Die Behauptung
Marlene Engelhorn, Millionenerbin mit NS-belasteter Familiengeschichte, wird beschuldigt, antisemitische Haltungen zu vertreten. Anlass ist ihr öffentliches Bekenntnis für Palästina und gegen Israel sowie ihre angekündigte Teilnahme an einer Gaza-Flotte. Die Vorwürfe beziehen sich auf ihr T-Shirt, ihre Aussagen, ihre familiäre NS-Vergangenheit.
Aufgestellt von: Soziale Medien
Faktencheck: Falsch
Marlene Engelhorn hat öffentlich ihre Unterstützung für ein freies Palästina erklärt und angekündigt, sich einer Gaza-Flottille anzuschließen. Ihre Aussagen wie „gegen Genozid, Apartheid“ sowie ihr T-Shirt mit der Aufschrift „Free Palestine“ haben eine öffentliche Debatte ausgelöst, die sich auch auf ihre Herkunft als Nachfahrin eines NS-verstrickten Industriezweigs bezieht.
Der Vorwurf, Engelhorn vertrete antisemitische Haltungen, ist jedoch nicht belegt. Es liegen keine Aussagen oder Handlungen vor, die als antisemitisch gewertet werden können. Die Kritik speist sich vielmehr aus dem Zusammenspiel ihrer politischen Positionierung, familiären Geschichte und öffentlicher Sichtbarkeit.
Kurze Faktenübersicht:
- Sie kündigte öffentlich an, sich einer Gaza-Flottille anzuschließen.
- Ihre Aussagen „gegen Genozid, Apartheid“ und „für ein freies Palästina“ stoßen auf Kritik.
- Ihre familiäre Herkunft (BASF, Boehringer Mannheim) wird als problematisch bewertet.
- Kritische Stimmen werfen ihr Doppelmoral und politische Naivität vor.
- Es gibt keine Belege für antisemitische Äußerungen oder Absichten von Marlene Engelhorn.
Ein Statement und ein T-Shirt: Der öffentliche Auftritt von Engelhorn sorgt für Aufruhr
Der Auslöser der Empörung war ein kurzer öffentlicher Auftritt: Marlene Engelhorn veröffentlichte auf Instagram ein Video, in dem sie gemeinsam mit einer weiteren Aktivistin auf der Mariahilfer Straße in Wien zu sehen ist. In dem Clip sagt sie: „Hi, ich bin Marlene. Ich bin gegen Genozid, Apartheid und für ein freies Palästina.“ Sie trägt dabei ein entsprechendes T-Shirt, das ebenfalls eine propalästinensische Botschaft zeigt.
Auch ein selbst beschriftetes Schild mit der Aufschrift „I stand with the Crew of the Madleen & Palestine“ hatte sie bereits am 9. Juni veröffentlicht.
Mit diesen Gesten und Aussagen kündigt Engelhorn an, sich der nächsten Gaza-Flotte anzuschließen. Diese Ankündigung entwickelt sich zunehmends politisch hochsensibel, vor allem in Verbindung mit Engelhorns Familiengeschichte, die nun auch überall aufpoppt. Screenshots und Kommentare dazu verbreiten sich rasend schnell auf Social-Media-Plattformen wie Bluesky und Instagram, Doppelmoral- und Sippenhaft-Kritik sowie Antisemitismus-Vorwürfe werden laut.
