KI-Videos sollen russische Eroberungen vortäuschen

Das ISW, ein Forschungsinstitut in den USA, zählte von Juni bis August mindestens 35 verdächtige Fahnenvideos. Der Trick unterläuft eine der wichtigsten Prüfmethoden für Bilder von der Front.

Die Behauptung

Videos zeigen russische Soldaten in Swjatohirsk und belegen, dass die Stadt im Gebiet Donezk Anfang September von russischen Truppen eingenommen wurde.

Aufgestellt von: Telegram-Kanäle russischer Militärblogger; Wladimir Putin und das russische Verteidigungsministerium

Faktencheck: Falsch

Falsch. Swjatohirsk wurde nicht eingenommen. Die Militärverwaltung meldete am 6. September, die Stadt sei weiter in ukrainischer Hand. Am 7. September filmte sich der ukrainische Brigadegeneral Andrij Bilezkyj im Stadtzentrum. Auch russische Militärblogger räumten die ukrainische Kontrolle ein. Ein russischer Kanal gab zu, dass seine Videos der angeblichen Einnahme von einer KI erzeugt worden waren. Laut ISW ist das kein Einzelfall: Von Juni bis August zählte es mindestens 35 verdächtige Fahnenvideos.

Wie wird Desinformation in Konflikten eingesetzt? Antworten finden Sie im Leitfaden Krieg & Konflikt-Desinformation.

Stand der Recherche: 17. September 2026

Am 1. September behauptete Russlands Präsident Wladimir Putin, russische Truppen hätten mehrere ukrainische Orte eingenommen. Darunter war auch Swjatohirsk, eine Kleinstadt im Gebiet Donezk, die für ihr großes Kloster bekannt ist. Das russische Verteidigungsministerium wiederholte die Meldung, auf russischen Telegram-Kanälen tauchten Videos von der angeblichen „Befreiung“ auf. Eingenommen war Swjatohirsk aber nicht.

Die ukrainische Verwaltung des Gebiets meldete am 6. September, die Stadt werde zwar schwer beschossen, sei aber weiter in ukrainischer Hand. Am 7. September stellte sich dann der ukrainische General Andrij Bilezkyj mitten in die Stadt, das Kloster im Hintergrund, und nahm ein Video auf. Seine Truppen hätten Swjatohirsk vollständig unter Kontrolle, sagte er. Danach gaben das sogar russische Militärblogger zu.

Zweifel sogar im eigenen Lager

Militärblogger sind Leute, die auf Telegram-Kanälen aus russischer Sicht über den Krieg berichten. Einer dieser Kanäle, „Wojenny Oswedomitel“, hatte laut der ukrainischen Zeitung Kyiv Post zwei Videos von der angeblichen Einnahme von Swjatohirsk verbreitet. Später gab er zu, dass die Videos mit KI gemacht worden waren. Auch das Institute for the Study of War (ISW), ein Forschungsinstitut in den USA, stellte fest, dass eine russische Quelle altes und manipuliertes Videomaterial zu Swjatohirsk verbreitet hatte.

Ein anderer russischer Kanal, Rybar, warnte sogar vor den Folgen. Wenn gefälschte Erfolge gemeldet werden, wissen die eigenen Befehlshaber nicht mehr, wie es an der Front wirklich aussieht – und planen ihre Angriffe womöglich falsch. Die Fälschungen täuschen also nicht nur das Publikum.

Ein Soldat, der plötzlich fehlt

Swjatohirsk ist kein Einzelfall. Das ISW hat am 10. September eine Analyse veröffentlicht: Auf russischen Kanälen tauchen immer öfter Videos auf, die mit künstlicher Intelligenz gefälscht oder verändert wurden. Sie sollen zeigen, dass russische Soldaten Orte erobert haben, die sie nach Einschätzung des ISW nicht erobert haben. Die meisten dieser Orte waren laut ISW Ende August weiter in ukrainischer Hand. Selbst nachprüfen konnten wir das nicht, hier verlassen wir uns auf das ISW.

Ein Beispiel: Eine Drohne filmt von oben dichtes Gebüsch. Mitten im Grün steht ein Soldat und schwenkt eine russische Fahne. Der Kanal Divgen verbreitete das Video am 27. Juli mit der Meldung, russische Soldaten hätten den Ort Bilyj Kolodjas im Nordosten der Ukraine „befreit“. Wer genauer hinsieht, bemerkt aber: Der Soldat ist im Vergleich zu den Büschen viel zu groß. Und als die Kamera wegzoomt, um den Ort zu zeigen, ist er einfach nicht mehr da. Russische und ukrainische Beobachter haben das Video deshalb als KI-Fälschung bezeichnet.

