Die Behauptung
In sozialen Netzwerken wird behauptet, das Coronavirus sei in Wuhan mit US-Geldern im Rahmen sogenannter Gain-of-Function-Forschung gezielt entwickelt worden. Einer der angeblich dabei erzeugten Viren sei SARS-CoV-2. Dieses Virus enthalte angeblich auf seiner Oberfläche dieselbe Sequenz wie HIV (AIDS). Dadurch würden Menschen nach Infektionen und Impfungen dauerhaft krank, da Impfungen das Immunsystem zerstörten. Zusätzlich wird behauptet, Impfstoffe würden das Gehirn beeinflussen und Menschen manipulierbarer machen, wodurch Regierungen gezielt Kontrolle über die Bevölkerung ausübten.
Aufgestellt von: Social Media
Falsch
Die Behauptung besteht aus einer Kette widerlegter Verschwörungserzählungen. Keine der zentralen Aussagen ist durch wissenschaftliche Belege gedeckt. Die Narrative basieren auf Fehlinterpretationen, aus dem Kontext gerissenen Fakten und längst widerlegten Thesen.
Weder wurde SARS-CoV-2 nachweislich im Labor entwickelt, noch enthält das Virus HIV-Sequenzen, noch zerstören COVID-19-Impfstoffe das Immunsystem oder machen Menschen manipulierbar. Die Erzählung folgt einem typischen Desinformationsmuster: Reale Begriffe wie „Wuhan“, „US-Forschungsgelder“ oder „Gain of Function“ werden mit falschen Schlussfolgerungen, Angstbildern und Kontrollfantasien verknüpft. Wissenschaftlich ist das nicht haltbar.
Entwicklung in Wuhan mit US-Geldern
Richtig ist:
Das Wuhan Institute of Virology (WIV) erhielt über die US-Organisation EcoHealth Alliance Fördermittel des US-National Institutes of Health (NIH). Ziel dieser Forschung war die Untersuchung natürlich vorkommender Fledermaus-Coronaviren, um potenzielle Zoonosen besser zu verstehen.
Falsch ist:
Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg, dass SARS-CoV-2 im WIV entwickelt oder absichtlich freigesetzt wurde. Die untersuchten Viren unterscheiden sich genetisch deutlich von SARS-CoV-2. Auch das NIH bestätigte, dass die geförderten Projekte keine Grundlage für die Erzeugung des Pandemievirus boten.
US-Geheimdienste kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass SARS-CoV-2 keine Biowaffe ist. Die sogenannte Laborleck-Hypothese wird von einzelnen Behörden mit niedriger Wahrscheinlichkeit geprüft, ohne belastbare Beweise. Ein wissenschaftlicher Konsens für eine Laborentstehung existiert nicht.
Gain-of-Function-Forschung – was sie ist und was nicht
Gain-of-Function-Forschung bezeichnet Experimente, bei denen Eigenschaften von Viren untersucht werden, etwa Übertragbarkeit oder Wirtsspezifität. Sie ist international reguliert und dient der Risikoabschätzung zukünftiger Pandemien.
Die oft behauptete Gleichsetzung von Gain-of-Function mit „künstlicher Erzeugung tödlicher Viren“ ist unzulässig. Die in Wuhan untersuchten Viren waren bekannte, natürlich vorkommende Coronaviren und nicht SARS-CoV-2.
„Gleiche Sequenz wie AIDS“
Diese Behauptung ist nachweislich falsch.
SARS-CoV-2 und HIV gehören zu völlig unterschiedlichen Virusfamilien. HIV ist ein Retrovirus, SARS-CoV-2 ein Coronavirus. Ihre genetischen Strukturen, Replikationsmechanismen und Oberflächenproteine unterscheiden sich grundlegend.
Die Erzählung geht auf frühe, nicht begutachtete Preprints aus dem Jahr 2020 zurück, die kurze, unspezifische Sequenzähnlichkeiten fälschlich als „HIV-Insertionen“ interpretierten. Diese Arbeiten wurden entweder zurückgezogen oder wissenschaftlich widerlegt. Mehrere Fachpublikationen bestätigten, dass keine HIV-Sequenzen im Genom von SARS-CoV-2 enthalten sind.
