Machen Windräder dement? Die Faktenlage

Neue Demenzangst durch Windräder: Eine Behauptung ohne wissenschaftliche Basis, befeuert durch alternative Medien und Fehlinterpretationen.

Die Behauptung

Windkraftanlagen erhöhen das Demenzrisiko, vor allem vaskuläre Demenz, weil ihr Infraschall Gefäße und Gehirnzellen schädigt. Als Beleg dient eine schwedische Statistik-Auswertung (H. Theorell) und Warnungen der deutschen Ärztin Ursula Bellut-Staeck. Medien berichten, Demenzfälle nähmen in der Nähe leistungsstarker Windräder zu, besonders auf Gotland. Behörden würden die Gefahr ignorieren.

Aufgestellt von: Alternative Medien

Faktencheck: Falsch

Es gibt keine anerkannte Studie, die zeigt, dass Windräder Demenz verursachen. Die zitierte schwedische Korrelation ist nicht peer-reviewt und belegt keine Ursache; alternative Faktoren wurden nicht ausgeschlossen.

Behörden und Fachgremien sehen nach aktuellem Stand keine Gesundheitsgefahr durch Windrad-Infraschall in Wohnentfernung. Die LUBW widerlegt die vorgeschlagene Biomechanik: Der von Windrädern erzeugte Druck ist tausendfach zu gering, um Zellen zu reizen. Tier- und Laborbefunde arbeiten mit extremen Schalldruckpegeln, die mit Wohnrealität nichts zu tun haben.

Die Behauptung basiert auf selektiven Indizien und wird in alternativen Medien alarmistisch zugespitzt.

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Wie aus einer Korrelation ein Demenz-Alarm wird

Im August 2025 veröffentlichte die Epoch Times ein Interview, in dem Dr. Ursula Bellut-Staeck vor steigenden Demenzfällen in der Nähe leistungsstarker Windräder warnte und auf schwedische Zahlen von H. Theorell verwies. 

Kurz darauf tauchten dieselben Stichpunkte wortgleich in Blogs wie „Die Situation“ auf: „Demnach steigen Demenzfälle in der Nähe leistungsstarker Windkraftanlagen“. 

Parallel meldete TKP, in Schweden sei ein „2,5-facher Anstieg vaskulärer Demenz“ nach Windradausbau beobachtet worden.

Irreführung durch Verlinkung und Alarm-Tonalität

TKP und alternative Medien wie Epoch Times bauen bewusst eine falsche Brücke:

  • Henning Theorell: Verlinkt wird ein Artikel mit dem Titel „Why Does Egg Mortality Increase Near a New Wind Industry?“ (Svensk Veterinärtidning, Juni 2024), der sich ausschließlich mit toten Hühner-Eiern befasst. Kein Wort über Demenz.
  • Ursula M. Bellut-Staeck: Epoch Times zitiert sie, um einen angeblichen Anstieg vaskulärer Demenz in der Nähe von Windkraftanlagen zu belegen. Ihre Aussagen basieren jedoch auf:
    1. Einer Nicht-Peer-Review-Übersicht im SCIREA Journal of Clinical Medicine (Juni 2025), die alte Tier- und Zellstudien spekulativ interpretiert. Kein Beleg für Demenz bei Menschen.
    2. Einem Interviewformat, das mit dramatischen Formulierungen arbeitet, ohne wissenschaftlicher Evidenz zu liefern.

Beide Quellen – das Hühner-PDF und die Bellut-Staeck-Aussagen – werden irreführend zusammengefügt, um eine wissenschaftliche Basis zu suggerieren, wo keine existiert. Sie dienen als Verstärker einer Alarmmeldung, nicht als glaubwürdiger Beweis.

Wie aus Statistik Panik wird

Der Ausgangspunkt ist eine simple Statistik: In einer Region mit vielen Windturbinen stiegen die Demenzfälle. Das wird sofort so gedeutet, als ob Windkraftanlagen die Ursache wären. Doch: Korrelation ist nicht Kausalität.

🧩 Kurz erklärt: Korrelation ≠ Kausalität

Nur weil zwei Dinge gleichzeitig passieren, heißt das nicht, dass eines das andere verursacht.

Beispiel:
Wenn mehr Eis gegessen wird, gibt es auch mehr Sonnenbrände. Das heißt aber nicht, dass Eis Sonnenbrand verursacht. Beides hängt nur mit Sommerwetter zusammen.

Genau so ist es auch bei unserem Thema:
Steigen Demenzfälle in einer Region mit vielen Windrädern, beweist das nicht, dass Windkraftanlagen die Ursache sind. Meist gibt es andere Gründe: etwa mehr ältere Menschen oder bessere Diagnosen.

Merke:
Korrelation = gleichzeitig.
Kausalität = Ursache und Wirkung.

Eine alternde Bevölkerung oder genauere Diagnosen können solche Zahlen genauso erklären. Selbst die Ärztin, die davor warnt, räumt das im Interview ein, trotzdem macht sie daraus eine Alarmmeldung.

Die angebliche „Studie“ von H. Theorell ist nie in einem Fachjournal erschienen. Trotzdem wird sie in alternativen Medien als wissenschaftlicher Beweis herumgereicht. Blogs und Telegram-Kanäle übernehmen die Aussagen wortgleich, mit Schlagzeilen wie „SCHOCKIERENDE ENTHÜLLUNG“. So entsteht der Eindruck von Seriosität, allerdings ohne jede Qualitätskontrolle.

