Die Behauptung
Ein virales Video auf X zeigt angeblich aktuelle Fahndungsbilder der Polizei zu einem Mann, der in Deutschland ältere Frauen brutal ausraubt. Der Beitrag vom 27. Juli 2025 fordert dazu auf, den Täter zu finden – suggeriert also, dass er noch auf freiem Fuß ist.
Aufgestellt von: Social Media
Faktencheck: Falsch
Falsch. Das Video stammt aus Belgien und wurde bereits im Juni 2022 aufgenommen. Der Täter wurde am 27. Juli 2022 festgenommen. Der nun geteilte Post recycelt altes Material und stellt es bewusst falsch als aktuellen Fahndungsaufruf dar. Diese Form der Irreführung dient offenbar der Stimmungsmache.
Kurze Faktenübersicht:
Ein viraler Post gibt vor, aktuelle Polizeibilder eines gesuchten Täters zu zeigen. Doch die Bilder sind alt, der Fall längst geklärt.
- Die gezeigten Fahndungsbilder stammen aus Brüssel, nicht aus Deutschland
- Die Taten geschahen zwischen dem 6. und 16. Juni 2022 in Belgien
- Der Täter wurde bereits am 27. Juli 2022 verhaftet
- Das Video wird aktuell ohne Kontext verbreitet, um Empörung zu schüren
Viraler Fake: Ein alter Fall wird als neue Gefahr inszeniert
Der Beitrag der X-Seite „Staatliche Sollbruchstelle“ vom 27. Juli 2025 zeigt ein zusammengeschnittenes Überwachungsvideo. Zu sehen sind verschiedene Aufnahmen eines Mannes, der offensichtlich von Sicherheitskameras erfasst wurde und Verbrechen begangen haben soll. Der Text zum Video lautet:
„Die Polizei hat Aufnahmen eines Mistkerls veröffentlicht, der von Stadt zu Stadt reist und ältere Frauen brutal ausraubt. Schwarm, findet ihn!“
Die Bildauswahl wirkt alarmierend: Vier verschiedene Ausschnitte zeigen denselben Mann in Nahaufnahme, beim Betreten von Gebäuden oder in Fluren. Der Aufruf „Schwarm, findet ihn!“ hat klaren Appell-Charakter – er soll User dazu animieren, den Mann selbstständig zu identifizieren und öffentlich bloßzustellen.
Der Eindruck, den dieser Beitrag erweckt: Es handelt sich um einen aktuellen Fall aus Deutschland. Die Polizei suche diesen Mann noch, er sei auf freiem Fuß und eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Nichts davon ist wahr.
Denn bei genauer Betrachtung – insbesondere durch einen Abgleich mit archivierten Medienberichten – zeigt sich: Diese Bilder stammen aus einem belgischen Polizeiaufruf vom Juni 2022. Der Täter wurde bereits Ende Juli 2022 verhaftet. Der gesamte Fall ist also abgeschlossen. Die Darstellung im Jahr 2025 ist gezielte Desinformation.
Der tatsächliche Fall: Brutale Überfälle in Brüssel 2022
Laut übereinstimmenden Berichten belgischer Medien (z. B. BRUZZ, La Capitale, DHNet) handelte es sich bei dem Täter um einen Mann, der zwischen dem 6. und 16. Juni 2022 in mehreren Stadtteilen Brüssels ältere Frauen in Hauseingängen brutal überfiel. Die Masche war stets gleich: Er folgte den Opfern in die Eingangshalle, riss ihnen mit Gewalt die Handtasche weg und stieß sie zu Boden.
Daraufhin veröffentlichte die Polizei Überwachungsvideos – genau jene, die nun erneut viral verbreitet werden. In Belgien führten diese Bilder schnell zur Identifikation des Verdächtigen. Nach einer Beobachtung seiner Wohnung durch die Anti-Banditismedienst der Polizei Brüssel-West wurde der Mann am Mittwoch, dem 27. Juli 2022, gegen 9:30 Uhr festgenommen.