Telegram-Beitrag des Kanals Divgen mit einem Drohnenvideo: Ein Soldat hält im Gebüsch eine russische Fahne, darunter die Meldung über die angebliche Einnahme von Bilyj Kolodjas.
Der Beitrag vom 27. Juli. Das ISW führt das Video als Beispiel für eine KI-Manipulation. Die Profilbilder der Kommentierenden haben wir verpixelt. Screenshot: Mimikama
Standbild aus der ISW-Auswertung: Ein Soldat mit russischer Fahne im Gebüsch, dessen Größe nicht zur Umgebung passt.
Ausschnitt aus der Auswertung des ISW: Die Größe des Soldaten passt nicht zu den Büschen rundherum. Grafik: © 2026 Institute for the Study of War

Für die Verantwortlichen hatte das offenbar Folgen. Eine russische Quelle meldete, zwei Offiziere der betroffenen Einheit seien wegen des Videos abgesetzt worden. Das ISW gibt diese Meldung wieder, bestätigt ist sie nicht.

Wie man herausfindet, wo ein Video gedreht wurde

Um den Trick zu verstehen, muss man wissen, wie Karten vom Kriegsgeschehen entstehen. Viele Fachleute arbeiten mit Videos, die im Internet auftauchen. Sie vergleichen Häuser, Straßen, Bäume und Felder im Video mit Satellitenbildern, so lange, bis klar ist, wo gefilmt wurde. Das nennt man Geolokalisierung. Zeigt ein Video Soldaten an einem bestimmten Ort, wird daraus ein Punkt auf der Karte.

Genau das nutzen russische Soldaten laut ISW schon seit mindestens September 2025 aus. Kleine Gruppen schlichen sich in Gebiete, hissten dort eine Fahne und filmten das, damit es wie eine Eroberung aussieht. Mit KI geht es noch einfacher. Es muss niemand mehr wirklich dort gewesen sein. Man nimmt eine echte Aufnahme des Ortes und lässt die Soldaten mit Fahne von einem Programm hineinsetzen. Oft werden solche Szenen mit echten Aufnahmen zusammengeschnitten, damit die Fälschung weniger auffällt.

Ein Problem für alle, die Videos prüfen

Bisher galt: Wenn man genau sagen kann, wo ein Video gedreht wurde, ist schon viel geklärt. Bei diesen Videos stimmt der Ort aber tatsächlich. Das ISW vermutet, dass russische Quellen Orte an der Front gezielt filmen, um die Aufnahmen später für KI-Programme zu verwenden. Manche Kanäle liefern sogar gleich eine Karte mit, damit man den Ort leichter findet.

Was ein echter Ort im Video beweist
Und was er nicht beweist.
Das ist damit belegt
  • Den Ort gibt es wirklich.
  • Jemand hat dort irgendwann gefilmt.
Das ist damit nicht belegt
  • Ob die Soldaten wirklich dort waren.
  • Ob die Fahne wirklich dort gehisst wurde.
  • Wann gefilmt wurde und wer den Ort kontrolliert.
Nicht jedes Fahnenvideo ist gefälscht. Aber auch ein echtes Video beweist nicht, dass ein Ort erobert wurde – laut ISW hissen Soldaten Fahnen auch dort, wo sie nur kurz eingedrungen sind.
Ein echter Ort ist noch kein Beweis, dass jemand dort war.

Woran sich die Fälschungen verraten

Perfekt sind die Fälschungen bisher nicht. Das ISW hat mehrere typische Fehler gefunden. Soldaten sind zu groß oder zu klein für ihre Umgebung. Schatten passen nicht zum Rest des Bildes. Und manchmal passiert etwas, das in der Wirklichkeit unmöglich ist.

Mimikama-Club - Communitybereich fuer Steady-Unterstuetzer:innen

Ein Beispiel stammt aus Mykolajpillja im Osten der Ukraine. Der russische Kanal „Juschny Rubesch“ meldete im August, der Ort sei „befreit“ worden. Im Video dazu wächst eine russische Fahne aus dem Dach eines Hauses und verschwindet dann wieder darin, als würde sie schmelzen.