Dazu kommen Experimente mit Extremwerten: Tierversuche mit 90–130 Dezibel Infraschall, also Lautstärken, die im Alltag niemand erlebt. In Wohngebieten nahe Windturbinen liegen die Werte millionenfach niedriger. Der Vergleich hinkt gewaltig.

Behörden haben die Theorie überprüft. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Druckschwankungen durch Windturbinen / -räder sind so winzig, dass sie keine Zellen reizen können.

Zum Vergleich: Unser eigener Herzschlag erzeugt tausendfach stärkere Druckwellen im Körper, ohne dass er uns krank macht.

Große Feldstudien wie „TremAc“ fanden ebenfalls keinen Zusammenhang zwischen Windrad-Infraschall und Krankheiten. Die gemessenen Werte lagen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Beschwerden lassen sich eher durch Angst und Erwartung erklären, dabei handelt es sich um den sogenannten Nocebo-Effekt. Wer überzeugt ist, dass Windkraftanlagen krank machen, spürt eher Symptome.

Warum wirkt die Story trotzdem? Weil mit Angst gespielt wird. Schlagworte wie „Windkraft-Wahnsinn“ oder „Monster-Turbinen“ erzeugen Bedrohung. Behörden werden als „ignorant“ hingestellt, während alternative Medien so tun, als würden nur sie die Wahrheit sagen. Und weil dieselben Formulierungen in Dutzenden Blogs und Posts wiederholt werden, entsteht ein Echo, das die Lüge immer vertrauter wirken lässt.

FAQ

Gibt es eine Studie, die beweist, dass Windräder Demenz auslösen?

Nein. Es existiert keine peer-reviewte Studie, die einen kausalen Zusammenhang zeigt. Genannt wird eine schwedische Korrelation ohne veröffentlichte Methodik und ohne Ausschluss anderer Faktoren. Das trägt wissenschaftlich nicht.

Wie erklären Behörden die angeblichen Effekte?

Die LUBW zeigt, dass die Druckschwankungen durch Windräder in Wohnentfernung extrem klein sind (<1 Pascal) und physiologisch unbedeutend. TremAc fand keine belastbaren Effekte in Feldmessungen. Berichte über Beschwerden lassen sich teils mit Nocebo und Erwartungseffekten erklären.

Warum werden Tier- und Labordaten hier falsch genutzt?

Weil sie mit extremen Pegeln arbeiten, die in der Lebensrealität nicht vorkommen. 90–130 dB bei 8 Hz oder >100 dB sind Laborbedingungen, keine Wohnsituationen. Ein Übertrag auf Demenz beim Menschen ist nicht gedeckt.

Wer verbreitet die Demenz-These besonders stark?

Vor allem alternative Medien, Blogs und windkraftkritische Netzwerke. Epoch Times, TKP und Blogs wie „Die Situation“ griffen die Punkte auf und verbreiteten sie synchron. Politische Akteure aus dem rechten Spektrum nutzten die These für Anträge und Anhörungen.

Hat die Fachärztin Bellut-Staeck selbst die Grenzen eingeräumt?

Ja. Sie sagte sinngemäß, Korrelation beweise keine Kausalität. Trotzdem formulierte sie Warnungen, die von Medien zu kausalen Aussagen zugespitzt wurden.

Ist Gotland ein Sonderfall mit mehr Demenz durch Windkraftanlagen?

Es gibt Berichte über einen auffälligen Anstieg parallel zum Windradausbau, aber keine peer-reviewte Analyse, die andere Ursachen ausschließt. Ohne robuste Methodik bleibt das Spekulation.

Fazit

Die Behauptung „Windräder erhöhen das Demenzrisiko“ hält einer Prüfung nicht stand. Sie basiert auf einer nicht publizierten Korrelation, wird durch Extrem-Experimente scheinplausibel gemacht und medial alarmistisch verstärkt. Behörden und Feldstudien finden keinen plausiblen Wirkmechanismus und keine realen Belastungen in Wohnentfernung.

Weder die von TKP verlinkte Hühner-Studie noch der von der Epoch Times verbreitete Bellut-Staeck-Artikel liefern irgendeinen Nachweis für Demenz durch Windkraftanlagen. Bis belastbare Evidenz vorliegt, gilt, dass sie kein belegter Demenzfaktor sind; die gegenteilige Erzählung ist eine Fehlinterpretation mit deutlichen Zügen von Desinformation.

Quellen:
Umweltbundesamt (UBA): Positionspapier Windenergie und Gesundheit (2016)
Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW): Windenergie und Schall
Bundesverband WindEnergie e.V. (BWE): Faktencheck Infraschall – Windenergieanlagen und Gesundheit (2021, PDF)
ASU – Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin: Infraschall von Windenergieanlagen: keine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung (2021)
EHP – 72-Stunden-Infraschallexperiment: keine physiologischen Effekte (2023)
Polnische Doppelblindstudie: Windradgeräusche vs. Verkehrslärm – kein Effekt auf EEG und Kognition (2025)
Earth.com: Studie zu kognitiven Effekten von Windradlärm – keine Beeinträchtigung (2025)
Skeptical Science: Does low-frequency noise from wind turbines cause “Wind Turbine Syndrome”? – Review (2025)
Copernicus WES Journal: Wind turbine noise: interdisziplinäre Betrachtung technischer, medizinischer und sozialer Kontexte (2025)
ScienceDirect: C. Baliatsas et al. – Datenanalyse Windparks und Gesundheit (2025)
ResearchGate: Impact of Wind Turbines on Human Health and Safety – Review (2025)
GEO: Studie – Feinstaub steigert das Demenzrisiko (2020)

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