Laut Angaben der Staatsanwaltschaft war er bereits mehrfach wegen anderer Delikte verurteilt worden. Er wurde im April 2022 auf Bewährung freigelassen – und beging nur kurze Zeit später erneut schwere Übergriffe.
Am Donnerstag, dem 28. Juli 2022, wurde er dem Ermittlungsrichter vorgeführt. Seitdem befindet sich der Täter in Untersuchungshaft.
Es besteht keinerlei Verbindung zu Deutschland, keine aktuellen Fahndungsmaßnahmen und kein Anlass für „Schwarmermittlungen“.
Aus dem Kontext gerissen: Wie gezielte Irreführung funktioniert
Dass dieses Video drei Jahre nach der Tat erneut verbreitet wird, ist kein Zufall. Es handelt sich um eine typische Desinformationsstrategie: Der Fall wird nicht erfunden, sondern zeitlich und räumlich entkoppelt. Die Täterbilder sind echt. Die Gewalt ist echt. Aber der Kontext wird gelöscht.
Indem Ort und Datum weggelassen werden, entsteht ein gefährlicher Eindruck: Hier sei ein aktuelles Verbrechen geschehen, mitten in Deutschland. Und der Täter sei noch unterwegs. Diese gezielte Verzerrung nutzt eine emotionale Erzählung, um maximalen Alarmismus zu erzeugen.
Typisch für dieses Vorgehen sind auch die Formulierungen:
„Die Polizei hat Aufnahmen eines Mistkerls veröffentlicht…“
„Schwarm, findet ihn!“
Solche Aussagen klingen dramatisch und handlungsauffordernd – sie führen aber direkt in gefährliches Fahrwasser: digitale Hetzjagd, falsche Verdächtigungen und Aufrufe zur Selbstjustiz.
Zielgerichtete Empörung: Wer profitiert von der Falschdarstellung?
Der Ursprungspost stammt von einem Account, der sich „Staatliche Sollbruchstelle“ nennt – ein Name, der bereits auf Konfrontation mit Behörden, Justiz und Medien angelegt ist. In der Vergangenheit fielen ähnliche Accounts durch populistische und regierungskritische Inhalte auf. Oft wird auf Verunsicherung gesetzt: „Der Staat tut nichts“, „Wir müssen selbst handeln“, „Die Polizei schützt uns nicht“.
Diese Erzählung lebt davon, reale Taten in einen anderen Kontext zu setzen. Aus einem belgischen Einzeltäter von 2022 wird plötzlich eine diffuse, aktuelle Bedrohung durch „Fremde“ oder „Gefährder“, oft in Kombination mit rassistischen Untertönen.
In anderen sozialen Netzwerken wie TikTok kursieren dieselben Videos ebenfalls – teils unter ironisch-verachtenden Titeln wie „Fachkraft auf Wohnungssuche“ oder „so sieht Integration aus“. Die Kommentarspalten sind voll von Hass, Rachefantasien und politischen Nebelkerzen.
So wird ein einzelner Kriminalfall gezielt instrumentalisiert, um gesellschaftliche Konflikte zu befeuern und Vertrauen in Polizei oder Medien zu untergraben.
Chronologie: So wurde der belgische Fall 2022 recycelt
| Datum | Ereignis |
| 6.–16. Juni 2022 | Mehrere brutale Überfälle auf ältere Frauen in Brüssel |
| 20. Juli 2022 | Polizei veröffentlicht Fahndungsbilder aus Überwachungskameras |
| 27. Juli 2022 | Festnahme des Verdächtigen in Brüssel durch die Anti-Banditismedienst |
| 28. Juli 2022 | Übergabe an Ermittlungsrichter, Haftbefehl wird beantragt |
| Juli 2025 | Die alten Bilder tauchen erneut auf X und TikTok auf – ohne Kontext |
| 27. Juli 2025 | Post durch „Staatliche Sollbruchstelle“ geht viral |
FAQ – Häufige Fragen zur Desinformationskampagne
Wurde der Täter tatsächlich bereits 2022 gefasst?
