Vor den Europawahlen 2024 haben Plattformen wie X (ehemals Twitter) und YouTube zahlreiche Fälle von Desinformation registriert, ohne wirksam dagegen vorzugehen. Experten sind darüber nicht überrascht und fordern dringenden Handlungsbedarf.

Plattformen reagieren unzureichend auf Desinformation

Laut einer Analyse der spanischen Non-Profit-Organisation gegen Desinformation „Maldita.es“ haben soziale Netzwerke in mindestens 43 Prozent der Fälle nicht sichtbar auf entlarvte Desinformationsinhalte reagiert. Die Analyse, die zwischen dem 1. Februar und dem 6. Juni durchgeführt wurde, umfasste 1.321 Beiträge aus 26 europäischen Ländern. Plattformen wie Facebook, Instagram, TikTok, X und YouTube wurden hinsichtlich ihrer Reaktionen auf Desinformation untersucht.

Die Beiträge, auf die sich der Bericht bezieht, wurden im Vorfeld durch das EU-Projekt „Elections24Check“ als desinformativ eingestuft und in einer Datenbank kategorisiert.

Unterschiede bei der Moderation der Inhalte

Besonders schlecht schnitt die Videoplattform YouTube ab: In 75 Prozent der untersuchten Fälle griff YouTube nicht erkennbar ein. Wenn Maßnahmen ergriffen wurden, beschränkten sich diese meist auf allgemeine Hinweise, ohne die Falschinformationen im Detail zu widerlegen. Auch X zeigte wenig Aktivität und griff in 70 Prozent der Fälle nicht ein. Im Gegensatz dazu reagierten Instagram und Facebook häufiger auf Desinformation, wobei Facebook in 88 Prozent der Fälle Hinweise auf Falschinformationen einblendete und TikTok 32 Prozent der desinformativen Posts löschte.

Handlungsbedarf und Expertenmeinungen

Lea Frühwirth vom Center for Monitoring, Analysis and Strategy (CeMAS) betont, dass die Ergebnisse nicht überraschend seien, da Desinformation vor Wahlen häufig vorkomme. Frühwirth weist darauf hin, dass Desinformation oft genutzt wird, um Parteien, Politikerinnen und Politiker sowie das demokratische System zu diskreditieren.

Christian Hoffmann, Professor für Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig, kritisiert die Analyse jedoch als nur bedingt aussagekräftig. Er weist darauf hin, dass die Transparenz der inhaltlichen Moderation auf den Plattformen von außen nur schwer zu beurteilen sei. Zudem betont Hoffmann die Bedeutung der sogenannten Community Notes auf X, in denen Nutzerinnen und Nutzer irreführende Posts kontextualisieren können.

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Mehr Regulierung und Transparenz nötig

Um die Verbreitung von Desinformation effektiver zu bekämpfen, fordert der Kommunikationswissenschaftler Martin Emmer mehr Investitionen in die Kontrolle von Inhalten durch Plattformen. Gesetze wie das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) und der Digital Services Act (DSA) auf EU-Ebene brächten zwar Fortschritte, seien aber nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, so Emmer.

Auch CeMAS-Expertin Frühwirth plädiert für eine konsequente Durchsetzung der bestehenden Regelungen. Sie betont, dass die EU die Plattformen ernsthaft in die Pflicht nehmen müsse, um eine Verbesserung für die Nutzerinnen und Nutzer zu erreichen.

Fragen und Antworten

  1. Warum reagieren Plattformen wie YouTube und X nicht ausreichend auf Desinformation?
    Plattformen wie YouTube und X reagieren oft nicht ausreichend auf Desinformation, da die Moderation von Inhalten zeitaufwändig und kostenintensiv ist. Zudem fehlen oft klare Richtlinien und automatisierte Prozesse, um Desinformation effizient zu erkennen und zu bekämpfen. Dies führt dazu, dass viele Falschinformationen ungehindert verbreitet werden können, was insbesondere vor Wahlen problematisch ist.
  2. Wie können Nutzerinnen und Nutzer Desinformation erkennen und melden?
    Nutzerinnen und Nutzer können Desinformation erkennen, indem sie auf die Quelle der Information achten und diese mit verlässlichen Quellen vergleichen. Viele Plattformen bieten auch Meldeoptionen an, mit denen Falschinformationen gemeldet werden können. Zusätzlich können Browser-Erweiterungen und Faktencheck-Websites helfen, die Glaubwürdigkeit von Inhalten zu überprüfen.
  3. Welche Rolle spielen Community Notes auf X im Kampf gegen Desinformation?
    Community Notes auf X ermöglichen es Nutzerinnen und Nutzern, irreführende Beiträge mit zusätzlichem Kontext zu versehen. Studien zeigen, dass diese von der Community bereitgestellten Informationen ähnlich zuverlässig sind wie professionelle Faktenchecks. Dieser Ansatz ist oft schneller und wird von den Lesern als glaubwürdig wahrgenommen, was zur Bekämpfung von Desinformation beitragen kann.
  4. Welche gesetzlichen Maßnahmen gibt es zur Regulierung von Desinformation?
    Es gibt verschiedene gesetzliche Maßnahmen zur Regulierung von Desinformation, wie das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) in Deutschland und den Digital Services Act (DSA) auf EU-Ebene. Das NetzDG sieht unter anderem vor, dass Plattformen leicht zugängliche Meldestellen für problematische Inhalte vorhalten müssen – das DSA etwa ein Verbot für Plattformen, bestimmte verdeckte Anzeige- und Werbeformen zu verwenden, die zur manipulativen Meinungsbeeinflussung genutzt werden können. Sie sollen Transparenz schaffen und den Strafverfolgungsbehörden die Möglichkeit geben, gegen gefährliche Inhalte vorzugehen.
  5. Warum ist Transparenz bei der Inhaltsmoderation auf Plattformen so wichtig?
    Transparenz bei der Inhaltsmoderation ist wichtig, um das Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer in die Plattformen zu stärken. Sie ermöglicht es der Öffentlichkeit und der Forschung, Maßnahmen zur Bekämpfung von Desinformation zu bewerten und zu verbessern. Ohne Transparenz bleibt unklar, wie effektiv die Plattformen tatsächlich gegen Falschinformationen vorgehen und welche Verbesserungen notwendig sind.
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Fazit

Die Analyse von Maldita.es zeigt, dass soziale Netzwerke noch viel tun müssen, um Desinformation effektiv zu bekämpfen. Trotz bestehender rechtlicher Rahmenbedingungen mangelt es an konsequenter Umsetzung und Transparenz. Die Ergebnisse der Untersuchung verdeutlichen den dringenden Handlungsbedarf und die Notwendigkeit, Plattformen stärker in die Pflicht zu nehmen. Nur so kann die Verbreitung von Falschinformationen eingedämmt und das Vertrauen in demokratische Prozesse gestärkt werden.

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Quelle: Tagesschau; Die Analyse von Maldita als PDF

Hinweise: 1) Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.
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