Sieben Wochen bis zur US-Wahl: Diese Fakes kommen auch zu uns

US-Wahlbehörden rechnen vor den Midterms fest mit Falschinformationen. Was davon in deutschsprachigen Feeds landen dürfte, warum die Masche hier schon bekannt ist, und woran ihr Fälschungen erkennt.

Wie funktioniert Desinformation im politischen Kontext? Antworten finden Sie im Leitfaden Politische Desinformation.

Stand der Recherche: 15. September 2026

Am 3. November wählen die USA alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus und einen Teil des Senats neu, beide Kammern haben derzeit republikanische Mehrheiten. Sieben Wochen vor der Wahl rechnen die Wahlbehörden dort fest mit Falschinformationen, wie eine Reuters-Recherche mit mehr als 50 Wahlverantwortlichen zeigt. Was in den USA kursiert, bleibt aber nicht dort. Angebliche Beweise für Wahlbetrug, aus dem Zusammenhang gerissene Videos und künstlich erzeugte Aufnahmen landen erfahrungsgemäß schnell auch in deutschsprachigen Telegram-Kanälen, WhatsApp-Gruppen und Facebook-Kommentaren, oft übersetzt und fast immer ohne Zusammenhang.

Wie gut solche Maschen über Grenzen hinweg funktionieren, zeigte sich erst Anfang September. Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt kursierte ein gefälschtes Video, in dem angeblich Briefwahlstimmen für die AfD aussortiert werden, verbreitet zuerst über englischsprachige Accounts ohne erkennbaren Bezug zum Bundesland. Das Rechercheprojekt Gnida ordnet es der russischen Kampagne Storm-1516 zu. Fast dieselbe Szene gab es 2024 vor der US-Präsidentschaftswahl in Pennsylvania und 2025 vor der Bundestagswahl in Leipzig und Hamburg. Wer die Muster bei der US-Wahl erkennt, erkennt sie auch bei der nächsten Wahl in Deutschland oder Österreich.

Kurz gesagt

Darauf solltet ihr bis nach der US-Wahl gefasst sein

  • Videos, die angeblich Wahlbetrug zeigen. Inszenierte Szenen mit Stimmzetteln tauchten 2024 in den USA, 2025 in Leipzig und Hamburg und Anfang September 2026 in Sachsen-Anhalt auf. Alle waren gefälscht – und KI macht solche Fälschungen billiger.
  • Zahlen, die nicht zusammengehören. Zwei echte Vorgänge können in einer Kurzmeldung zu einem einzigen verschmelzen, der so nie passiert ist.
  • Ergebnisse, die sich nach der Wahlnacht drehen. In den USA wird teils tagelang ausgezählt. Ein kippender Vorsprung allein ist kein Beweis für Manipulation.

Wer so etwas sieht: nicht gleich teilen, sondern uns schicken.

Womit die US-Wahlbehörden rechnen

Die Reuters-Recherche vom 15. September zeigt, wie ernst das Thema in den USA genommen wird. Fast alle der befragten Wahlverantwortlichen aus beiden großen Parteien gaben an, sich neben juristischen Auseinandersetzungen und Sicherheitsfragen gezielt auf Falschinformationen und Cyberangriffe vorzubereiten. Als Szenario nennen sie ausdrücklich ein überzeugendes Video, das einen Wahlhelfer beim Vernichten von Stimmzetteln zeigt, dazu KI-Chatbots, die erfundene Nachrichten weitertragen. Künstliche Intelligenz mache solche Inhalte billiger, schwerer erkennbar und leichter verbreitbar. Gleichzeitig wurde die US-Bundesbehörde CISA, die Fälschungen und Einflusskampagnen analysierte, laut Reuters 2025 stark verkleinert. CISA erklärt, man sei voll einsatzbereit, mehrere Wahlverantwortliche befürchten dagegen, dass Fälschungen künftig langsamer entlarvt werden.

Dieselbe Szene, drei Wahlen

Dass dieses Szenario keine Theorie ist, zeigt der Blick zurück. Im Oktober 2024 verbreitete sich ein Clip, in dem angeblich jemand Briefwahlstimmzettel aus Bucks County in Pennsylvania zerreißt; ODNI, FBI und CISA erklärten, russische Akteure hätten ihn nach Einschätzung der Nachrichtendienste hergestellt. Im Februar 2025 folgten in Deutschland Videos mit gefälschten Stimmzetteln aus Leipzig und ein Video, in dem angeblich Hamburger Briefwahlstimmen für die AfD geschreddert werden. Das Video aus Sachsen-Anhalt ist laut dpa-Faktencheck ebenfalls klar als Fälschung erkennbar: Alle drei gezeigten Wahlscheine sind auf denselben Namen und dieselbe Nummer ausgestellt, den Stimmzetteln fehlt die übliche Lochung für Wahlschablonen, und die Umschläge sind falsch befüllt.