Telegram-Beitrag des Kanals Juschny Rubesch: Karte mit rot markiertem Ort Mykolajpillja und die Meldung über die angebliche Einnahme.
Die Meldung zu Mykolajpillja. Im Video des Beitrags ist die Szene mit der „schmelzenden“ Fahne zu sehen. Screenshot: Mimikama

Auffällig ist auch der Schnitt. Genau dann, wenn Soldat oder Fahne im Bild sind, springt das Video oft, zoomt oder schwenkt weg. So bleibt kaum Zeit, Fehler zu bemerken. Und durch den Schnitt wirkt es, als gehörten die Nahaufnahme mit der Fahne und der Blick über den Ort zusammen.

Wie viele solcher Videos es gibt

Das erste dieser Videos hat das ISW am 11. Juni 2026 entdeckt. Seither hat es jeden Monat mehr gezählt.

Die Zählung des ISW
Mindestens 35 verdächtige Videos in drei Monaten
Juni
mindestens 8
Juli
mindestens 13
August
mindestens 14
Bei mindestens 10 dieser Videos kam ein Erkennungsprogramm mit hoher Sicherheit zu dem Ergebnis: mit KI verändert.
So ist die Zahl zu lesen: Es sind mindestens so viele, wahrscheinlich mehr. „Verdächtig“ heißt nicht „bewiesen“. Erkennungsprogramme übersehen laut ISW aber auch Fälschungen – „nicht erkannt“ heißt deshalb nicht „echt“.
Quelle: Institute for the Study of War, 1. Juni bis 30. August 2026

Gemacht wurden die Fälschungen laut ISW mit KI-Programmen, die jeder im Internet nutzen kann.

Warum jemand solche Videos macht

Einen großen Plan der russischen Armee sieht das ISW dahinter nicht. Eher stecken einzelne Einheiten und Militärblogger dahinter. Ein möglicher Grund ist Druck von oben: Wer ein Ziel bis zu einem bestimmten Termin erreichen soll und es nicht schafft, könnte mit so einem Video Erfolg vortäuschen. So schrieb ein Kanal mit verdächtigen Videos einer russischen Einheit die Eroberung von sieben Orten zu. Diese Orte liegen laut ISW mehr als zehn Kilometer weit auf ukrainischer Seite. Genau diese Einheit hatte laut einem ukrainischen Militärexperten schon früher übertriebene Erfolge gemeldet.

Karte des ISW mit sieben schwarz markierten Orten auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet, deren Einnahme ein russischer Kanal mit verdächtigen Videos behauptet hat.
Schwarz markiert: sieben Orte, deren Eroberung ein russischer Kanal einer einzigen Einheit zuschrieb. Rot: Gebiet, das nach ISW-Einschätzung Ende August von Russland besetzt war. Karte: © 2026 Institute for the Study of War

Die Videos passen aber auch zu größeren Botschaften. Am 3. Juli sprach Putin von russischen Erfolgen in der Stadt Kostjantyniwka, die laut ISW stark übertrieben waren. Am selben und am nächsten Tag tauchten mindestens vier verdächtige Fahnenvideos aus genau dieser Stadt auf. Umgekehrt meldete die Ukraine im August, 26 Orte zurückerobert zu haben. Kurz darauf erschienen Videos, die russische Soldaten in mehreren dieser Orte zeigen sollen – auch hier erkannte das Programm bei mehreren Szenen KI. Das ISW glaubt, dass damit ein Eindruck erzeugt werden soll: Russland gewinnt überall. Das ist die Einschätzung des ISW, die russische Seite stellt die Lage anders dar.

Was als Nächstes kommen könnte

Das ISW rechnet damit, dass die Fälschungen besser werden und Erkennungsprogramme sie immer öfter übersehen. Auch gefälschte Satellitenbilder hält es für möglich. Noch haben die Videos aber meist sichtbare Fehler. Wer weiß, worauf er achten muss, kann viele davon erkennen.

Zum Mitnehmen
Drei Fragen bei Videos von der Front
  • Zeigt das Video nur, wo – oder auch, wer?Ein echter Ort beweist nicht, dass die gezeigten Menschen dort waren.
  • Was passiert im entscheidenden Moment?Springt das Bild genau dann? Passen Größe und Schatten? Verschwindet plötzlich etwas?
  • Wer sagt das außer dem Absender?Eine Meldung auf einem Kanal ist noch keine Bestätigung. Unabhängige Prüfungen brauchen Zeit.
Ein einzelnes Video entscheidet nicht, wie es an der Front aussieht – in keine Richtung.

Quellen


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.