Ein Beitrag zeigt das Statement Engelhorns in oben erwähntem Video, dazu den Text (sic!): „Quelle des Vermögens v Marlene Engelhorn ist u.a. KZ Ausschwitz III-Monowitz der IG Farben (BASF, Bayer, Höchst, Degussa usw). Konzern ermordete dort >10.000 Gefangene durch Arbeit (6–12 Wo Lebensdauer). Engelhorn auf Boot um Seegrenze v Israel zu durchbrechen. IG Farben Kapital im Einsatz gg Israel.“
Diese Verbindung – von Familiengeschichte, Holocaust, politischer Aktion gegen Israel – ist es, die viele Beobachter:innen als „schwer erträglich“ empfinden. In einem anderen Kommentar heißt es (sic!): „Das ganze Bild ist schrecklich. Vom ‚free Palestine‘-T-Shirt, über Mimik/Gestik, Untertitel + Wissen, dass sie Nachfahrin von einem Konzern ist, der Juden u. a. Zwangsarbeiter ausbeutete. Mich stört v.a. das T-Shirt. Auf dem Hintergrund der Herkunft des Erbes/Vermögens ist das n.m.M. alles 1 Geist.“
Engelhorns Herkunft als Munition im Netz
Engelhorn ist nicht nur eine Aktivistin für Reichtumsumverteilung, sie ist vor allem auch bekannt als Erbin eines Milliardenvermögens, dessen Wurzeln in der deutschen Industriegeschichte liegen. Ihr Ururgroßvater Friedrich Engelhorn war der Gründer der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik AG (BASF). Diese ging später in das Chemiekartell IG Farben über – ein Konzern, der eng mit dem NS-Regime verflochten war.
Die IG Farben produzierte unter anderem das Giftgas Zyklon B, das in Konzentrationslagern wie Auschwitz zur massenhaften Ermordung von Jüdinnen und Juden verwendet wurde. Im KZ Auschwitz III-Monowitz mussten Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen für den Konzern arbeiten. Über 10.000 von ihnen starben durch Zwangsarbeit. Dass Engelhorn heute mit dem Kapital dieser Dynastie für „ein freies Palästina“ kämpft, wird von vielen als Provokation verstanden.
Auf Social Media äußern sich viele Kommentator:innen empört. Auf Instagram heißt es unter einem ihrer Beiträge: „… sagt die Enkelin von Friedrich Engelhorn, dem Eigentümer der Firma, die Zyklon B herstellte, das Gas, das die Nazis während des Holocaust zur Ermordung von Juden in Auschwitz und anderen Lagern einsetzten.“ Andere fordern: „Hamas Sympathisanten ab nach Gaza“.
Engelhorn selbst hat sich mehrfach zu ihrer Herkunft geäußert. In Interviews sagt sie: „Meine Familie hat mit BASF seit 1885 nichts mehr zu tun.“ Ihr Vorfahre habe das Unternehmen im Streit verlassen und seine Anteile verkauft. Das Geld investierte er in das Pharmaunternehmen Boehringer Mannheim, das später ebenfalls im NS-Regime aktiv war. Auch dort wurden Zwangsarbeiter eingesetzt, und das Unternehmen profitierte von der Arisierung jüdischen Eigentums.
Engelhorn stellt sich dieser Verantwortung: „Meine Familie hat mit dem NS-Regime, vor allem über Boehringer Mannheim, ziemlich sicher zusammengearbeitet und sich somit an der Vernichtung der Opfer der Nazis beteiligt.“
Auch auf Instagram postete nun „My Voice, My Choice“ (hier archiviert) eine Klarstellung Engelhorns zu den Vorwürfen.
Engelhorns Haltung zu Israel: Zwischen Aktivismus und Kritik
Marlene Engelhorn sieht ihre politische Haltung nicht als Gegensatz zu ihrem Erbe, sondern als Konsequenz daraus. Sie betont, dass sie ihr Vermögen gezielt an Initiativen weitergegeben habe, „die sich für Gerechtigkeit einsetzen“. Dazu gehört für sie auch die Kritik an Israel.
Im Gespräch mit dem „Standard“ erklärt sie offen ihre Haltung: Das „zionistische Projekt“ Israels, so Engelhorn, verletze das Völkerrecht und trete die Rechte der palästinensischen Bevölkerung mit Füßen. Sie fordert ein „Ende der Apartheid, gleiche Rechte für alle statt Privilegierung einer ethnischen Gruppe“. Engelhorn versteht sich dabei als Teil einer internationalen Bewegung, die sich auf Berichte von Amnesty International und Human Rights Watch stützt. Diese Organisationen beschreiben die Situation im Gazastreifen ebenfalls mit Begriffen wie „Apartheid“ oder „Völkerrechtsbruch“.
