Die Behauptung
Internationale Spendenkampagnen sammeln online Geld für lebensrettende Behandlungen krebskranker Kinder. Die Einnahmen sollen direkt den betroffenen Familien zugutekommen.
Aufgestellt von: Unbekannt
Falsch
Die Recherche zeigt systematische Desinformation und Ausbeutung. In mindestens 15 dokumentierten Fällen erhielten Familien kaum oder gar kein Geld aus angeblich millionenschweren Kampagnen. Videos wurden manipulativ inszeniert, Aussagen gefälscht und Spendenzwecke irreführend dargestellt. Die Kampagnen dienten nicht primär der Hilfe, sondern der Täuschung von Spender:innen weltweit. Die Notlage todkranker Kinder wurde gezielt für emotionale Stimmungsmache missbraucht.
Spendenbetrug mit inszeniertem Leid
Die Bilder sind kaum zu ertragen. Kahlgeschorene Kinder. Tränen. Sätze wie „Ich will nicht sterben“. Millionen Menschen spenden in gutem Glauben. Doch hinter vielen dieser Videos steckt kein Hilfsprojekt, sondern ein skrupelloses Geschäftsmodell.
Die Recherche deckt ein internationales Netzwerk auf, das gezielt krebskranke Kinder für Spendenkampagnen benutzt. Zentrale Rolle spielt ein Mann namens Erez Hadari, ein israelischer Staatsbürger mit Verbindungen nach Kanada, Israel, die USA und Südamerika.
Inszeniertes Leid statt echter Hilfe
Ein besonders erschütternder Fall ist der des siebenjährigen Khalil aus den Philippinen. Er hatte Krebs. Das Leid war real. Die Kampagne nicht.
Seine Mutter berichtet, dass Khalil gegen seinen Willen gefilmt wurde. Er musste ein englisches Skript auswendig lernen. Ihm wurde ein falscher Tropf angelegt. Zwiebeln und Menthol sorgten für Tränen. Die Familie erhielt einmalig 700 Dollar. Die Kampagne sammelte laut BBC rund 27.000 Dollar. Khalil starb ein Jahr später. Das Geld sah die Familie nie.
Ähnliche Muster zeigen sich weltweit. In Kolumbien, Ghana, Ukraine und Mexiko berichten Eltern übereinstimmend:
– Sie wussten oft nicht, dass Kampagnen online waren.
– Ihnen wurden falsche Versprechen gemacht.
– Sie erhielten keine Spenden, nur kleine „Filmhonorare“.
Neun Familien gaben an, keinen Cent von insgesamt rund vier Millionen Dollar erhalten zu haben, die angeblich in ihrem Namen gesammelt wurden.
Manipulation als Geschäftsmodell
Die Videos folgen einem klaren Muster. Professionelle Kameraführung. Dramatische Musik. Zeitdruck. Falsche Aussagen wie „nur noch zwei Monate zu leben“. In einem Fall aus Kolumbien wurde einem Kind sogar diese Frist zugeschrieben – obwohl sie medizinisch falsch war.
Die BBC überprüfte mehrere Kampagnen technisch. Kleine Testspenden erhöhten die angezeigten Beträge. Das spricht gegen bloße Fantasiezahlen. Gleichzeitig berichten Spender:innen, sie seien danach mit immer neuen Bettelnachrichten bombardiert worden – angeblich direkt vom Kind oder den Eltern verfasst.
Die Rolle von „Chance Letikva“
Viele Kampagnen liefen unter dem Namen Chance Letikva („Chance auf Hoffnung“). Die Organisation ist in Israel und den USA registriert, aber an den angegebenen Adressen nicht auffindbar. Auch verbundene Organisationen wie Walls of Hope, Saint Raphael, Little Angels oder Saint Teresa tauchen in den Recherchen auf. In mehreren Registrierungsdokumenten erscheint erneut der Name Erez Hadari.
Ein Insider schildert der BBC, wie Kinder ausgewählt wurden:
„Schöne Kinder. Drei bis neun Jahre alt. Weiße Haut. Ohne Haare.“
Fotos wurden an Hadari geschickt. Die Kinder wurden gecastet wie Schauspieler.
Gefälschte Zitate, leere Verträge
In der Ukraine wurde eine Mutter mit einem Vertrag geködert. Versprochen: 8.000 Dollar nach Erreichen des Spendenziels. Das Ziel war im Vertrag leer gelassen. Die Kampagne sammelte laut BBC über 280.000 Euro. Die Mutter erhielt nichts.
Später hieß es, das Geld sei für Werbung draufgegangen. Charity-Expert:innen widersprechen klar: Werbung dürfe maximal 20 Prozent ausmachen. Belege legte niemand vor.
Eigener Mimikama-Fall mit ähnlicher Struktur
Auch Mimikama hat einen vergleichbaren Fall geprüft. Dabei ging es um eine Facebook-Seite, die unter dem Titel „Nikolas – er muss leben“ Spenden für ein angeblich schwer krebskrankes Kind sammelte. Auch hier blieb für Spender:innen unklar, ob und in welchem Umfang das gesammelte Geld tatsächlich dem Kind zugutekam.
Was wir im Fall „Nikolas – er muss leben“ herausgefunden haben
Unsere Analyse begann nicht mit einer Vorannahme, sondern mit einer einfachen Frage: Ist diese Spendenseite glaubwürdig?
Was folgte, war eine Recherche mit vielen Stationen – und immer neuen Auffälligkeiten.
