Einstieg / Beobachtung
Es beginnt oft unspektakulär. Ein Jugendlicher verbringt viel Zeit online, schaut Videos, chattet, zieht sich zurück. Für Eltern oder Lehrkräfte wirkt das nicht ungewöhnlich.
Erst später wird sichtbar, was sich im Hintergrund entwickelt hat. In einigen Fällen endete dieser Prozess nicht bei Worten oder Bildern, sondern bei konkreten Anschlagsplänen. Die Betroffenen waren dabei oft kaum älter als 15 oder 16 Jahre.
Eine neue Studie des Landeskriminalamts Baden-Württemberg beschreibt dieses Phänomen genauer. Sie spricht von sogenannten „Teenage Terrorists“ in Deutschland.
Hintergrund / Kontext
Ausgangspunkt der Untersuchung sind 37 abgeschlossene Ermittlungs- und Gerichtsverfahren. Die Forscherinnen und Forscher werteten dafür Akten aus, die sich mit sehr jungen Tatverdächtigen befassen. Das durchschnittliche Alter lag bei 16 Jahren.
Einige der Jugendlichen waren zur Tatzeit noch unter 14 Jahre alt. Sie galten damit als strafunmündig. Dennoch hatten sie sich bereits intensiv mit schweren Gewalttaten beschäftigt.
Alle untersuchten Fälle weisen einen gemeinsamen Bezug auf. Die Jugendlichen bewegten sich in der sogenannten „Terrorgram“-Szene. Der Begriff beschreibt extremistische Netzwerke, die vor allem über den Messenger Telegram agieren.
Diese Szene ist überwiegend rechtsextrem geprägt. Einzelne Untergruppen weisen auch Bezüge zu dschihadistischen oder satanistischen Ideologien auf. Telegram gilt dabei als zentraler Kommunikationsraum, auch wenn Inhalte auf anderen Plattformen verbreitet werden.
Wirkung / Alltag / Öffentlichkeit
Öffentlich wahrgenommen wurde das Thema zuletzt im Mai 2025. Damals nahm die Polizei in mehreren Bundesländern fünf Jugendliche fest. Sie standen im Verdacht, Teil der Gruppe „Letzte Verteidigungs Welle“ zu sein.
Die Bundesanwaltschaft wirft der Gruppe unter anderem Brandanschläge auf ein Kulturhaus in Brandenburg und ein Asylbewerberheim vor. Alle Tatverdächtigen waren zwischen 14 und 18 Jahre alt.
Für viele Beobachterinnen und Beobachter war weniger die Tat selbst als das Alter der Beteiligten erschreckend. Der Fall steht exemplarisch für eine Entwicklung, die Sicherheitsbehörden zunehmend beschäftigt.
Auch im schulischen Alltag zeigen sich Parallelen. Extremistische Inhalte tauchen immer häufiger in Klassenchats auf. Lehrkräfte und Schulsozialarbeit geraten dabei an Grenzen.
Analyse / Einordnung
Die Studie beschreibt Radikalisierung nicht als plötzliches Ereignis. Vielmehr handelt es sich um einen Prozess, der oft über Monate verläuft. Ein zentraler Faktor ist die intensive Nutzung sozialer Medien.
Nach Einschätzung der Autoren spielte die Corona-Pandemie eine verstärkende Rolle. Viele Kinder und Jugendliche verloren in dieser Zeit den Kontakt zu ihrem gewohnten Offline-Alltag. Freizeit, Austausch und Anerkennung verlagerten sich ins Digitale.
Extremistische Akteure nutzten diese Situation gezielt aus. Sie veröffentlichten Propagandavideos und Inhalte, die Gewalt verherrlichen. Die Jugendlichen wurden dabei meist nicht direkt angeworben.
Stattdessen suchten viele selbst nach Videos bekannter Anschläge oder Täter. Plattform-Algorithmen sorgten anschließend dafür, dass sie immer mehr ähnliches Material sahen. So entstand ein geschlossenes Weltbild.
Hinzu kamen persönliche Belastungen. In vielen Fällen befanden sich die Jugendlichen in schwierigen Lebenslagen. Vernachlässigung im Elternhaus, Mobbing in der Schule oder soziale Isolation spielten eine Rolle.
In über zwei Dritteln der Fälle lagen diagnostizierte psychische Erkrankungen vor oder zumindest deutliche Anzeichen dafür. Die Studie stellt dabei keinen einfachen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang her, macht aber strukturelle Muster sichtbar.
Weitere Befunde der Studie
Auffällig ist auch die Geschlechterverteilung. In allen 37 untersuchten Fällen handelte es sich um Jungen. Mädchen und junge Frauen kommen in der Szene kaum vor. Die Autoren führen dies unter anderem auf den ausgeprägten Frauenhass innerhalb der „Terrorgram“-Netzwerke zurück. Neben der Glorifizierung von Anschlägen finden sich dort auch sexualisierte Gewaltfantasien gegen Frauen.
Für die Jugendlichen selbst bietet die Szene etwas, das ihnen im Alltag fehlt. Anerkennung, Status und das Gefühl von Bedeutung. In den Gruppen werden Täter zu Helden stilisiert.
In einigen Fällen waren die Anschlagspläne bereits weit fortgeschritten. Jugendliche bauten ihre Schulen in Computerspielen nach, um Taten virtuell zu erproben. Das zeigt, wie konkret die Auseinandersetzung mit Gewalt sein kann.
Keine Radikalisierung im Verborgenen
Ein zentrales Ergebnis der Studie widerspricht einem verbreiteten Eindruck. Die Radikalisierung geschah selten heimlich. Eltern, Lehrkräfte oder Mitarbeitende der Jugendhilfe bemerkten häufig Veränderungen.
Allerdings wurden diese Signale oft falsch eingeordnet. Die Bedrohung wurde unterschätzt oder als pubertäre Provokation abgetan. Manchmal fehlte auch schlicht das Wissen, wie angemessen reagiert werden kann. Die Studie zeigt damit eine Lücke zwischen Wahrnehmung und Handeln. Radikalisierung wurde gesehen, aber nicht als solche erkannt.
Gleichzeitig betonen die Autoren, dass polizeiliche Eingriffe Wirkung zeigen können. In rund zwei Dritteln der Fälle hatten die Jugendlichen zum Zeitpunkt der Untersuchung die Szene bereits verlassen. Viele von ihnen waren wieder stabil in Schule, Ausbildung oder Familie integriert. Der Kontakt mit Ermittlungsbehörden wirkte in diesen Fällen wie ein Einschnitt.
Schluss / Haltung
Die Ergebnisse der LKA-Studie zeichnen ein nüchternes Bild. Sie zeigen, wie früh Radikalisierung beginnen kann und wie eng sie mit digitalen Räumen verknüpft ist.
Gleichzeitig machen sie deutlich, dass Jugendliche in diesen Prozessen nicht nur Täter sind. Häufig sind sie zuvor selbst belastet, isoliert oder orientierungslos.
Die Autoren der Studie betonen deshalb, dass es sich nicht um ein reines Sicherheitsproblem handelt. Neben polizeilichen Maßnahmen braucht es therapeutische und beratende Angebote.
Vor allem aber braucht es Aufmerksamkeit. Radikalisierung entsteht selten laut. Sie wächst leise, sichtbar, aber oft unterschätzt.
Quellen
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