen oder glauben die Geschichten selbst, die sie verbreiten. Andere können gezielt mit irreführenden Darstellungen arbeiten. Für den Vorwurf einer absichtlichen Täuschung braucht es zusätzliche Belege. Um festzustellen, dass eine Aussage falsch oder gefährlich irreführend ist, muss man dagegen niemandem in den Kopf schauen.

Aufschlussreich ist deshalb, was nach einem nachvollziehbaren Hinweis auf einen Fehler passiert. Wird die Quelle noch einmal geprüft? Wird eine Korrektur sichtbar gemacht? Oder behandelt der Kanal jede sachliche Nachfrage als feindlichen Angriff?

„Man will mich zum Schweigen bringen“

Manchmal wird aus einem belegten Widerspruch sofort der angebliche Beweis, dass man „zum Schweigen gebracht“ werden solle. Damit entzieht sich der Inhalt der Prüfung. Die Aufmerksamkeit wandert von der Behauptung zur Person, die sich nun als Verfolgte präsentiert. Das Publikum soll Loyalität zeigen, obwohl eigentlich eine offene Sachfrage zu beantworten wäre. Die ursprüngliche Behauptung wird dadurch um keinen Millimeter belastbarer.

Mehr als ein Streit in den Kommentaren

Die möglichen Folgen reichen über einen ärgerlichen Kommentarstreit hinaus. Wer sich auf falsche Gesundheitsinformationen verlässt, kann notwendige Abklärungen aufschieben. Wer fragwürdige finanzielle Warnungen für verlässlich hält, kann Geld in ein zweifelhaftes Angebot stecken. Und wer ständig hört, alle anderen Informationsquellen seien grundsätzlich gekauft, verlässt sich womöglich zunehmend auf genau jene Person, deren eigene Interessen kaum jemand hinterfragt.

Oft reichen drei Fragen

Niemand muss deshalb jedes Video bis zur letzten Fußnote auseinandernehmen. Oft hilft es schon, bei der konkreten Aussage anzusetzen – und nicht beim Auftritt. Ein Link ist erst dann hilfreich, wenn sein Inhalt zur Behauptung passt. Genauso berechtigt ist die Frage nach dem Geld: Wer vom Publikum Misstrauen gegenüber allen anderen verlangt, sollte bei den eigenen Geschäftsbeziehungen besonders offen sein.

Zum Mitnehmen
Drei Fragen, bevor du einem Online-Experten glaubst
  • Was genau wird behauptet – und kann ich den Beleg öffnen?Eine eingeblendete Studie ist erst dann ein Beleg, wenn sie auch sagt, was im Video behauptet wird.
  • Sehen das unabhängige Fachleute genauso?Gemeint ist eine fachkundige Quelle ohne eigenes Interesse – nicht der Applaus in den Kommentaren.
  • Verdient jemand an meiner Sorge mit?Rabattcode, Kauflink, Kooperation, Spendenaufruf? Das macht eine Aussage nicht falsch. Es ist aber ein Grund, genauer hinzuschauen.
Keine dieser Fragen braucht Fachwissen. Seriöse Vermittler halten alle drei problemlos aus.

Seriöse Vermittlung erkennt man auch daran, dass sie Grenzen zulässt. Wer sich auskennt, kann erklären, warum eine Frage noch offen ist, und ändert seine Einschätzung, wenn bessere Belege vorliegen. Diese Bereitschaft zur Korrektur verdient mehr Vertrauen als ein Auftritt, bei dem die Antwort schon feststeht, bevor die Quellen gelesen wurden.

Ein gutes Mikrofon darf sich selbstverständlich jeder kaufen. Glaubwürdigkeit muss man sich mit der eigenen Arbeit verdienen. Und wer erst unsere Verunsicherung vergrößert und anschließend daran verdienen möchte, sollte zumindest damit rechnen, dass wir vor dem Kauf noch eine Frage stellen: Hält das, was du erzählst, auch ohne deine überzeugende Inszenierung stand?

Quellen


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