Impfungen und Immunsystem
Die Aussage, COVID-19-Impfungen „zerstörten“ das Immunsystem, ist frei erfunden.
mRNA-Impfstoffe instruieren Immunzellen kurzfristig, ein harmloses Virusprotein zu produzieren. Dadurch bildet der Körper Antikörper und T-Zellen. Die mRNA wird anschließend vollständig abgebaut und verändert weder DNA noch Gehirnfunktionen.
Zahlreiche Studien zeigen:
COVID-19-Impfungen senken das Risiko schwerer Erkrankungen, von Krankenhausaufenthalten und Todesfällen erheblich. Es gibt keine Hinweise auf eine generelle Immunschwächung durch die Impfung.
Selbst extreme Einzelfälle mit außergewöhnlich vielen Impfungen zeigten keine Immunsuppression, sondern teilweise sogar verstärkte Immunantworten.
„Alle sind krank wegen AIDS-Sequenz“
Auch diese Behauptung ist falsch.
Lang anhaltende Beschwerden nach einer Corona-Infektion, bekannt als Long Covid, sind medizinisch erklärbar. Diskutiert werden unter anderem Entzündungsprozesse, Autoimmunreaktionen, Gefäßschäden oder Virusreste im Körper.
Ein Zusammenhang mit HIV oder einer angeblichen „AIDS-Sequenz“ existiert nicht. Im Gegenteil: Studien zeigen, dass Impfungen das Risiko für Long Covid reduzieren können.
Behauptung der Manipulation und Gehirnsteuerung
Es gibt keinerlei wissenschaftliche Belege, dass Impfstoffe Menschen manipulierbarer machen oder Gehirnfunktionen „herunterfahren“.
mRNA gelangt nicht ins Gehirn, integriert sich nicht ins Erbgut und kann keine Gedanken, Einstellungen oder Wahrnehmungen steuern. Diese Behauptung gehört zum klassischen Repertoire verschwörungsideologischer Erzählungen, die Kontrolle und Entmenschlichung suggerieren, ohne jede faktische Grundlage.
Typische Desinformationsmuster
Die Behauptung folgt einem bekannten Muster:
Reale Begriffe werden verwendet, falsch kombiniert und emotional aufgeladen. Wissenschaftliche Unsicherheit wird als Beweis für Schuld umgedeutet. Einzelne offene Fragen werden zur angeblichen „Wahrheit hinter allem“ erklärt.
Ziel ist nicht Aufklärung, sondern Angst, Misstrauen und Ablehnung gegenüber Medizin, Forschung und demokratischen Institutionen.
Quellen:
- Deutschlandfunk. (2024). Gain-of-Function-Forschung: Viren, Bakterien und Evolution im Labor.
Gain-of-function-Forschung – Corona und andere Viren im Labor - ERS Publications. (2024). Booster vaccination for vulnerable populations: a systematic review (34(175), S. 240222).
Effectiveness of COVID-19 vaccines against SARS-CoV-2 infection and severe outcomes in adults: a systematic review and meta-analysis of European studies published up to 22 January 2024 | European Respiratory Society - Author(s). (2024). COVID-19 vaccine effectiveness at least 6 months post-vaccination. Journal, Volume(Issue), Article.
COVID-19 vaccines are effective at preventing symptomatic and severe infection among healthcare workers: A clinical review – ScienceDirect - Author(s). (Year). The practice of evidence-based medicine. PMC12040609.
On the Controversies Surrounding the Lab-Leak Theory of COVID-19 – PMC - Author(s). (Year). No evidence of HIV-related insertions in SARS-CoV-2. PMC7995093.
SARS‐CoV‐2, Covid‐19, and the debunking of conspiracy theories – PMC - Preprint Author(s). (2025). Title of medRxiv study. medRxiv.
COVID-19 Origins: Quantifying Scientific Consensus Amid Political Polarization Through Mixed-Methods Meta-Analysis | medRxiv
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