Die Verhandlungen zur Überwachung verschlüsselter Messenger in der EU stehen kurz vor dem Durchbruch, aber viele Fragen sind noch offen.

Aktueller Stand: Einigung zur Chatkontrolle im EU-Rat in Sicht

Seit Jahren versuchen verschiedene EU-Gremien, eine gemeinsame Position zur Überwachung verschlüsselter Messenger zu finden. Polizei und Geheimdienste drängen auf eine Lösung, doch bisher scheiterte eine Einigung am Widerstand einiger Mitgliedstaaten.

In den letzten Monaten haben jedoch einige dieser Länder ihre Position geändert, und auch Frankreich hat nun seine Zustimmung signalisiert – unter der Bedingung, dass bestimmte Änderungen am Entwurf vorgenommen werden. Diese Änderungen wurden der belgischen Ratspräsidentschaft übermittelt. Sollte der Kompromiss angenommen werden, wäre die bisherige Sperrminorität gegen die Chatkontrolle aufgehoben.

Geheimverhandlungen und Spekulationen

Die Verhandlungen finden im Geheimen statt, daher ist unklar, welche Änderungen genau vorgeschlagen wurden. Der EU-Abgeordnete Patrick Breyer (Piratenpartei) vermutet, dass es sich um eine Anpassung der Formulierung zur Verschlüsselung handelt. Frankreich hat in der Vergangenheit immer wieder betont, dass eine Schwächung der Verschlüsselung nicht in Frage kommt. Experten warnen jedoch, dass solche Formulierungen oft dazu dienen, die tatsächlichen Konsequenzen zu verschleiern.

Client-seitiges Scanning: Eine umstrittene Lösung

Die aktuellen Pläne sehen ein sogenanntes „Client-side Scanning“ vor, bei dem die Chat-Apps selbst und direkt auf dem Smartphone die Inhalte kontrollieren. Technisch gesehen bleibt die Verschlüsselung unangetastet, da sie nur die Kommunikation zwischen den Gesprächspartnern schützt. Die App kann aber auf die angezeigten Nachrichten zugreifen und diese scannen. Das Ergebnis ist letztlich dasselbe: Die Privatsphäre der Nutzer wird verletzt.

Warnungen aus Wissenschaft und Gesellschaft

Anfang Mai warnte eine Gruppe von mehreren hundert Wissenschaftlern in einem offenen Brief vor den EU-Plänen für ein Client-seitiges Scanning. Ein solches System würde der Massenüberwachung Tür und Tor öffnen, die bestehende Kommunikationsstruktur untergraben und demokratiepolitisch gefährliche Präzedenzfälle schaffen.

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Polizeibehörden und Geheimdienste argumentieren, dass verschlüsselte Messenger-Kommunikation immer schwerer einsehbar sei und sprechen von einem „Going Dark“-Phänomen. Sie argumentieren, dass der Zugang zu solchen Kommunikationskanälen notwendig sei, um sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Terrorismus zu bekämpfen.

Nächste Schritte und mögliche Konsequenzen

Sollte Frankreich mit seiner Positionsänderung die Sperrminorität brechen, bedeutet dies noch nicht, dass die Chatkontrolle sofort in Kraft tritt. Der Entwurf müsste dann in den sogenannten Trilog gehen, in dem Kommission, Rat und Parlament darüber verhandeln.

Abzuwarten bleibt, wie die Gerichte auf ein mögliches Gesetz reagieren werden, denn der Juristische Dienst der EU-Staaten hat die Pläne zur Chatkontrolle bereits im vergangenen Jahr als rechtswidrig bezeichnet. Ein solches Gesetz könnte also wieder gekippt werden.

Fazit

Die mögliche Zustimmung Frankreichs zur Chatkontrolle markiert einen Wendepunkt in den langwierigen Verhandlungen innerhalb der EU. Während technische und rechtliche Details weiterhin umstritten sind, bleibt die grundsätzliche Frage nach der Balance zwischen Sicherheit und Privatsphäre ungelöst. Die kommenden Wochen und Monate werden entscheidend für die Zukunft der Chatkontrolle in der EU sein.

Quelle: derStandard, netzpolitik.org

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