In China grassiert eine neue Coronavirus-Variante mit dem Namen HKU5‑CoV‑2, die dem SARS-CoV‑2 ähnelt und kurz vor dem Sprung auf den Menschen steht.
Aufgestellt von: Unbekannt
Irreführend
Teilweise wahr. Das Virus HKU5‑CoV‑2 existiert tatsächlich und wurde in Fledermäusen entdeckt. Es kann im Labor menschliche Zellen infizieren, doch bisher wurde kein einziger Fall einer Infektion beim Menschen nachgewiesen. Die mediale Darstellung einer unmittelbar bevorstehenden Pandemie ist stark übertrieben.
Kurze Faktenübersicht:
HKU5‑CoV‑2 stammt aus einer asiatischen Fledermausart (Pipistrellus spp.).
Es nutzt im Labor den menschlichen ACE2-Rezeptor, wie SARS‑CoV‑2.
Keine dokumentierten menschlichen Infektionen, keine Übertragung nachgewiesen.
Wissenschaftler warnen vor Panikmache, das Virus ist ein Überwachungskandidat, kein akuter Erreger.
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Vorab-Hinweis: In den sozialen Netzwerken häufen sich bereits Kommentare und Mutmaßungen, dass HKU5‑CoV‑2 die nächste große Pandemie auslösen könnte. Wir nehmen diese Sorgen ernst, möchten aber betonen: Dieser Faktencheck basiert auf überprüften wissenschaftlichen Erkenntnissen und geht sachlich, quellengestützt und ohne Panikmache an das Thema heran.
HKU5‑CoV‑2: Ein Virus aus der Fledermaus mit ACE2-Kompetenz
HKU5‑CoV‑2 wurde erstmals 2025 in Fledermäusen der Gattung Pipistrellus im Raum Ost- und Südostasien identifiziert. Die Entdeckung basiert auf einer Studie, die im renommierten Fachjournal Cell (Volume 188, Issue 6, 20. März 2025, Seiten 1729–1742.e16) veröffentlicht wurde. Dort beschreiben Forscher:innen unter Leitung von Zheng-Li Shi die Isolation eines neuen Coronavirus-Stamms mit ungewöhnlichen Eigenschaften. In Laborexperimenten konnte gezeigt werden, dass das Virus gezielt den menschlichen ACE2-Rezeptor nutzt, dieselbe Eintrittspforte, die auch SARS‑CoV‑2 verwendet.
Die Ergebnisse beruhen auf Zellkulturversuchen und Organoidmodellen, also künstlich erzeugten Mini-Organen. In diesen zeigte das Virus Infektiosität und Replikationsfähigkeit. Dennoch: Die Forscher betonen ausdrücklich, dass keine Infektion beim Menschen beobachtet wurde. Die Studienlage stellt klar, dass HKU5‑CoV‑2 ein zoonotisches Risiko darstellt, jedoch bislang rein hypothetisch.
Grafik aus der Studie in „Cell“: HKU5‑CoV‑2 wurde in Fledermäusen gefunden, nutzt den menschlichen ACE2-Rezeptor (unten) und zeigt strukturelle Ähnlichkeiten zu bekannten Coronaviren (rechts oben). Die Infektion von Zelllinien und Organoiden (unten) deutet auf ein theoretisches Spillover-Risiko hin.
Was steckt hinter der Panikmache um HKU5‑CoV‑2?
Auslöser für die mediale Aufregung war ein Artikel auf der britischen Boulevardseite Express.co.uk, der suggerierte, es handelte sich um eine „neue Variante aus China“, die bereits Menschen bedrohe und die nächste weltweite Pandemie auslösen könne. Diese Darstellung steht nicht im Einklang mit der wissenschaftlichen Realität. Der „Express“ verknüpft die neuen Studienergebnisse mit der Corona-Angst, ohne klarzumachen, dass alle Erkenntnisse auf Labordaten beruhen.
Diese Dramatisierung wird von zahlreichen Virolog:innen kritisiert. So betont etwa Prof. David Heymann von der London School of Hygiene and Tropical Medicine, dass man zwischen molekularbiologischen Erkenntnissen und tatsächlichen Infektionen unterscheiden müsse.
Auch die WHO stuft das Virus bislang nicht als Variant of Interest oder Concern ein, es befindet sich lediglich in der wissenschaftlichen Beobachtung. Die WHO führt auf ihren offiziellen Informationsseiten zur Variantverfolgung ausschließlich SARS‑CoV‑2-Varianten auf, also beispielsweise Alpha, Delta, Omicron, JN.1, KP.3 etc. Da HKU5‑CoV‑2 kein SARS-CoV‑2-Virus ist und nie beim Menschen aufgetreten ist, fehlt es somit völlig in den Kategorien „Variant of Interest“ (VOI) oder „Variant of Concern“ (VOC).
Wie gefährlich ist HKU5‑CoV‑2 wirklich? Neue Erkenntnisse im Faktencheck
Laut der Studie in Cell besitzt HKU5‑CoV‑2 eine neuartige Bindungsstruktur an ACE2, die sich von SARS-CoV‑2 unterscheidet. Dennoch erlaubt diese Struktur den Eintritt in menschliche Zellen, allerdings mit geringer Effizienz. Das Virus wurde erfolgreich in humanen ACE2-Zelllinien und in respiratorischen sowie enterischen Organoiden repliziert.
Diese Fähigkeit alarmiert Forschende, da sie zeigt, wie schnell aus tierischen Viren mit kleinen Mutationen ein menscheninfektiöser Erreger entstehen könnte. Dennoch betonen dieselben Studien: Aktuell fehlt dem Virus die Fähigkeit zur Übertragung von Mensch zu Mensch. Auch ein Spillover-Ereignis, der Übergang vom Tier zum Menschen, wurde bisher nicht dokumentiert.