Ja. Laut offiziellen Berichten der Polizei Brüssel-West und belgischen Medien wurde der Täter am 27. Juli 2022 verhaftet. Es handelte sich um eine gezielte Fahndung, die durch Hinweise aus der Bevölkerung und Videoüberwachung erfolgreich war.
Warum wird das Video jetzt (2025) wieder geteilt?
Das Video wird bewusst aus dem Kontext gerissen und neu gepostet, um Empörung und Angst zu schüren. Solche Re-Inszenierungen sind ein beliebtes Mittel rechter Akteure, um systemkritische und ausländerfeindliche Narrative zu verbreiten.
Handelt es sich um einen aktuellen Fall in Deutschland?
Nein. Der gesamte Vorfall fand in Brüssel statt. Es gibt keinen aktuellen Zusammenhang mit Deutschland. Die Darstellung als deutscher Fall ist frei erfunden und dient der Irreführung.
Was ist gefährlich an solchen viralen Posts?
Sie erzeugen Wut, Angst und Hass – auf Basis von verzerrten oder veralteten Informationen. Dadurch werden Gewaltfantasien geschürt, Falschbeschuldigungen provoziert und das Vertrauen in den Rechtsstaat untergraben.
Gibt es rechtliche Konsequenzen für das Teilen solcher Inhalte?
Je nach Kontext kann das Verbreiten falscher Verdächtigungen und Aufrufe zur Selbstjustiz strafbar sein. Auch die Persönlichkeitsrechte der gezeigten Person werden verletzt, wenn sie fälschlich als aktuell Gesuchter dargestellt wird.
Wie kann man sich gegen solche Desinformation schützen?
Immer die Quelle prüfen: Woher stammen die Bilder? Gibt es ein Datum? Gibt es eine offizielle Bestätigung? Wer den Kontext kennt, kann sich vor Manipulation schützen – und Desinformation entlarven.
Fazit: Warum dieser Beitrag nicht nur falsch, sondern gefährlich ist
Was hier im Juli 2025 viral geht, ist kein echter Fahndungsaufruf. Es ist eine gezielte Täuschung – emotional, alarmistisch, manipulierend. Ein realer Kriminalfall aus Brüssel wird dazu missbraucht, Angst und Hass in Deutschland zu schüren. Der Täter ist seit Jahren in Haft. Doch das wird verschwiegen, um die Erzählung der „Gefahr auf unseren Straßen“ aufrechtzuerhalten.
Solche Beiträge sind keine Aufklärung – sie sind Brandbeschleuniger. Wer sie teilt, macht sich mitschuldig an einem Klima der Eskalation. Wer die Wahrheit kennt, muss sie dagegenhalten. Fakten sind die beste Waffe gegen Hetze.
Lass dich nicht täuschen – dieses Video ist alt, der Täter ist gefasst. Wer es als aktuellen Fall verkauft, betreibt bewusste Irreführung.
Quellen:
- https://www.nieuwsblad.be/regio/brussel/sint-jans-molenbeek/verdachte-opgepakt-in-reeks-brutale-overvallen-dader-volgde-oudere-vrouwen-tot-in-inkomhal-van-appartement/56570000.html
- https://www.bruzz.be/veiligheid/verdachte-opgepakt-na-reeks-brutale-overvallen-op-weerloze-dames-2022-07-28
- https://www.dhnet.be/regions/bruxelles/2023/01/07/harold-s-lhomme-qui-agressait-des-personnes-agees-cet-ete-condamne-a-douze-ans-de-prison-ferme-YTTOSJJMFZFA7PTVMZKM6AD5YE
- https://www.lavenir.net/regions/bruxelles/2022/07/22/la-police-recherche-lauteur-de-trois-vols-avec-violences-sur-des-personnes-agees-video-3VGUIDT6OBGXNLCQPPKYXRVLRM
- La police recherche l’auteur de trois vols avec violences sur des personnes âgées – BX1
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