Vom emotionalen Aufruf zur professionellen Kampagne
Zunächst fiel die starke Emotionalisierung auf. Texte, Bilder und Videos waren präzise auf Mitgefühl zugeschnitten. Das allein ist noch kein Beweis für Betrug. Doch bei genauerem Hinsehen wirkte die Seite nicht wie ein privater Hilferuf, sondern wie eine strategisch geplante Kampagne. Aufbau, Wortwahl und Bildsprache erinnerten eher an Fundraising-Marketing als an eine spontane Bitte verzweifelter Eltern.
Bezahlte Werbung statt zufälliger Reichweite
Der nächste Schritt führte in die Werbebibliothek von Meta. Dort zeigte sich: Die Seite schaltete aktiv bezahlte Anzeigen. Reichweite wurde gezielt eingekauft.
Finanziert wurden diese Anzeigen von derselben Organisation, die auch als Spendenempfänger auftrat. Das ist ein entscheidender Punkt. Denn hier wird nicht nur um Hilfe gebeten – hier wird investiert, um Spenden zu maximieren.
Auffällig war auch die geografische Aussteuerung der Werbung. Die Reichweite konzentrierte sich auf ungewöhnliche Regionen, die für eine solche Kampagne untypisch sind. Das passt nicht zu einem lokalen oder familiären Unterstützungsaufruf.
Wer steckt dahinter?
Wir prüften die Organisationen, die im Hintergrund genannt werden. Namen, Strukturen, Verbindungen. Formal existieren diese Organisationen. Doch klare Zuständigkeiten blieben unauffindbar. Wer entscheidet über das Geld? Wer kontrolliert die Ausgaben? Wer haftet? Diese Fragen blieben offen.
Hinzu kamen technische Auffälligkeiten:
Die Domain der Spendenseite war sehr jung. Die WHOIS-Daten waren verborgen. Die Plattformen, über die Spenden abgewickelt wurden, enthielten weitreichende Haftungsausschlüsse. Verantwortung wurde weitergereicht – oder ganz vermieden.
Texte, die bekannt vorkommen
Ein besonders sensibler Teil der Analyse betraf die Inhalte selbst. Wir verglichen die Geschichte von „Nikolas“ mit anderen Spendenaufrufen – und stießen auf auffällige Parallelen. Nicht nur im Aufbau, sondern auch in der Dramaturgie. Bestimmte Formulierungen, emotionale Wendepunkte und erzählerische Elemente erinnerten stark an ältere, dokumentierte Krankengeschichten realer Kinder.
Das wirft Fragen auf. Denn echte Schicksale unterscheiden sich. Sie folgen nicht immer demselben erzählerischen Muster.
Kontaktversuche und Schweigen
Parallel zur Analyse suchten wir den Kontakt. Wir stellten konkrete Fragen: zur Organisation, zur Mittelverwendung, zur Verantwortung. Es gab Rückmeldungen – doch sie blieben ausweichend. Teilweise brach der Kontakt ab. Eine transparente, überprüfbare Erklärung erhielten wir nicht.
Auch das ist kein Beweis für Betrug. Aber es ist ein weiteres Warnsignal. Seriöse Spendenaktionen haben ein Interesse daran, Vertrauen zu schaffen. Schweigen tut das Gegenteil.
Das Gesamtbild
Am Ende stand kein einzelner „Beweis“, sondern etwas anderes: ein Muster.
Professionelle Kampagnenführung. Bezahlte Werbung. Intransparente Organisationen. Wiedererkennbare Erzählstrukturen. Technische Abschottung. Fehlende Klarheit bei Rückfragen.
Genau diese Kombination kennen wir aus anderen Fällen. Und genau deshalb ordnen wir den Fall „Nikolas – er muss leben“ nicht als unauffällige Einzelaktion ein, sondern als Teil eines problematischen Spendensystems, das gezielt mit Mitgefühl arbeitet – und dabei mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet.
Zum ausführlichen Faktencheck zu „Nikolas-er muss leben“
Warum das gefährlich ist
Diese Masche zerstört Vertrauen. Sie missbraucht Mitgefühl. Sie schadet echten Hilfsorganisationen. Und sie instrumentalisiert todkranke Kinder für Profit. Das ist keine Grauzone. Das ist organisierte Täuschung.
FAQ
Gab es die kranken Kinder wirklich?
Ja. Die Kinder waren real und tatsächlich krank. Genau das macht den Betrug so perfide.
Wussten die Familien von den Kampagnen?
Oft nein. Viele erfuhren erst durch die BBC von den veröffentlichten Videos.
Sind die Spendensummen sicher echt?
Die BBC konnte zeigen, dass Beträge nach Spenden anstiegen. Absolute Sicherheit gibt es nicht, aber vieles spricht für reale Einnahmen.
Wer steckt hinter dem Netzwerk?
Zentral genannt wird Erez Hadari. Er bestreitet Vorwürfe oder reagierte nicht.
Sind die Organisationen seriös registriert?
Sie sind teilweise registriert, aber an angegebenen Adressen nicht auffindbar. Das ist ein typisches Warnsignal.
FAZIT
Dieser Fall zeigt Desinformation in ihrer grausamsten Form. Hier geht es nicht um Meinungen, sondern um systematischen Betrug. Um inszeniertes Leid. Um Geld, das nie bei sterbenden Kindern ankam. Wer spendet, will helfen – und wird missbraucht. Solche Netzwerke schaden nicht nur einzelnen Familien, sondern dem Vertrauen in jede Form von Solidarität. Genau deshalb müssen sie offengelegt werden.
Quelle: Children with cancer scammed out of millions fundraised for their treatment, BBC finds
Passend dazu: „Pray for Xiao Yu“: Tragische Geschichte o. Betrugsmasche?
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.