Das Virus ist daher aus Sicht der Wissenschaft ein potenzieller Kandidat für zukünftige Überwachung und Forschung, aber kein Grund für akute Besorgnis.
Wissenschaftliche Einschätzung und globale Bewertung
Die Forscher:innen der Studie rufen zu erhöhter Wachsamkeit, aber auch zu rationaler Einschätzung auf. In einem begleitenden Editorial in Cell Host & Microbe wird HKU5‑CoV‑2 als „wichtiger Testfall für Pandemieprävention“ bezeichnet, jedoch nicht als unmittelbare Bedrohung. Weitere Studien in Nature Communications stützen diese Einschätzung.
Auch internationale Plattformen wie GAVI (The Vaccine Alliance) und die WHO verweisen auf das Fehlen klinischer Fälle. Das Virus wird nicht unter beobachteten Varianten gelistet.
Die mediale Ausschlachtung durch Boulevardquellen wie Express.co.uk wird als Beispiel für unverantwortliche Panikmache kritisiert, da sie das öffentliche Vertrauen in seriöse Wissenschaft untergräbt.
Chronologie in Tabellenform:
Datum
Ereignis
Februar 2025
Isolierung von HKU5‑CoV‑2 aus Fledermausproben in China
März 2025
Veröffentlichung der Forschungsergebnisse in Cell
April 2025
Erste Medienberichte, darunter Express.co.uk, mit dramatisierenden Titeln
Mai 2025
Klarstellungen durch Fachjournale, WHO und Virologen weltweit
FAQ – Häufige Fragen zu HKU5‑CoV‑2
Was ist HKU5‑CoV‑2?
HKU5‑CoV‑2 ist ein neu entdecktes Coronavirus aus der Merbecovirus-Gruppe, also mit dem MERS-Virus verwandt. Es wurde Anfang 2025 bei Fledermäusen in China identifiziert. Anders als SARS-CoV‑2 (COVID-19) gehört es nicht zur Gruppe der Sarbecoviren.
Ist das Virus mit COVID-19 verwandt?
Nein. HKU5‑CoV‑2 ist kein Abkömmling von SARS-CoV‑2 und daher auch keine „neue COVID-19-Variante“. Es gehört zu einer anderen Virus-Untergruppe und ist näher mit dem MERS-Virus verwandt.
Wie wurde das Virus entdeckt?
HKU5‑CoV‑2 wurde durch Virenscreenings bei Fledermäusen entdeckt. Wissenschaftler:innen untersuchten im Labor, ob dieses Virus menschliche Zellen infizieren kann; dazu verwendeten sie Pseudoviren und Organoide.
Kann HKU5‑CoV‑2 menschliche Zellen infizieren?
Im Labor zeigte sich, dass HKU5‑CoV‑2 unter bestimmten Bedingungen den menschlichen ACE2-Rezeptor nutzen kann, ähnlich wie SARS-CoV‑2. Allerdings: Die Bindungsstärke ist deutlich schwächer. Es braucht zusätzliche Mutationen, um effizient zu sein. Keine natürlichen Infektionen beim Menschen sind bekannt.
Gibt es schon Infektionen bei Menschen?
Nein. Laut WHO, CDC und GAVI gibt es keinen einzigen bestätigten Fall einer HKU5‑CoV‑2-Infektion beim Menschen.
Wird das Virus von der WHO beobachtet oder als gefährlich eingestuft?
Nein. HKU5‑CoV‑2 ist nicht als Variant of Interest (VOI) oder Variant of Concern (VOC) gelistet. Es wird lediglich im Rahmen der allgemeinen virologischen Forschung überwacht.
Warum sprechen manche Medien von einer „neuen Pandemiegefahr“?
Einige Berichte (z. B. Daily Mail, Express, Economic Times) haben Forschungsergebnisse überdramatisiert. Tatsächlich stammt die Aussage „nur eine kleine Mutation entfernt“ aus einer wissenschaftlichen Laborstudie, nicht aus einem akuten Ausbruchsgeschehen.
Was sagen Expert:innen?
Prof. David Heymann (LSHTM): Man müsse zwischen molekularbiologischen Laborbefunden und echten Infektionen unterscheiden. WHO & GAVI: Kein Grund zur Sorge, solange keine Fälle beim Menschen auftreten. Nature Communications & Cell: HKU5‑CoV‑2 hat gewisse Eigenschaften, die überwacht werden sollten, aber es fehlen Anpassungen für effektive Mensch-zu-Mensch-Übertragung.
Gibt es Symptome?
Nein. Da bisher keine menschlichen Fälle bekannt sind, gibt es keine belegten Symptome. Spekulationen über fieberartige Beschwerden basieren auf MERS oder SARS, gelten aber nicht automatisch für HKU5‑CoV‑2.
Ist eine neue Pandemie möglich?
Rein theoretisch ja, aber extrem unwahrscheinlich. Das Virus müsste sich erst deutlich verändern. Es gibt derzeit keine Beweise für Übertragung auf Menschen. Die Forschung dient der Vorsorge, nicht der Panikmache.
Fazit zum Thema
HKU5‑CoV‑2 ist ein spannendes Beispiel für virologische Frühwarnsysteme, aber kein Grund zur Panik. Die Forschung zeigt: Ja, es gibt ein Fledermausvirus mit ACE2-Affinität, aber bisher keinerlei Hinweise auf eine reale Bedrohung für Menschen.
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Tom Wannenmacher ist Gründer und Chefredakteur von Mimikama, Österreichs führender Faktencheck-Organisation. Seit 2011 kämpft er gegen Desinformation und Internetbetrug.
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