April 2026. Auf kremlnahen Telegram-Kanälen taucht ein Artikel des französischen Magazins Le Point auf. 20.000 ukrainische Soldaten, zur Behandlung nach Frankreich gebracht, seien desertiert und hätten sich kriminellen Banden angeschlossen. Das Logo stimmt. Das Layout stimmt. Nur eines stimmt nicht: Le Point hat diesen Artikel nie geschrieben.
Drei Tage später steht die erfundene Zahl laut NewsGuard in Googles „Übersicht mit KI“ – der automatischen Antwortbox über den Suchergebnissen. Über 20.000 ukrainische Soldaten seien nach ihrer Behandlung in Frankreich nicht nach Hause zurückgekehrt, heißt es dort, gestützt auf einen Bericht, der sich auf Le Point beruft. Formuliert wie eine Tatsache. Google sagt, man könne das nicht nachstellen – dazu gleich mehr. Aber so viel vorweg: Das war kein Ausrutscher. Das war ein Stück aus einer Produktion, die gerade auf Hochtouren läuft.
906 Mal ein fremder Name
Die US-Organisation NewsGuard bewertet Nachrichtenseiten auf ihre Verlässlichkeit und verfolgt Falschmeldungen. In ihrem neuen Bericht hat sie Fälschungen dieser Art gezählt. Seit Russlands Großangriff auf die Ukraine 2022 sind 906 gefälschte Berichte und Videos aufgetaucht, die echten Medien untergeschoben wurden. Missbraucht wurden die Namen von 163 Medien aus 21 Ländern, von der BBC bis zur britischen Regionalzeitung Yorkshire Post. Hinter den Fälschungen stehen laut NewsGuard drei russische Einflussoperationen – gezielte Kampagnen, mit denen die Meinung in anderen Ländern beeinflusst werden soll.
Das Prinzip ist simpel und ziemlich schäbig. Eine Lüge ohne Absender nimmt niemand ernst, also leiht sie sich einen. Die Kampagnen kopieren Logo, Schrift und Seitenaufbau, bauen manchmal eigene Websites mit fast gleicher Adresse und legen echten Fachleuten erfundene Zitate in den Mund. Sie stehlen Vertrauen, das Redaktionen über Jahrzehnte aufgebaut haben – und hängen es an eine Behauptung, die sonst kaum jemand glauben würde.
Und dann ging es richtig los
Neu ist die Methode nicht. Fälschungen und falsche Absender gehören laut NewsGuard seit Sowjetzeiten zum Werkzeugkasten russischer Einflussnahme. Neu ist das Tempo. Im ersten Halbjahr 2025 zählte NewsGuard 44 solcher Fälschungen. Ein Jahr später waren es fast zehnmal so viele.
NewsGuard wertet den Sprung als Zeichen, dass die russischen Stellen die Methode für wirksam halten. Das ist eine Einschätzung, kein Beleg. Als Treiber nennt der Bericht künstliche Intelligenz: Mit ihr lassen sich überzeugende Fälschungen schneller und in großer Zahl herstellen. Ob in jedem einzelnen Fall KI im Spiel war, verrät die Zahl allerdings nicht.
Alle zwei Stunden ein neuer Fake
Die meisten Fälschungen stammen laut NewsGuard aus zwei Werkstätten mit Verbindungen zur russischen Regierung. Die eine setzt auf Masse, die andere auf Wirkung. Rechnerisch spuckt allein die erste etwa alle zwei Stunden ein neues Fake-Video aus.
- Rund ein Dutzend Fake-Videos pro Tag
- Schlicht gemacht, echten Medien untergeschoben
- Verbreitet über X und Telegram
- Ziele: Ukraine, Europa, USA
- Weniger Fälschungen, dafür aufwendige Geschichten
- Imitiert Medien, Journalisten und Organisationen
- Ein Netz aus X-Konten schiebt die Geschichte an
- Oft mehrere zehn Millionen Aufrufe
Storm-1516 war laut NewsGuard besonders aktiv vor der deutschen Bundestagswahl im Februar 2025. Die USA, Großbritannien, Kanada und Frankreich bezeichnen solche russischen Einflussoperationen offiziell als Bedrohung für die Unterstützung der Ukraine und für demokratische Abläufe.