Dieselbe Masche, drei Wahlen

Inszenierte Videos, die angeblich Manipulation bei der Briefwahl zeigen

  1. Oktober 2024, USA

    Stimmzettel aus Bucks County, Pennsylvania, werden angeblich zerrissen.

    US-Behörden: nach ihrer Einschätzung von russischen Akteuren hergestellt. Forschende von CeMAS ordnen das Video Storm-1516 zu.

  2. Februar 2025, Leipzig und Hamburg

    Angeblich fehlerhafte Stimmzettel und geschredderte AfD-Stimmen.

    Stadt Leipzig: manipulierte Wahlunterlagen. Bundesinnenministerium: Hinweise auf Storm-1516. Im Dezember 2025 benannten BND und Verfassungsschutz Russland als zentralen Akteur hinter Storm-1516.

  3. September 2026, Sachsen-Anhalt

    Briefwahlstimmen für die AfD werden angeblich aussortiert.

    dpa-Faktencheck: Fälschung. Die Zuordnung zu Storm-1516 stammt vom Rechercheprojekt Gnida, nicht von Behörden.

Die Zuordnungen sind unterschiedlich gut belegt. Gefälscht waren alle drei.

Der Ablauf ähnelt sich jedes Mal, und genau das macht solche Videos erkennbar. Die Fälschungen scheitern an Details, die echte Wahlunterlagen haben und Fälscher übersehen: Nummern, Lochungen, die richtige Reihenfolge der Umschläge. Und sie tauchen zuerst dort auf, wo sie nicht hingehören. Bei der Leipziger Fälschung stellte CeMAS fest, dass der erste Post innerhalb weniger Minuten von vier Accounts weiterverbreitet wurde, die alle erst im selben Monat angelegt worden waren. Die Stadt Leipzig reagierte noch am selben Tag. Wer vor dem Teilen bei der zuständigen Behörde nachsieht, ist den meisten Fälschungen einen Schritt voraus.

Wenn niemand mehr filmen muss

Alle drei Videos waren inszeniert: Jemand hat mit gefälschten Unterlagen eine Szene gedreht. Die nächste Stufe braucht dafür keine Kamera mehr. Wie BND und Verfassungsschutz im Dezember 2025 festhielten, setzte Storm-1516 in seiner Kampagne gegen Deutschland bereits KI-generierte Scheinrecherchen und Deepfake-Bildsequenzen ein. Für die US-Wahl nennen die Wahlbehörden KI ausdrücklich als Faktor, der Fälschungen billiger und schwerer erkennbar macht.

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Das bedeutet auch: Nach Bildfehlern zu suchen, bringt immer weniger. Gut gemachte KI-Aufnahmen verraten sich immer seltener durch offensichtliche Fehler, und bei einem verwackelten Handyvideo fällt ohnehin kaum etwas auf. Die entscheidenden Prüffragen bleiben aber dieselben wie bei inszenierten Videos: Passen die Details zu echten Wahlunterlagen und Abläufen, wer hat das Video zuerst verbreitet, und was sagt die zuständige Wahlbehörde? Eine KI kann ein Bild erzeugen. Eine plausible Herkunft kann sie nicht nachliefern.

Eine Zahl, zwei Geschichten

Das zweite Muster ist unscheinbarer. Echte Vorgänge werden in einer Kurzmeldung so zusammengezogen, dass etwas entsteht, das nie passiert ist. Die Reuters-Recherche selbst enthält ein Beispiel, wie leicht das geht: Die Zahl 650 kommt darin zweimal vor, in zwei Fällen, die nichts miteinander zu tun haben.

Zweimal „650“ – zwei verschiedene Vorgänge

Beide Fälle stammen aus dem Reuters-Bericht vom 15. September 2026.

rund 650

Kisten mit Unterlagen zur Wahl 2020

  • Wo: Fulton County, Georgia
  • Wer: FBI, im Jänner 2026
  • Stand: Ein Bundesrichter entschied im Mai, dass die Unterlagen während der laufenden Ermittlungen einbehalten werden dürfen.