Sie bezieht sich ausdrücklich auf die Einschätzung internationaler Fachleute, „die zu Völkermord forschen und sich inzwischen einig sind, dass Israel einen Völkermord verübt“. Diese Einordnung ist in der Öffentlichkeit höchst umstritten. Nicht zuletzt deshalb, weil sie Begriffe verwendet, die mit der Shoah verknüpft sind.
Auch zu möglichen problematischen Assoziationen äußert sich Engelhorn deutlich: Auf die Frage, was sie von einzelnen Mitgliedern der Gaza-Flotte halte, die Sympathien für Hamas oder Hisbollah gezeigt haben, sagt sie: „Die Verteidigung der Rechte der Crew gilt unabhängig davon, was ich persönlich von ihnen halten mag.“ Für sie stehe das Ziel im Vordergrund: „die Bemühungen, das Völkerrecht hochzuhalten und auf seiner Wahrung und Einhaltung zu bestehen.“
Für viele Kritiker:innen wirkt das wie ein Ausweichen. Doch Engelhorn bleibt bei ihrer Linie: Ihr Engagement ist eine politische Handlung aus Überzeugung, auch wenn sie damit extreme Gegenreaktionen auslöst.
FAQ
Hat Marlene Engelhorn sich explizit antisemitisch geäußert?
Nein. Der Vorwurf des Antisemitismus stützt sich auf die Kombination aus Aussagen, Symbolen und familiärem Kontext.
Warum sorgt ihr T-Shirt für so viel Aufregung?
Das T-Shirt mit der Botschaft „Free Palestine“ wurde im Zusammenhang mit ihrer familiären Herkunft interpretiert. Viele empfinden es als Provokation, wenn eine BASF-Erbin mit NS-Verstrickung öffentlich Stellung gegen Israel bezieht, unabhängig von ihrer eigentlichen Intention.
Wie reagiert Engelhorn auf die Kritik?
Sie weist den Vorwurf der „Sippenhaft“ klar zurück und bezeichnet ihn als Versuch, sie zu diskreditieren. Ihr politisches Engagement sieht sie als Konsequenz aus ihrer Herkunft, nicht als Widerspruch dazu. Sie betont: „Meine Privilegien fangen mich auch nach der Rückverteilung auf.“
Welche Rolle spielt die Familiengeschichte in der öffentlichen Wahrnehmung?
Eine zentrale. Der Bezug zu BASF, IG Farben und der NS-Zeit ist in vielen Kommentaren präsent. Obwohl Engelhorn darauf hinweist, dass ihre Familie seit 1885 nichts mehr mit BASF zu tun hatte, sehen Kritiker:innen darin einen historischen Zusammenhang mit ihrem politischen Auftreten heute.
Fazit: Politische Botschaft, historische Bürde und eine Eskalation im Netz
Marlene Engelhorn steht heute dort, wo Politik, Geschichte und Öffentlichkeit aufeinanderprallen. Sie segelt nach Gaza, um auf humanitäres Leid aufmerksam zu machen, aber das Bild, das davon bleibt, ist geprägt von ihrer Herkunft, ihren Worten und ihren Symbolen.
Was für sie ein Ausdruck von Gerechtigkeit ist, wird für andere zur Provokation. Der Vorwurf: Wer aus einem NS-verstrickten Industriezweig stammt, kann nicht neutral für Palästina eintreten, ohne historische Verantwortung zu relativieren.
Engelhorn wehrt sich gegen diesen Vorwurf. Doch die Debatte ist längst entfacht, und sie zeigt, wie wenig Raum bleibt für politische Botschaften, wenn sie mit einer historischen Last beladen sind. Wer so handelt, muss wissen: Jede Geste zählt. Und jede Herkunft wirkt mit.
Wer sich in einem derart aufgeladenen Konflikt äußert, wird nicht nur an seinen Worten gemessen, sondern an dem gesamten Bild. Und dieses Bild ist im Fall Engelhorn hochemotional, historisch aufgeladen und politisch explosiv.
Quellen: derStandard, Die Presse, t-online
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