Was man ihnen in den Mund legt
Die Geschichten haben eine klare Richtung. Dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wird angedichtet, er habe westliche Hilfsgelder veruntreut und sei kokainabhängig. Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron werden mit erfundenen Pädophilie-Vorwürfen überzogen. Deutschland und Frankreich sind nach der Ukraine laut NewsGuard die häufigsten Ziele.
Manchmal kommt der Fake genau zum richtigen Zeitpunkt. Im März 2026, kurz vor der Parlamentswahl in Ungarn, behauptete ein angeblicher Euronews-Artikel, der proeuropäische Politiker Péter Magyar habe US-Präsident Donald Trump einen senilen Opa genannt. Der Fake trug nicht nur das Euronews-Logo, sondern auch den Namen eines echten Euronews-Journalisten als Autor. Magyar gewann die Wahl trotzdem. Ein angebliches BBC-Video wiederum behauptete, Olena Selenska habe im April 2025 aus der Ukraine fliehen wollen. Beides war erfunden, beides trug ein echtes Logo.
Auch deutsche Medien stehen auf der Liste
Europäische Medien sind laut NewsGuard das Hauptziel, erklärt mit Europas Rolle als größter Unterstützer der Ukraine. Mit riesigem Abstand vorne liegt Euronews, ein mehrsprachiger Sender mit Sitz in Frankreich. Acht der 15 am häufigsten missbrauchten Medien kommen aus Frankreich. Aus Deutschland haben es die Deutsche Welle, die FAZ und der Spiegel unter die 15 meistgefälschten Medien geschafft. US-Medien liegen weit dahinter.
Die Fälscher fälschen die Fälschungsjäger
Ein Name in dieser Liste lässt stutzen: NewsGuard selbst, 25 Mal gefälscht. Die Organisation, die Fälschungen aufspürt, wird also selbst als Absender von Fälschungen missbraucht. Das ist kein Zufall im luftleeren Raum. Es passt zu dem, was die französische Behörde Viginum schon im Februar 2025 beschrieben hat.
Laut Viginum wollen Matrjoschka und Storm-1516 die Arbeit von Faktencheckern in Misskredit bringen und stören. Die Methode ist dreist: Die Betreiber schicken ihre Fälschungen per Mail direkt an Journalisten und Faktenchecker und bitten darum, der Sache doch bitte nachzugehen. NewsGuard hat solche Mails ebenfalls bekommen, konnte die Absender aber keiner Kampagne sicher zuordnen. Die Rechnung dahinter ist, so unsere Einordnung, perfide. Jede Stunde, die eine Redaktion in eine erfundene Geschichte steckt, fehlt woanders – und wer einen Fake prüft, den bis dahin kaum jemand kannte, macht ihn womöglich erst bekannt.
Nicht nur Medien trifft es. Laut NewsGuard wurden auch die Logos von SpaceX und Microsoft missbraucht, dazu die Namen von Human Rights Watch und Reporter ohne Grenzen – vor allem für erfundene Geschichten über angebliche Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine.
Zurück zu Google: Wie kommt die Lüge in die KI?
KI-Chatbots und KI-Suchen bauen ihre Antworten aus dem, was im Netz steht. Wer das Netz mit genug Material flutet, erhöht die Chance, dass die Maschine es irgendwann nachplappert. Genau dafür sorgt laut NewsGuard das sogenannte Pravda-Netzwerk: rund 280 Websites, die Inhalte kremlnaher Kanäle weiterverbreiten, auch auf Deutsch. 2025 veröffentlichte es rund 6,3 Millionen Artikel mit 115 Falschbehauptungen – im Schnitt mehr als 17.000 Artikel am Tag.