650.000

Stimmzettel

  • Wo: Riverside County, Kalifornien
  • Wer: Sheriff Chad Bianco, heuer
  • Stand: vor Gericht offen. Staatliche Stellen bestreiten seine Befugnis, Bianco nennt die Beschlagnahmung rechtmäßig.

650 Kisten sind nicht 650.000 Stimmzettel. Und das FBI ist nicht der Sheriff von Riverside County.

Aus welcher Wahl die Stimmzettel in Riverside County stammen, geht aus dem Reuters-Bericht nicht hervor. Beide Vorgänge sind real, keiner ist abschließend entschieden.

Eine Meldung wie „FBI beschlagnahmt 650.000 Stimmzettel“ ließe sich in beide Richtungen verwenden: als Beleg für einen Übergriff der Bundesregierung oder als Beleg für massiven Wahlbetrug. Falsch wäre sie in beiden Fällen. Wer bei einer dramatischen Zahl nachfragt, wo, wann und wer genau, erwischt solche Vermischungen meistens sofort.

Der Satz ohne den Satz davor

Das dritte Muster braucht gar keine Fälschung. Eine Aussage aus einer Rede, einem Interview oder einer Pressekonferenz ist echt, wird aber so gekürzt, dass sie etwas anderes bedeutet. Ein Politiker zitiert etwa, was seine Gegner angeblich sagen, und im Ausschnitt klingt es wie seine eigene Forderung. Ironie wird als Ernst geteilt, Ernst als Scherz abgetan. Und bei US-Politik kommt eine zweite Hürde dazu: Deutsche Untertitel übersetzen Redewendungen oft wörtlich und verschieben damit den Sinn.

Erkennbar sind solche Clips häufig daran, dass sie mitten im Satz beginnen oder enden, dass Schnitte zu sehen sind oder dass nirgends steht, wann und wo die Aufnahme entstand. Die Gegenprobe ist die vollständige Aufnahme. Politische Auftritte in den USA werden fast immer in voller Länge veröffentlicht, und ein paar Minuten davor und danach reichen meistens, um zu sehen, was gemeint war. Das gilt unabhängig davon, von wem der Clip stammt und wem er schaden soll.

Wenn sich über Nacht etwas dreht

Die heikelste Phase beginnt vermutlich, wenn die Wahllokale schließen. Wegen der Zeitverschiebung laufen die ersten Ergebnisse bei uns in der Nacht ein, und wer um sechs Uhr früh aufs Handy schaut, sieht womöglich ein ganz anderes Bild als am Vorabend. Das ist kein Hinweis auf Manipulation, sondern oft schlicht Auszählung: In manchen Bundesstaaten dauert sie Tage, nicht zuletzt wegen der Briefwahl. In Philadelphia zog sie sich 2020 wegen der vielen Briefwahlstimmen über mehrere Tage, und Pennsylvania wurde danach zum Ziel zahlreicher Verschwörungserzählungen.

Laut Reuters rechnen die Wahlbehörden damit, dass umstrittene Ergebnisse Ermittlungen, Gerichtsverfahren und sogar Unruhen auslösen könnten. Dann wird es sehr viele Bilder geben, und nicht alle werden zeigen, was sie zu zeigen behaupten. Wer wissen will, wie weit die Auszählung in einem Bundesstaat ist, findet das bei der jeweiligen Wahlbehörde des Bundesstaats und nicht in einem Screenshot.

Bevor ihr teilt

Mimikama beobachtet bis nach der US-Wahl gezielt, welche Inhalte dazu im deutschsprachigen Raum auftauchen. Wir prüfen dabei Behauptungen, nicht Parteien: Ein gefälschtes Video bleibt gefälscht, egal wem es nützen soll, und ein echter Clip bleibt echt, auch wenn er ungelegen kommt. Das gilt für die USA genauso wie für die nächste Wahl bei uns. Wenn euch etwas unterkommt, das angeblich Wahlbetrug oder Wahlmanipulation beweist, schickt es uns, bevor ihr es weiterleitet.

Drei Fragen, wenn ein Wahlbeweis auftaucht

  • Passen die Details?Echte Wahlunterlagen haben Nummern, Markierungen und feste Abläufe. Fälschungen scheitern oft genau daran.
  • Wer hat es zuerst verbreitet?Ein Wahlvideo aus Sachsen-Anhalt, das zuerst auf englischsprachigen Accounts auftaucht, ist ein Warnsignal.
  • Was sagt die zuständige Wahlbehörde?Behörden reagieren oft schnell. Schweigen heißt noch nicht, dass etwas stimmt – manchmal nur, dass es noch zu früh ist.

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Quellen


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