Die Le-Point-Geschichte lief genau diesen Weg. Das Pravda-Netzwerk brachte sie in zwölf Sprachen. Und auf dem Weg in die Google-Antwort passierte etwas Bemerkenswertes: Aus Deserteuren und kriminellen Banden wurden Soldaten, die „nicht nach Hause zurückgekehrt“ sind. Die Geschichte klang plötzlich seriös. Die erfundene Zahl blieb.
Die Wirklichkeit sieht anders aus: Laut Weltgesundheitsorganisation wurden seit 2022 insgesamt 6.400 ukrainische Soldaten und Zivilisten zur Behandlung ins Ausland gebracht – weltweit, nicht 20.000 Soldaten nach Frankreich allein. Google hält gegen den NewsGuard-Befund: Man habe nur einen unvollständigen Screenshot ohne die Suchanfrage bekommen und das Ergebnis selbst nicht nachstellen können. Unabhängig davon bleibt die Lehre: Eine KI-Antwort ist nur so gut wie die Quellen, die sie findet.
Was wir über diese Zahlen nicht wissen
Die 906 sind keine reine NewsGuard-Zählung. Mitgezählt wurden auch Funde des ukrainischen Zentrums zur Bekämpfung von Desinformation, der französischen Behörde Viginum und der anonymen Forschungsgruppe Antibot4Navalny. Nach welchen Kriterien eine Fälschung einer bestimmten Kampagne zugerechnet wird, beschreibt der Bericht nicht im Detail. Die vollständige Liste gibt NewsGuard nur auf Anfrage an Verlage, Plattformen und Behörden heraus, von außen lässt sich die Zählung also nicht Fall für Fall prüfen. Und gezählt wurde nur, was jemand gefunden hat. Wie viele Fälschungen niemandem aufgefallen sind, weiß keiner.
Der Schaden bleibt, auch wenn die Lüge platzt
Jede einzelne Fälschung lässt sich widerlegen. Der Schaden ist damit nicht weg. Die Deutsche Welle warnt gegenüber NewsGuard, dass die wiederholte Verbreitung gefälschter Inhalte „das Vertrauen in Medien und faktenbasierte Informationen beeinträchtigt“. Wer schon mehrmals auf ein gefälschtes Video mit bekanntem Logo gestoßen ist, kann auch beim echten ins Zweifeln kommen.
Das ist vielleicht der fieseste Teil der Methode. Niemand muss die Lüge glauben, damit sie wirkt. Es reicht, wenn am Ende niemand mehr sicher weiß, was echt ist. Dann gewinnt nicht die bessere Information, sondern die lautere.
Was ist ein Logo heute noch wert?
Als Beweis: nichts mehr. Ein bekanntes Logo zeigt nur, dass jemand es kopieren konnte. Wie wenig dafür nötig ist, zeigt ein Fall aus dem Bericht: Ein gefälschter Euronews-Artikel stand auf euronews.us.com, die echte Adresse lautet euronews.com. Bei einer überraschenden Meldung deshalb die Überschrift direkt auf der offiziellen Website oder den bestätigten Kanälen des Mediums suchen. Findet sich dort nichts, ist das ein deutliches Warnsignal – egal, wie echt das Video auf X oder Telegram aussieht.
Wer unsicher ist, kann eine Meldung mit unserem Notfall-Check einordnen: Fake News prüfen. Wie Matrjoschka im Wahlkampf konkret vorgeht, haben wir in einem eigenen Artikel beschrieben.
- Wo ist das erschienen?Steht die Meldung auf der offiziellen Seite des Mediums? Ein Logo im Bild beweist das nicht.
- Stimmt die Adresse?euronews.us.com ist nicht euronews.com. Ein kleiner Zusatz reicht für eine Fälschung.
- Wer berichtet sonst darüber?Verbreiten nur einschlägige Kanäle eine angebliche Enthüllung, ist Vorsicht angebracht.
Quellen
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise)
